06.11.2025 | Parlament

Gold um jeden Preis – Das systematische Zwangsdoping in der DDR und seine Folgen für die Betroffenen“, Fachgespräch der SED-Opferbeauftragten im Deutschen Bundestag

Das Foto zeigt eine Frau, die in einem Saal an einem Holztisch sitzt und in ein Mikrofon spricht. Links neben ihr sitzt ein Mann und rechts neben ihr sitzt eine Frau.
Das Foto zeigt zwei Frauen und ein Mann, die an einer Holztafel in einem Saal sitzen. Die Frau ganz links im Bild spricht in ein Mikrofon, das leuchtet. Im Hintergrund steht eine Pressewand aus Stoff. Darauf ist die Wortbildmarke der SED-Opferbeauftragten Deutschen Bundestages (Bundesadler) Die SED-Opferbeauftragte.
Das Foto zeigt vier Männer und eine Frau, die in einem Sitzungssaal an einer langen Holztafel nebeneinander sitzen. Vor ihnen befinden sich Mikrofone, die in den Tischen eingebaut sind. Der Dritte von links spricht in ein Mikrofon, das leuchtet. Im Hintergrund steht eine Pressewand aus Stoff. Darauf ist die Wortbildmarke der SED-Opferbeauftragten Deutschen Bundestages (Bundesadler) Die SED-Opferbeauftragte.
Das Foto zeigt viele Frauen und Männer, die in dem Sitzungssaal an einer halbrunden Holztafel sitzen. Sie sind schon älter, um die 70 Jahre alt. Eine Frau spricht in ein Mikrofon. Vor ihnen stehen Getränke auf dem Tisch.
Das Foto zeigt im Vordergrund drei Männer, die an einer Holztafel sitzen. Vor ihnen sind Mikrofone. Der Mann, der in der Mitte sitzt spricht ins Mikrofon und gestikuliert mit der rechten Hand. Im Hintergrund ist eine weitere Holztafel, an der Menschen sitzen. Sie sind schwach zu erkennen. Auf den Tischen stehen Getränke (Kannen und kleine Glasflaschen sowie Tassen).

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Die SED-Opferbeauftragte begrüßt die Gäste. (© Team Zupke)

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Die ehemalige Leistungssportlerin in der DDR Gesine Tettenborn (geborene Walther) berichtet von ihrem Schicksal. (© Team Zupke)

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Prof. Dr. Carsten Spitzer (Universität Rostock) stellt in einem Impulsvortrag seine aktuellen Forschungsergebnisse vor. (© Team Zupke)

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Die Betroffenen appellieren an die Abgeordneten: „Wir haben keine Zeit mehr!“ (© Team Zupke)

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Helge Limburg, MdB, sagte, das Thema habe fraktionsübergreifend eine hohe Priorität. (© Team Zupke)

Am 6. November 2025 hat die SED-Opferbeauftragte im Deutschen Bundestag das Fachgespräch „Gold um jeden Preis – Das systematische Zwangsdoping in der DDR und seine Folgen für die Betroffenen“ veranstaltet, an dem zahlreiche Abgeordnete, Expertinnen und Experten sowie Betroffene teilgenommen haben.

Mit dem „Staatsplan 14.25“ führte das SED-Regime 1974 ein staatlich organisiertes und flächendeckendes Dopingprogramm ein, um insbesondere bei internationalen Wettkämpfen Erfolge zu erzielen und so die vermeintliche Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren. Zwischen 1974 und 1989 wurden nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen in mindestens zwölf Sportarten etwa 10.000 Athletinnen und Athleten, zumeist ohne ihr Wissen oder ausreichende Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen, vorzugsweise mit anabolen Steroiden gedopt. Betroffen waren nicht nur Erwachsene, sondern vor allem auch minderjährige Sportlerinnen und Sportler.

