Rede der SED-Opferbeauftragten beim Parlamentarischen Fachgespräch „Gold um jeden Preis – Das systematische Zwangsdoping in der DDR und seine Folgen für die Betroffenen“
Sehr geehrte Frau Staatsministerin Schenderlein, liebe Christiane,
sehr geehrte Abgeordnete,
lieber Herr Prof. Spitzer,
lieber Herr Prof. Gersdorf,
lieber Herr Dr. Lehner,
lieber Herr Seppelt,
lieber Burkhard Bley,
liebe Frau Tettenborn,
liebe Mitglieder des Doping-Opfer-Hilfevereins,
sehr geehrte Gäste,
wenn es um das Thema Doping in der DDR geht, werde ich immer wieder gefragt: „Naja Frau Zupke, welches Land hat denn nicht gedopt? Messen wir hier nicht wieder einmal, wenn es um die DDR geht, mit zweierlei Maß?“. Ich erkläre den Menschen dann, was das Doping in der DDR ausgemacht hat. Das Doping in der DDR war keine Privatangelegenheit von Ärzten, Trainern oder Athleten. Das Doping in der DDR war staatlich geplant und staatlich organisiert.
Um der weltweiten Einführung der Doping-Kontrollen entgegenzuwirken, verabschiedete im Jahr 1974 das Zentralkomitee der SED einen Staatsplan. Das übergeordnete Ziel war es, um es mit den Worten Erich Mielkes auszudrücken: „Die Überlegenheit des Sozialismus auch auf sportlichem Gebiet zu demonstrieren“.
Gedopt wurden Erwachsene, Jugendliche und Kinder – häufig ohne das Wissen der Betroffenen. Unser Blick fällt viel zu häufig nur auf die Olympiasieger. Das DDR-Sportsystem hat jedoch eben nicht nur Medaillen und Weltmeister produziert. Das DDR-Sportsystem ist ebenso verantwortlich für tausende Menschen, die bis heute an den körperlichen und seelischen Folgen des Zwangsdopings leiden. Nach aktuellen Schätzungen kann man von rund 12.000 gedopten Athletinnen und Athleten ausgehen. Ein beträchtlicher Teil davon war minderjährig.
Ja, die Doping-Opfer sind nicht die „klassischen“ Opfer von politischer Verfolgung in der DDR. Betroffene, die für ihre Opposition gegenüber dem SED-Staat brutal bestraft wurden. Die Doping-Opfer aber wurden vom SED-Staat missbraucht für den Hunger nach Medaillen und internationaler Anerkennung. Auch sie sind für mich daher Opfer der SED-Diktatur. Und auch sie brauchen Unterstützung und sie brauchen Hilfe.
Seit vielen Jahren engagiert sich der Deutsche Bundestag über die Fraktionsgrenzen hinweg für die Opfer des DDR-Zwangsdopings. Die beiden Doping-Opfer-Hilfe Gesetze 2002 und 2016 waren hierbei wichtige Meilensteine und ein Signal an die Betroffenen, dass die Bundespolitik ihre Schicksale sieht.
Trotz der Erfolge müssen wir uns dennoch eingestehen, dass es bis heute an einem geeigneten Instrument fehlt, um die Betroffenen dauerhaft in ihrem Alltag zu unterstützen. Insbesondere dann, wenn sie unter gesundheitlichen Spätfolgen leiden.
Im Januar dieses Jahres hat der Deutsche Bundestag einstimmig ein beeindruckendes Gesetzespaket für die Opfer von politischer Verfolgung in der DDR beschlossen. Insbesondere die Anerkennung von verfolgungsbedingten Gesundheitsschäden wurde grundlegend vereinfacht. Zugleich fasste der Bundestag einen Beschluss, die Geschädigten des staatlich organisierten Dopingsystems der ehemaligen DDR besser zu unterstützen. Mit seinem Beschluss erteilte der Bundestag zugleich mir als SED-Opferbeauftragte den Auftrag, dem Parlament einen Bericht vorzulegen, der Handlungsempfehlungen aufzeigt und dem Bundestag als Grundlage für eine Entscheidung zur besseren Unterstützung der Opfer des DDR-Zwangsdopings in dieser 21. Wahlperiode dienen soll.
Ich bin dankbar, dass auch der neue Koalitionsvertrag die Opfer des DDR-Zwangsdopings berücksichtigt und ankündigt, hier gesetzgeberisch tätig zu werden. Mit dem heutigen Fachgespräch möchte ich als SED-Opferbeauftragte einen Impuls im parlamentarischen Raum setzen. Ich möchte Sie als Abgeordnete und die Öffentlichkeit informieren über die prekäre Situation der Betroffenen und über den aktuellen Stand der Forschung zu den körperlichen und psychischen Langzeitfolgen des Dopings. Gleichzeitig möchte ich Defizite im rechtlichen Rahmen unseres Unterstützungssystems aufzeigen und hier konkrete Vorschläge für Anpassungen geben. Um dieses leisten zu können, bin ich dankbar, dass so viele Expertinnen und Experten meiner Einladung gefolgt sind und heute mit ihrer jeweiligen Perspektive unseren Austausch bereichern werden.
