Mattarella: Multilateralismus in den Dienst des Friedens stellen
Der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella hat den Multilateralismus als Werk bezeichnet, das Auseinandersetzungen abkühlt und friedliche Lösungen möglich macht. Er sei „die Sprache der gemeinsamen Verantwortung“. In seiner Gedenkrede während der zentralen Gedenkveranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Volkstrauertag am Sonntag, 16. November 2025, forderte Mattarella dazu auf, es nicht zuzulassen, dass heute „der europäische Traum unserer Union von Nachahmern dunkler Zeiten zerrissen wird“. Das schulde man den Gefallenen, den Namen auf den Stolpersteinen in den Städten, der „wertvollen Arbeit des Erhalts der Erinnerung und den jungen Leuten, die das Recht haben, in einer sicheren Welt zu leben, die besser ist als der Krieg und die Nachkriegszeit“.
80 Jahre nach Weltkriegsende stand die Gedenkstunde unter der Schirmherrschaft von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner im Zeichen der deutsch-italienischen Partnerschaft. An der Gedenkstunde im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes nahmen neben der Bundestagspräsidentin und Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier, der das Totengedenken sprach, auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Dr. Stephan Harbarth, und der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Henning Otte, teil.
Zivilisten als überwiegende Kriegsopfer
Aus den Verletzungen der Vergangenheit entstehe die gemeinsame Verpflichtung für die Zukunft, für ein Handeln, „das zum Maßstab unsere Menschlichkeit nimmt“, sagte Staatspräsident Mattarella in seiner Gedenkrede. Der Krieg treffe vor allem diejenigen, die selbst keine Kombattanten sind. Laut Vereinen Nationen seien heutzutage über 90 Prozent der Opfer in Kriegen Zivilisten. Die Zahl der Menschen, die gezwungen seien, ihre Häuser und ihr Land zu verlassen, sei so hoch wie nie zuvor.
Das humanitäre Völkerrecht als Bollwerk gegen die Unmenschlichkeit des Krieges werde durch die Tatsachen infrage gestellt, so Mattarella. Aber kein außergewöhnlicher Umstand könne rechtfertigen, was nicht zu rechtfertigen sei: Bombardements in bewohnten Gebieten, der zynische Einsatz von Hunger gegen die Bevölkerung, sexuelle Gewalt. Die Abschaffung der Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten treffe den Grundsatz der Menschlichkeit ins Herz, treffe die internationale Ordnung.
„Multilaterale Institutionen schaffen ein globales Bewusstsein“
Doch gebe es Alternativen zu diesem Szenario des Schreckens, Gegengifte. Frieden sei nicht das Ergebnis der Resignation angesichts großer Tragödien, sondern mutiger Initiativen, mutiger Männer und Frauen. In der internationalen Gemeinschaft hätten sich viele Akteure, darunter die EU, beharrlich um den Frieden bemüht, „der sich aus der Achtung der grundlegenden Menschenrechte nährt“.
Nach den Worten des Gastredners sind es die multilateralen Institutionen wie die Vereinten Nationen, der Internationale Strafgerichtshof, die Friedensmissionen und die humanitären Agenturen, die die Mühe auf sich nehmen, ein globales Bewusstsein zu schaffen. Multilateralismus sei keine Bürokratie, wie selbstherrliche Herrscher behaupteten.
„Die Stärke des Rechts dem Recht des Stärkeren entgegensetzen“
Das Abkommen zur Ächtung von Atomwaffenversuchen von 1997 sei noch nicht von China, Indien, Pakistan, Nordkorea, Israel, den Iran, Ägypten und den USA ratifiziert worden. Russland habe die eigene Ratifizierung 2023 zurückgezogen. Die Achtung der darin enthaltenen Vorschriften schwäche die „schwebende Bedrohung“ nicht ab. Die Souveränität eines Volkes bringe man nicht dadurch zum Ausdruck, „dass man ein Nachbarvolk mit Krieg überzieht“. Der Wille einer Nation zum Erfolg darf nach den Worten Mattarellas nicht darauf hinauslaufen, Ungerechtigkeit zu schaffen. Die Stärke des Rechts sei dem beanspruchten Recht des Stärkeren entgegenzusetzen.