Die gravierenden Folgen des DDR-Zwangsdopings werden anhand einer Studie der Universitätsmedizin Rostock deutlich, die Prof. Dr. Carsten Spitzer zu Beginn des Fachgesprächs vorstellte. Im Rahmen des mittlerweile abgeschlossenen länderübergreifenden Verbundprojekts „Gesundheitliche Langzeitfolgen von SED-Unrecht“ wurden unter anderem minderjährige zwangsgedopte Sportlerinnen und Sportler untersucht. Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass diese psychisch schwer, chronisch und bis heute belastet sind. So wurde bei 98 Prozent der ehemaligen Athletinnen und Athleten mindestens eine psychische Störung im Verlaufe ihres Lebens diagnostiziert, während die Lebenszeitprävalenz innerhalb der Allgemeinbevölkerung bei „lediglich“ 43 Prozent liegt. Zudem konnten ausgeprägte Körperbildstörungen sowie sexuelle Funktionsstörungen festgestellt werden. Darüber hinaus berichteten die Betroffenen sowohl von psychischer, körperlicher als auch sexualisierter Gewalt durch Trainerinnen und Trainer. Gleichzeitig waren sie einem hohen Maß an emotionalem Missbrauch ausgesetzt, nicht nur durch das Trainingspersonal, sondern auch durch Sportfunktionäre und Ärztinnen und Ärzte. Hier kommt die Studie zu dem Schluss, dass das Sportsystem der DDR ab einer bestimmten Leistungsstufe als ein Beispiel einer „totalen Institution“ verstanden werden kann.

Unterstrichen wurden die Studienergebnisse durch die Ausführungen der Zeitzeugin und ehemaligen Weltklassesprinterin Gesine Tettenborn. Sie schilderte ein autoritäres System, in dem sich die Athletinnen und Athleten dem Trainerstab sowie den Sportfunktionären unterzuordnen hatten. Vor diesem Hintergrund habe es den mündigen Sportler in der DDR nicht gegeben. „Wir waren ideologische Waffen im kalten Krieg und das Doping war die Munition“, so Tettenborn. Darüber hinaus berichtete sie von ihren heutigen starken körperlichen und psychischen Erkrankungen infolge der Dopinggabe. Dabei wurde deutlich, wie stark sich das Geschehene auch auf die Familien der Geschädigten ausgewirkt hat.

Auch der Autor und Journalist Hajo Seppelt beschrieb den DDR-Leistungssport als ein in sich geschlossenes System, in dem Rahmenbedingungen vorherrschten, die das Zwangsdoping überhaupt erst ermöglicht hätten. Ähnliche Strukturen seien heute beispielsweise in China oder Russland zu finden. 

Die Staatsministerin für Sport und Ehrenamt Dr. Christiane Schenderlein hob hervor, dass die damaligen Athletinnen und Athleten durch den SED-Staat instrumentalisiert worden seien. Gleichzeitig unterstrich sie die Bedeutung einer angemessenen Aufarbeitung. Es sei wichtig, auch dunkle Kapitel des Sports, wie das DDR-Zwangsdoping, adäquat aufzuarbeiten – insbesondere vor dem Hintergrund der gravierenden gesundheitlichen Folgen für die Betroffenen. Sie wies auf den dringenden Handlungsbedarf hin und stellte klar, dass das Thema eine hohe Priorität in der aktuellen Legislaturperiode habe. Entscheidend sei zudem, sich auch in der Gegenwart immer wieder zu verdeutlichen, dass Doping nichts mit den Werten zu tun habe, für die die Bundesrepublik stehe.

Den dringenden Handlungsbedarf mahnte auch Dr. Michael Lehner, Vorsitzender des Doping-Opfer-Hilfevereins, an. Bereits rein biologisch betrachtet laufe den Dopingopfern die Zeit davon. Auch wenn in der Vergangenheit eine historische Aufarbeitung stattgefunden habe, sei eine endgültige Anerkennung der Dopingopfer bis heute nicht geschehen – gefragt sei hier in erster Linie die Politik. Dabei sei es letztlich zweitrangig, ob eine Aufnahme der Dopingopfer in das Verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsgesetz (VwRehaG) erfolge oder eine eigenständige gesetzliche Regelung geschaffen werde.