Sehr geehrte Frau Staatsministerin Schenderlein, liebe Christiane, ich freue mich sehr, dass Du heute dabei bist. Gemeinsam haben wir in den letzten Jahren immer wieder die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof in Torgau in Deinem Wahlkreis in Nordsachsen besucht. Zugleich hast Du Dich über Jahre im Kulturausschuss für ein würdiges Gedenken an die Opfer der SED-Diktatur eingesetzt. Die Offenheit und die Empathie, mit der Du den Opfern begegnest, hat mich immer wieder tief beeindruckt. Dass Du als Sport-Staatsministerin heute hier bist, zeigt eindrucksvoll: Die Auseinandersetzung mit den Folgen des DDR-Staatsdopings ist eben nicht nur ein Thema für die Betroffenen und für Historiker. Nein, es ist ebenso wichtig für unser Selbstverständnis als Sport-Nation. Gerade wenn wir sehen, welche Bedeutung Spitzensport und Doping für heutige autoritäre, autokratische und diktatorische Systeme haben.
Liebe Gesine Tettenborn, ich bin dankbar, dass Sie heute hier sind und uns als Betroffene aus Ihrer Perspektive berichten werden. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit und erfordert großen Mut. Viele Betroffene, gerade diejenigen, die im Kindesalter gedopt wurden, können bis heute nicht über das Erlebte sprechen. Sie, liebe Frau Tettenborn, geben heute auch all diesen Betroffenen eine Stimme und dafür bin ich ausgesprochen dankbar.
Prof. Dr. Carsten Spitzer von der Universität Rostock wird uns die aktuellen Forschungsergebnisse zu den Langzeitfolgen des DDR-Zwangsdopings vorstellen. Diese Forschung ist besonders wichtig, um zu verstehen, wie die gesundheitlichen Auswirkungen die Betroffenen tagtäglich begleiten.
In einer anschließenden Paneldiskussion wollen wir das Thema DDR-Zwangsdoping und den Umgang mit bis heute andauernden Folgen aus unterschiedlichen Richtungen beleuchten und Handlungsansätze herausarbeiten. Dass wir heute so viel über das DDR-Staatsdoping wissen und dass Trainer und Funktionäre immer wieder mit ihrer Verantwortung konfrontiert werden, haben wir ganz wesentlich engagierten Journalistinnen und Journalisten zu verdanken. Ich freue mich daher sehr, dass Hajo Seppelt, der Chef der ARD-Doping-Redaktion, heute bei uns ist. Er und sein Team haben durch ihre Berichterstattung maßgeblich dazu beigetragen, die Strukturen des DDR-Staatsdopings offenzulegen und das Thema damit in unsere Gesellschaft zu tragen. Auch zeigen uns die Berichte von Hajo Seppelt aus den letzten Jahren, dass die Allianz aus Diktatur und Doping kein Thema nur aus den Geschichtsbüchern ist. So wurde er aufgrund seiner kritischen Berichterstattung vor zehn Jahren mit einem Einreiseverbot für Russland belegt.
Dr. Michael Lehner ist nicht nur Sport-Anwalt und selbst langjähriger Leistungssportler. Als Vorsitzender des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins engagiert er sich seit Jahrzehnten für die Betroffenen. Von ihm möchte ich erfahren, welche Unterstützung die Opfer heute brauchen und worin aus seiner Sicht die Defizite in unserem Unterstützungssystem liegen.
Burkhard Bley ist Landesbeauftragter für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur und begleitet und unterstützt mit seiner Behörde seit vielen Jahren auch die Opfer des DDR-Zwangsdopings. Er kann uns ganz konkret berichten, wie sich die Beratung vor Ort gestaltet und mit welchen Hürden die Betroffenen regelmäßig konfrontiert sind.
Ich freue mich sehr, dass mit Prof. Hubertus Gersdorf nicht nur einer der renommiertesten Verfassungsrechtler unseres Landes meiner Einladung gefolgt ist. Als Vorsitzender der Ethik-Kommission des Thüringer Sportbundes setzt er sich zugleich auch mit den ethischen und moralischen Fragen des DDR-Zwangsdopings für das Sportsystem, aber auch für unsere demokratische Gesellschaft auseinander.
Ich sehe unser heutiges Fachgespräch hier im Deutschen Bundestag als eine Chance. Eine Chance zur Information aus erster Hand, durch die Personen, die sich seit Jahren mit diesem Thema befassen und als eine Einladung zum offenen Austausch darüber, wie wir die Opfer des DDR-Zwangsdoping zukünftig besser unterstützen können.
Vielen Dank!