Der Staatspräsident würdigte in seiner Ansprache auch den „außerordentlichen Weg unserer beiden Republiken“, um in beinahe 80 Jahren eine bessere Welt zu schaffen, ausgehend von Europa: „Wir haben es geschafft, eine Region des Friedens, der Freiheit, des Wohlstands, der Achtung der Menschenrechte zu schaffen. Mit der Klarheit des Mutes derer, die verlangten, das Blatt zu wenden, und bereit waren, dies zu tun. Die EU, die aus den Ruinen des Krieges entstanden ist, hat es vermocht, den Multilateralismus in den Dienst des Friedens zu stellen. Das ist eine Verantwortung, die sich heute verschärft.“ Aus den Verletzungen der Vergangenheit entstehe die gemeinsame Verpflichtung für die Zukunft, für ein Handeln, „das zum Maßstab unsere Menschlichkeit nimmt“.
Schneiderhan: Wo Krieg geführt wird, verschwindet die Demokratie
Der Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, General a. D. Wolfgang Schneiderhan, sagte eingangs, gerade weil kriegerisches Denken und Handeln selbst auf dem europäischen Kontinent nicht überwunden seien, sei es wichtig, die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft im Blick zu behalten. Die Gefallenen und Gestorbenen seien nicht anonyme Soldaten oder unbekannte Bombenopfer gewesen: „Es waren konkrete Menschen, mit einem Namen, einem Beruf, einer Familie – und vor allem mit viel Hoffnungen für das eigene Leben, die der Krieg jäh zerstörte.“
Der russische Krieg gegen die Ukraine sei durch die „schrittweise Überführung Russlands in eine Diktatur“ vorbereitet worden, sagte Schneiderhan. Wo Krieg geführt werde, verschwinde die Demokratie. Wo die Demokratie abgeschafft werde, werde die Tür für den Krieg geöffnet. In einer „Zeit der Krisen und Spaltungen in Europa“ sei es ein starkes Zeichen, dass Partnerorganisationen des Volksbundes aus 17 Ländern anwesend seien, darunter auch aus Italien. Die gemeinsame Arbeit bei der Pflege der Gräber, in der historisch-politischen Bildung, in Gedenkveranstaltungen und im Engagement für Demokratie und Frieden mache deutlich, wie „notwendig, wie wertvoll grenzüberschreitende Verständigung ist“.
Eindrücke von der Arbeit auf Kriegsgräberstätten
Die Lesung gestalteten Isabella Sofia Vazza und Matteo Atticciato aus Italien und Leutnant Lea Schuster und Dominic Lagoski aus Deutschland. Isabella Sofia Vazza, die eng mit der Jugendarbeit des Volksbunds verbunden ist, berichtete von ihrer Teilnahme an einer internationalen Jugendbegegnung des Volksbundes. „Während wir einige Tage auf der Kriegsgräberstätte arbeiteten, entwickelten sich aus unserer gemeinsamen Arbeit dauerhafte Freundschaften, die mich bis heute begleiten“, sagte sie: „Das Lesen der Biografien derer, die einst auf denselben Straßen gingen, auf denen wir standen, und die nun in der Erde ruhen, hinterließ einen tiefen Eindruck auf uns.“
Matteo Attacciato, der Teilnehmer beim Projekt „Peace Line“ war, mit dem der Volksbund junge Menschen aus ganz Europa auf erinnerungskulturelle Reisen quer durch den Kontinent schickt, berichtete von der Teilnahme an einer Westbalkan-Reise. Dabei hätten sie Augenzeugen des Genozids von Srebrenica und der langen Belagerung Sarajevos zugehört. Die Erinnerung sei eine Verantwortung, die von einer Generation auf die nächste übertragen werden wird. Sie müsse für immer brennen wie eine Fackel.
Leutnant Lea Schuster, Psychologiestudentin an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, hat sich dreimal beim deutsch-polnischen Workcamp in Monte Cassino engagiert. Sie berichtete von ihrer dreijährigen Tätigkeit als Jugendleiterin des Volksbundes in Italien. In der deutschen Kriegsgräberstätte am Monte Cassino hätten sie Grabsteine gesäubert und die Namen der kriegstoten Soldaten nachgezeichnet, die im selben Alter wie sie gewesen seien. Dabei hätten sich neue Perspektiven auf den Soldaten als Mensch ergeben, als jungen Mann, der andere Vorstellungen und Wünsche vom Leben gehabt habe als seinen eigenen Tod.