Der Landesbeauftrage für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur Burkhard Bley berichtete aus der Beratungspraxis seiner Behörde. Immer wieder seien ihm hier erschütternde Einzelschicksale begegnet. Aktuell stelle sich die Lage für die Betroffenen ausgesprochen schwierig dar, da ihnen der Weg einer verwaltungsrechtlichen Rehabilitierung durch ein Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts (BVerwG) aus dem Jahr 2024 endgültig versperrt worden sei. Die für die Betroffenen so wichtige gesellschaftliche Anerkennung bleibe ihnen damit verwehrt. Daneben berichtete er von niederschmetternden Erfahrungen im Bereich des Sozialen Entschädigungsrechts. Hier seien ihm, abgesehen von einem einzigen Fall, ausschließlich Ablehnungsbescheide bekannt. Dies sei oftmals auf mangelnde Kenntnisse der Gutachter zurückzuführen. Zudem werde von den Betroffenen verlangt, die Dopinggabe detailliert nachzuweisen, was jedoch vor dem Hintergrund des hoch konspirativen Dopingsystems der DDR unmöglich sei. Abschließend wies er darauf hin, dass die ehemaligen Leistungssportlerinnen und -sportler zwar keiner politischen Verfolgung ausgesetzt gewesen, sie jedoch massiv in ihrer Menschenwürde verletzt worden seien.

Hieran knüpfte Prof. Dr. Hubertus Gersdorf von der juristischen Fakultät der Universität Leipzig anAuch er stellte klar, dass das DDR-Zwangsdopingsystem gegen die verfassungsrechtlich verbriefte Garantie der Menschenwürde verstoßen habe. Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes (GG) verbiete es, dass der oder die Einzelne zum Objekt staatlichen Handelns degradiert werde. Genau dies sei jedoch beim DDR-Zwangsdoping geschehen. Daher sei eine angemessene Entschädigung dieser Opfergruppe bereits von Verfassungs wegen zwingend geboten. Vor diesem Hintergrund appellierte er an das Parlament, hierfür die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die zahlreichen anwesenden Dopingopfer verwiesen vor allem auf das fortgeschrittene Alter der Betroffenen und den damit verbundenen Handlungsdruck. Vor diesem Hintergrund bekräftigte Helge Limburg (Bündnis 90/Die Grünen), dass das Thema fraktionsübergreifend eine hohe Priorität genieße. Insbesondere der Entschließungsantrag aus der vergangenen Legislaturperiode stelle ein klares Bekenntnis in Richtung der Dopingopfer dar.

Das Foto zeigt einen großen Saal. In dem Saal sind große runde Konferenztische, damit sich alle Gäste gegenübersitzen können. Der Saal ist voll (ca. 60 Teilnehmende). Der Saal hat eine große Fensterfront gegenüber, die halb von Jalousinen bedeckt ist. Zu erkennen ist draußen das gegenüber liegende Marie-Elisabeth-Lüders Haus. Die Sonne scheint draußen. An der Decke sind Kameras angebracht, die den Saal filmen.

Das Fachgespräch wurde aufgezeichnet vom Parlamentsfernsehen. (© Team Zupke)

Insgesamt hat das Fachgespräch eindrucksvoll verdeutlicht, wie dramatisch sich die Lage für die Betroffenen aktuell darstellt, gerade auch mit Blick auf die schwerwiegenden körperlichen und psychischen Folgen des DDR-Zwangsdopings. Zudem wurde die Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung erkennbar, die die Dopingopfer angemessen unterstützt – entweder durch die Erweiterung der bestehenden Gesetze oder durch die Schaffung einer neuen, auf die Dopingopfer zugeschnittenen Regelung.

Anknüpfend an das Fachgespräch wird die SED-Opferbeauftragte dem Deutschen Bundestag zeitnah einen Bericht vorlegen und darin dem Parlament konkrete Handlungsempfehlungen unterbreiten, damit die Geschädigten des DDR-Zwangsdopings möglichst bald eine angemessene Unterstützung und die ihnen zustehende Anerkennung erhalten.