Jugendbegegnung

Junge Menschen im Gespräch mit Gedenk­rednerin Tova Friedman

„Ihr müsst an vorderster Front sein!“ Es sind eindrückliche Worte, die die Holocaustüberlebende Tova Friedman am Mittwoch, 28. Januar 2026, während der Podiumsdiskussion der diesjährigen Jugendbegegnung des Bundestages fand. Friedman berichtete in dem Gespräch von ihren schmerzvollen Erlebnissen als jüdisches Kind im deutschen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im besetzten Polen. Dass sie überlebte, lag vermutlich an einem technischen Defekt der Gaskammer.

Mit Blick auf den wachsenden Antisemitismus appellierte Friedman dafür, das Gespräch mit solchen zu suchen, die den Hass auf Juden in die Welt tragen. Nur so könne ein Anti-Antisemitismus entstehen. An der Diskussion, die anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus stattfand, nahm auch Friedmans Enkel Aron Goodman sowie Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Die Linke) teil.

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Friedman, eine der wenigen noch lebenden Zeitzeugen des Holocausts, hatte bereits am Vormittag eine Gedenkrede vor dem Parlament gehalten. Eindrücklich warnte sie darin vor dem vielerorts wiedererstarkenden Antisemitismus, dem man sich entschieden entgegenstellen müsse. „Neutralität im Angesicht des Hasses ist keine Neutralität – sie bedeutet Zustimmung“, so Friedman in ihrer Rede.

Im Gespräch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Jugendbegegnung appellierte Friedman an die jungen Erwachsenen, in andere Länder zu reisen, an Austauschprogrammen teilzunehmen und sich mit Jüdinnen und Juden zu unterhalten. „Denn in Wahrheit ist es doch so: Wir haben sehr viel mehr gemeinsam, als uns trennt.“

„Es war in Wahrheit einhundertmal schlimmer“

Auch Friedmans Enkel Aron, mit dem sie gemeinsam auf TikTok über den Holocaust aufklärt, betonte: „Es ist leichter, eine Zahl zu töten als einen Namen.“ Es gehe darum zu erkennen, dass die andere Person auch ein Mensch sei. Denn sobald man jemandem das Recht auf Menschsein versagt, komme es zu einer „Gewaltspirale“.

Eine Teilnehmerin wollte von Friedman wissen, ob sie im Austausch mit anderen Überlebenden steht und ob es ihr einfacher fällt, ihre Geschichte Menschen zu erzählen, die den Holocaust selbst erlebt haben. Friedman bejahte und betonte, dass nur Überlebende wirklich verstehen könnten, was sie erlebt habe. Denn: „Was auch immer ihr hört, es war in Wahrheit einhundertmal schlimmer“, so Friedman.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges emigrierte Friedman mit ihren Eltern in die USA. Doch ihre Erfahrungen mit Amerikanerinnen und Amerikanern seien alles andere als positiv gewesen, wie Friedman den jungen Erwachsenen erzählte. „Niemand wollte die Nummer auf meinem Arm sehen.“ In der Schule baten die Lehrer sie deshalb, einen Pullover mit langen Ärmeln zu tragen.

„Wir brauchen Ihre Hilfe“

Positiv überrascht sei Friedman gewesen, als sie das erste Mal zu Besuch in Deutschland war. Im Vorfeld habe sie sich davor gefürchtet, die deutsche Sprache zu hören und Schäferhunde zu sehen. Doch entgegen ihrer Befürchtungen sei sie „sehr gut behandelt“ worden. „Ich glaube, ich habe in Deutschland den besten Empfang bekommen, den ich jemals bekommen habe.“

Die Frage, ob es in Ordnung sei, Vergleiche zwischen dem Holocaust und heutigen rechtsextremen Parteien zu ziehen, verneinte Friedman entschieden. Es seien „fruchtbare Gruppierungen“ und man müsse ihnen Einhalt gebieten, bevor sie größer würden. Für einen Holocaust brauche es aber ein ganzes Land. Und sie sehe viele Menschen, die gegen diese Parteien kämpfen. „Es ist eine furchtbare Zeit gerade, und wir brauchen Ihre Hilfe“, so Friedman an die Adresse der jungen Erwachsenen. 

70 junge Erwachsene aus mehreren Ländern

Seit 1997 lädt der Deutsche Bundestag rund um den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus junge Erwachsene aus Deutschland und anderen Ländern zu einer Begegnung und Auseinandersetzung mit Fragen in Zusammenhang mit den nationalsozialistischen Verbrechen ein. 

An der Jugendbegegnung 2026 nahmen 70 Jugendliche im Alter von 17 bis 25 Jahren teil. Sie kamen in diesem Jahr überwiegend aus Deutschland, aber auch aus Polen, Ungarn, Frankreich, den Niederlanden, Tschechien, Österreich und der Türkei. Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind bereits in Projekten und Initiativen aktiv, die sich für eine lebendige Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus einsetzen. (mtt/28.01.2026)