Auch Dominic Lagoski, seit 2024 Koordinator für die Bundesjugendvertretung und den Bundesjugendarbeitskreis des Volksbundes, berichtete vom ehemaligen Schlachtfeld bei Monte Cassino. „Wenn ich heute als Leiter einer Jugendgruppe in dieser friedlichen Landschaft stehe, wirkt all diese Gewalt und das Leid kaum vorstellbar.“ Zahlreiche Soldatenfriedhöfe erinnerten bis heute daran, dass Krieg keine Lösung sei: „Die endlosen Reihen an Grabsteinen mahnen uns zum Frieden.“
Totengedenken
Bundespräsident Steinmeier erweiterte das traditionelle Totengedenken in diesem Jahr um zwei Opfergruppen: Erstmals erinnerte er ausdrücklich an Menschen, die wegen ihrer geschlechtlichen oder sexuellen Identität während des Nationalsozialismus verfolgt und getötet wurden. Zudem wurden Polizistinnen und Polizisten aufgenommen, die im Einsatz ihr Leben verloren.
Das Sprechen des Totengedenkens zum Volkstrauertag wurde 1952 von Bundespräsident Theodor Heuss eingeführt. Es benennt die Opfergruppen, derer am Volkstrauertag gedacht wird: die Opfer der Weltkriege und der NS-Gewaltherrschaft, aber auch gegenwärtiger Kriege und von Hass- und Gewalttaten in Deutschland. Der Text wurde im Laufe der Zeit mehrfach angepasst.
Musikalischer Rahmen
Zu Beginn der Gedenkstunde sang die Mädchenkantorei am Bremer St. Petri-Dom unter der Leitung von Markus Kaiser, begleitet vom Bremer Barockorchester, die Kirchenkantate „Tilge, Höchster, meine Sünden“ nach dem 51. Psalm von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), eine Bearbeitung des „Stabat mater“ des italienischen Komponisten Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) aus dessen Todesjahr.
Da die Freie Hansestadt Bremen seit November 2025 die Bundesratspräsidentschaft innehat, entsendet sie traditionsgemäß den Chor zur Gedenkstunde. Auf die Begrüßung durch den Volksbund-Präsidenten folgte der Song „Weiße Fahnen“ der deutschen Band „Silbermond“ aus dem Jahr 2012, vorgetragen von Solosängerin Juliane Weinelt mit der Mädchenkantorei am Bremer Dom, begleitet vom Bläserensemble des Musikkorps der Bundeswehr aus Siegburg.
Die Gedenkrede des italienischen Staatspräsidenten wurde umrahmt vom Musikstück „Experience“ des italienischen Komponisten Ludovico Einaudi (Jahrgang 1955), vorgetragen vom Bläserensemble des Musikkorps der Bundeswehr, und vom „Cum Sancto Spiritu“ aus dem „Gloria in D-Dur“ des italienischen Komponisten Antonio Vivaldi (1678 bis 1741), dargeboten von der Mädchenkantorei am Bremer Dom mit dem Bremer Barockorchester.
Gedenkminute und Totensignale
An das Totengedenken schlossen sich eine Gedenkminute und die Totensignale beider Länder an, „Il Silenzio (d’Ordinanza)“ und „Der gute Kamerad“ an. Nach dem deutschen Totensignal erklangen zum Abschluss der Gedenkstunde die Europahymne, gespielt vom Musikkorps, und die Nationalhymne, vorgetragen von der Mädchenkantorei am Bremer Dom zusammen mit dem Musikkorps der Bundeswehr.
Der Volkstrauertag wurde 1919 als Gedenktag für die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges eingeführt. Die erste offizielle Feierstunde fand 1922 im Deutschen Reichstag in Berlin statt. In der Bundesrepublik wurde er 1952 als Tag der „nationalen Trauer“ wieder eingeführt, wobei auch der zivilen Opfer des Krieges gedacht wird. Der Volksbund betreut heute rund 830 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten mit etwa 2,8 Millionen Kriegstoten. (vom/16.11.2025)