Gedenkstunde 2026

Tova Friedman: Neutralität im Angesicht des Hasses bedeutet Zustimmung

Versammeltes Plenum hört der Gedenkrednerin Friedman zu.
Gedenkrednerin Tova Friedman steht am Rednerpult im Plenarsaal des Bundestages und spricht ins Mikrofon.
Julia Klöckner am Rednerpult des Bundestages.
Abgeordnete stehen im Plenarsaal und applaudieren.
Ein Mann am Flügel im Plenarsaal.
Tova Friedman gemeinsam mit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner beim Einzug in den Plenarsaal. Dahinter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesratspräsident Andreas Bovenschulte und Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth.
Eine Frau spielt Querflöte.

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Die Gedenkrednerin Tova Friedman warnt im Deutschen Bundestag: „Der Antisemitismus ist nicht verschwunden.“ (© DBT/Florian Gaertner/photothek)

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Tova Friedman während ihrer Gedenkrede im Plenarsaal des Deutschen Bundestages (© DBT/Florian Gaertner/photothek)

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Bundestagspräsidentin Klöckner mahnte in ihrer Rede, sich dem wiedererstarkenden Hass auf Juden entgegenzustellen. (© DBT/Florian Gaertner/photothek)

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Die Abgeordneten des Deutschen Bundestag erhoben sich zu Ehren der Gedenkrednerin Tova Friedman von ihren Plätzen. (© DBT/Florian Gaertner/photothek)

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Der Pianist Igor Levit interpretierte das „Nocturne Warsaw Ghetto“ der polnischen Komponistin Josima Feldschuh (1929 bis 1943). (© DBT/Florian Gaertner/photothek)

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Tova Friedman gemeinsam mit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner beim Einzug in den Plenarsaal. Dahinter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesratspräsident Andreas Bovenschulte und Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth.

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Die Flötistin Meret Louisa Vogel spielte die „Aubade Op. 19a“ von Marius Flothuis (1914 bis 2001). (© DBT/Florian Gaertner/photothek)

Die polnisch-US-amerikanische Holocaustüberlebende Tova Friedman hat im Bundestag dazu aufgerufen, sich dem vielerorts wiedererstarkenden Antisemitismus entschieden entgegenzustellen. „Neutralität im Angesicht des Hasses ist keine Neutralität – sie bedeutet Zustimmung“, so die 87-Jährige am Mittwoch, 28. Januar 2026, in ihrer Rede anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus.

Die 1938 in Gdingen nahe Danzig geborene Jüdin überlebte als Kind das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im besetzten Polen. Sie ist eine der wenigen noch lebenden Zeit- und Augenzeugen des nationalsozialistischen Rassenwahns und Vernichtungswerks. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron betreibt die in den USA lebende Friedman einen TikTok-Kanal, auf dem sie Kinder und junge Erwachsene über die Shoah aufklärt und die Erinnerung an sie wachhält. Über 500.000 Menschen folgen dem Account.

Erzählen, mahnen, mit jungen Leuten sprechen

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner würdigte das Engagement Friedmans als „einzigartig“. „Dass Sie bis heute die Kraft finden, zu erzählen, zu mahnen und mit jungen Menschen zu sprechen, ist ein Geschenk an uns alle“, so die Parlamentspräsidentin in ihrer Begrüßungsansprache an das Parlament.

Die Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus findet jährlich rund um den 27. Januar, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee im Jahr 1945, statt. An der Gedenkstunde nehmen neben den Abgeordneten des Bundestages traditionell auch die Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Verfassungsorgane teil.

Friedman: Ich weinte nicht, als ich nackt hungerte und fror

In eindrücklichen Worten schilderte Friedman vor dem Hohen Haus die schmerzvollen Erlebnisse ihrer Kindheit – beginnend mit der Ermordung ihrer Großmutter im Ghetto von Tomaszów Mazowiecki durch die SS, die sie, unter einem Tisch versteckt, miterleben musste, bis hin zu ihrer Deportation nach Auschwitz, einen Ort, dessen horrende Bestimmung ihr schon als Fünfjähriger bekannt war. 

Um zu überleben, habe ihre Mutter ihr aufgetragen, niemals zu weinen, erinnerte sich Friedman. Wer weint, gelte als schwach und „die schwachen Kinder überleben nicht“, soll sie ihr eingeschärft haben. Friedman hielt sich an diesen Rat: „Ich weinte nicht, als man mich tätowierte und als man mich meiner Mutter wegnahm.“ Auch als sie nackt hungerte und fror und als sie mit anderen Kindern im Vorraum der Gaskammer auf den Tod wartete, habe sie nicht geweint, schilderte sie. Friedman entging dem Tod durch Vergasung vermutlich aufgrund eines technischen Defekts der Mordanlage.

