Parlament

Elfriede Jaeger

Porträtfoto von Elfriede Jaeger, 1899 bis 1964

(© DBT/unbekannt)

Elfriede Jaeger rückt für den Abgeordneten Fritz Rößler nach, als dessen falsche Identität und NS-Vergangenheit enttarnt wird. Ihre eigene Zeit im Bundestag bleibt ohne Spuren.

Ihrer Zeit als Abgeordnete geht ein politischer Skandal voraus. Elfriede Jaeger rückt am 29. Februar 1952 auf der Liste der Deutschen Konservativen Partei/Deutsche Rechtspartei (DKP-DRP) für den kurz zuvor aus dem Bundestag ausgeschiedenen Abgeordneten Fritz Rößler nach. Dieser hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Dr. Franz Richter eine neue Identität verschafft, bis er 1952 von bundesdeutschen Behörden enttarnt und festgenommen wurde.[1] 

Im Gegensatz zum aufsehenerregenden Auftakt bleibt die weitere parlamentarische Arbeit von Elfriede Jaeger geradezu unsichtbar. Im Plenum ergreift die fraktionslose Abgeordnete während der verbleibenden Legislaturperiode nicht einmal das Wort. Auch in den Ausschusssitzungen tritt sie nicht in den Vordergrund. 

Jaeger wurde am 4. Februar 1899 in Leipzig als Frida Luise Martha Kunze geboren. Über ihre Kindheit oder ihre familiären Verhältnisse ist nur wenig bekannt. In Leipzig ging sie in die Volksschule. Während des Ersten Weltkriegs besuchte sie ein Privatlyzeum in Hannover. Im Anschluss absolvierte sie eine Lehre als Eisen- und Metallhändlerin und arbeitete fortan als Verkäuferin in Hannover. Nach Kriegsende meldete sie sich aus Hannover ab, um für ein halbes Jahr auf Reisen zu gehen. In dieser Zeit lernte sie möglicherweise ihren ersten Ehemann kennen, den sie 1922 heiratete. Die Ehe, der eine Tochter entstammt, wurde 1935 geschieden. Kaum einen Monat später heiratete sie erneut. Ihr zweiter Ehemann war – anders als es einige Quellen verzeichnen – nicht Wilhelm Jaeger, der frühere Reichstagsabgeordnete der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) und Mitbegründer der DKP-DRP, sondern sein Namensvetter Kurt Julius Gustav Jaeger. 

Elfriede Jaeger gehört nach Kriegsende zum Kreis der Gründungsmitglieder der Deutschen Rechtspartei. Von 1945 bis 1947 sitzt sie im Vorstand der Partei, 1945 gründet sie dort eine Frauenarbeitsgemeinschaft. Die Partei zählt zu einer Vielzahl rechter Kleinst- und Splitterparteien, die konservative Kräfte, aber auch ehemalige Nationalsozialisten anziehen. Die Heterogenität und zahlreiche interne Machtkämpfe sorgen bereits nach kurzer Zeit für Spannungen, sodass sich viele dieser Parteien schnell wieder auflösen, Mitglieder abwandern oder sich Parteien in veränderter personeller Konstellation und anderer inhaltlichen Ausrichtung neu gründen. Auch die DKP-DRP löst sich bereits im Januar 1950 in verschiedene Richtungen auf. Manche Parteimitglieder treten bestehenden Parteien bei, andere gründen die rechtsextremistische Sozialistische Reichspartei. Gemeinsam ist diesen Parteien ihre rechtskonservative Weltanschauung und eine latente bis offen zur Schau getragene ideologische wie personelle Kontinuität zum Nationalsozialismus. 

Über die persönlichen Vorstellungen und politischen Ziele Elfriede Jaegers, die nach eigenen Angaben während des Zweiten Weltkrieges in der Wehrkreisverwaltung Hannover arbeitete, fehlen aussagekräftige Quellen. Dokumente wie eine Entnazifizierungsakte, die Aufschluss über Parteienzugehörigkeit, Mitgliedschaft in NS-Verbänden und politische Tätigkeit geben könnten, konnten nicht ermittelt werden, ebenso wenig wie Wahlkampfmaterial oder Redebeiträge, die Einblicke in ihr Denken ermöglichten. Sie gehört zu den weiblichen Abgeordneten der ersten Wahlperiode, deren politische Arbeit im Halbdunkel bleibt. Vieles, wie etwa der Wechsel ihres Vornamens kurz vor dem Mandatsantritt, erscheint rätselhaft. 1953 kandidiert sie unter dem Dachverband der „Nationalen Sammlung“, einem rechtsextremen Wahlbündnis, noch einmal vergeblich für den Bundestag. Ob sie sich nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag weiter politisch engagiert, ist nicht bekannt. 

Am 10. Mai 1964 stirbt sie im Alter von 65 Jahren in ihrer Wahlheimat Hannover.

(cm)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen: 

Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949 – 2002. München 2002. Bd. 1, S. 381.

Richard Stöss (Hrsg.): Parteien-Handbuch. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland 1945-1980. Opladen 1983. Bd. 1. 


 

[1]  Rößler, ein ehemaliger Reichshauptstellenleiter der NSDAP in Sachsen, war es nach Kriegsende auf abenteuerliche Weise gelungen, seinen eigenen Tod zu bezeugen, um unter neuer Identität seine Frau erneut zu heiraten. Er arbeitete fortan unerkannt als Lehrer in Niedersachsen. Allerdings fiel er bereits während dieser Tätigkeit, später dann auch als Abgeordneter wegen seines aggressiv geäußerten nationalsozialistischen Gedankenguts auf. Als er im Februar 1952 in der Wandelhalle des Bundestages festgenommen wird, begleiten seine Mandatsniederlegung Gelächter und Beifall im Plenarsaal. Der Fall Rößler alias Richter bestärkt noch einmal das angestrebte Parteiverbotsverfahren gegen die Sozialistische Reichspartei (SRP), der sich Rößler zwischenzeitlich angeschlossen hatte.