„Der Antisemitismus ist nicht verschwunden“

„Ich verließ Auschwitz mit dem Gedanken, dass ich mich nie wieder fürchten müsste, weil ich Jüdin bin“, sagte Friedman in mahnendem Ton. Nun, 81 Jahre später, habe sich ein Großteil der Welt jedoch wieder gegen Jüdinnen und Juden gewandt, stellte sie fest. „Mein Enkel muss seinen Davidstern auf dem Campus verbergen. Meine Enkelin wurde gezwungen, aus dem Studentenwohnheim auszuziehen, um Bedrohungen zu entgehen.“ Rufe wie „Hitler hatte recht!“ oder „Vergast die Juden!“ seien auf den Straßen von New York, Paris, Amsterdam, London und „vermutlich auch Berlin“ zu hören. Und auf der ganzen Welt fühlten sich Juden wieder ungeschützt, angegriffen und gehasst, so Friedman.

„Der Antisemitismus ist nicht verschwunden; er hat sich angepasst“, so ihr bitterer Befund. Er verberge sich jetzt häufig hinter einer „neuen antizionistischen Sprache“ und verbreite sich erschreckend schnell über soziale Medien, beklagte Friedman.

Bis zu ihrem Tod werde sie ihre Aufklärungsarbeit fortsetzen, versicherte sie. Und an die deutsche Politik gerichtet, mahnte sie dazu, den Kampf gegen Antisemitismus zu intensivieren. Auch in Deutschland wachse die Judenfeindlichkeit. Es sei daher unerlässlich, dass sich die Bundesregierung auf allen Ebenen dagegen zur Wehr setze. „Möge die Erinnerung zur Verantwortung führen. Möge die Verantwortung zum Handeln führen. Und möge das Handeln dafür sorgen, dass ,Nie wieder’ nicht nur eine Parole ist, sondern eine bleibende Verpflichtung“, schloss sie ihre Rede.

Klöckner: Wessen Land, dessen Geschichte

Diese „besondere Verantwortung“ adressierte auch Parlamentspräsidentin Klöckner und sprach in dem Zusammenhang von einer „historischen Selbstverständlichkeit Deutschlands“ und einem „kategorischen Imperativ“. Jede Form der Ausgrenzung jüdischen Lebens widerspreche dem Wesen unseres Landes, sagt sie mit Blick auf den von Deutschland begangenen Zivilisationsbruch. Wer in Deutschland lebe, gleich welcher Herkunft, müsse sich dieser Verantwortung stellen. Und an die Zivilgesellschaft gerichtet, fügte sie betont hinzu: „Wenn es Dein Land sein soll, dann ist es auch deine Geschichte!“

Klöckner gab sich in ihrer Rede zugleich nachdenklich und teils erschüttert über manche Entwicklungen und Ereignisse in Deutschland. So zitierte sie etwa die Äußerung einer elfjährigen Schülerin, die jüngst den Tod palästinensischer Kinder bedauert und den Tod jüdischer Kinder relativiert hatte. „Der Hass wird gesellschaftsfähig“ und die öffentliche Empörung halte sich nach Angriffen auf Jüdinnen und Juden zurück, stellte Klöckner besorgt fest. Dem wiederaufkommenden Hass auf Juden müssten alle entgegentreten – „in der Schule und an der Uni, im Betrieb und im Verein, im Netz und im eigenen Freundeskreis“, so das eindringliche Plädoyer der Bundestagspräsidentin.  

Musik verfolgter Komponisten

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkstunde durch Solo-Stücke von Komponisten, die selbst Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. Zunächst intonierte die Flötistin und Studentin der Universität der Künste Meret Louisa Vogel die „Aubade Op. 19a“ von Marius Flothuis (1914 bis 2001). Der niederländische Komponist war seinerzeit im Widerstand gegen die Nazis aktiv und überlebte nach seiner Inhaftierung im KZ Sachsenhausen wie Friedman einen der brutalen Todesmärsche aus der Schlussphase des Holocausts.

Der Pianist Igor Levit interpretierte später das „Nocturne Warsaw Ghetto“ der polnischen Komponistin Josima Feldschuh (1929 bis 1943). Feldschuh galt bereits im Alter von fünf Jahren als großes musikalisches Talent. Zu dieser Zeit lebte sie mit ihrer Familie im Warschauer Ghetto und entging der Deportation in das deutsche Vernichtungslager Treblinka. Sie starb jedoch bereits im Alter von 13 Jahren auf der Flucht vor den Nazis an Tuberkulose. (ste/28.01.2026)