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Isaac Herzog: Die Zukunft muss uns beiden gehören

Der Präsident des Staates Israel, Isaac Herzog, hat am Dienstag, 6. September 2022, im Rahmen seines Staatsbesuchs in Deutschland vor dem Deutschen Bundestag gesprochen. Herzog hob in seiner Ansprache hervor, dass nur gemeinsam dem Gedenken an die Shoah eine Bedeutung verliehen werden könne, auch wenn es unmöglich sei, die Vergangenheit zu überbrücken. Der Präsident unterstrich zudem die herausragende Bedeutung Deutschlands für die Geschichte des jüdischen Volkes.

„Deutschland war eine prächtige Heimstadt für unser Volk“, sagte Herzog. Das Judentum hatte sich über Jahrhunderte entwickeln können und die bedeutendsten und einflussreichsten Rabbiner seien aus dieser Zeit hervorgegangen. Sie und viele andere Jüdinnen und Juden hätten einen Beitrag zum Aufschwung des Judentums und zum Aufschwung Deutschlands geleistet. „Deutschland ist in der tiefsten DNA meines Volkes verankert“, stellte Isaac Herzog fest.

„Die Lebenden haben kein Recht zu vergessen“

Doch dieses Land sei auch der Ort, an dem die größten Gräueltaten verübt wurden. „Die Geschichte der Menschheit kennt kein Beispiel für die von den Nazis und ihren Helfern begangenen Taten zur Vernichtung des jüdischen Volkes“, sagte Herzog. Der Präsident zitierte weiter seinen Vater Chaim Herzog, der an der Befreiung des Vernichtungslagers Bergen-Belsen beteiligt gewesen war und 1987 als israelischer Staatspräsident Deutschland besucht hatte: „Kein Vergeben bringe ich, kein Vergessen. Nur die Toten haben das Recht zu vergeben. Die Lebenden haben kein Recht zu vergessen.“

Isaac Herzog weiter: „Das jüdische Volk vergisst nicht.“ Das mache es nicht nur aus der Verpflichtung der Vergangenheit gegenüber, sondern aufgrund der Verpflichtung gegenüber den Generationen der Zukunft. Sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen sei nicht leicht, denn das Gedenken erschüttere. Das Gedenken sei komplex, hart und schmerzhaft – aber nicht nur für Deutsche, sondern auch für Israel. „Denn das Andenken an die Shoah bildet einen grundlegenden Teil unserer nationalen Identität.“

Herzog: Die Zukunft birgt große Verantwortung in sich

„Trotz allem, auch wenn wir uns auf den Wegen des Gedenkens nicht begegnen können, müssen wir uns im Umfeld der Bedeutung begegnen“, sagte Herzog. Das bedeute, das Gedenken als Verpflichtung und moralische Auflage zu sehen. Die Vergangenheit könne man nicht überbrücken. Die Zukunft jedoch gehöre uns und sie berge eine große Verantwortung in sich. „Daher muss die Zukunft uns beiden gehören“, sagte Herzog. Denn nur gemeinsam könne man dem Gedenken Bedeutung verleihen.

Nur durch die Begegnung und die Vertiefung der Beziehung und die gegenseitige Verpflichtung zur Freiheit, zur Sicherheit und zur Demokratie neben einem beständigen Treuegelöbnis für die Freiheit und Sicherheit des Staates Israel und das Wohlergehen des jüdischen Volkes könnten beide Völker die Bedeutung des Gedenkens sichern und als Beispiel für die ganze Menschheit gelten.

Bärbel Bas: Erinnerung an die Opfer wachhalten

Vor der Ansprache Herzogs hatte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas in ihrer Rede an das vor 70 Jahren unterzeichnete Luxemburger Abkommen erinnert. Das von der Bundesrepublik Deutschland, dem Staat Israel und der Jewish Claims Conference 1952 geschlossene Übereinkommen bildete die Grundlage für die Entschädigung jüdischer Opfer nationalsozialistischer Verfolgung durch die Bundesrepublik.

Bas zitierte eingangs den damals bei der Unterzeichnung anwesenden israelischen Außenminister Moshe Scharett: „Die Weltgeschichte kennt kein Beispiel für den Vernichtungsfeldzug, den das nationalsozialistische Deutschland gegen das jüdische Volk geführt hat. (…) Es ist (…) keine Sühne denkbar für die Vernichtung des Lebens dieser Millionen von Unschuldigen.“ Doch diese Sätze seien vor 70 Jahren nicht gesagt worden, als das Luxemburger Abkommen unterzeichnet wurde. Moshe Scharett habe auf Bitte Deutschlands auf die vorbereitete Ansprache verzichtet.

Bas: Die Mehrheit der Deutschen war damals nicht bereit

Bundeskanzler Konrad Adenauer sei das Abkommen mit Israel eine moralische Pflicht und eine Herzensangelegenheit gewesen. „Er war bereit, das Abkommen gegen Widerstände durchzusetzen“, sagte Bas. „Auch gegen Widerstände im damaligen Deutschen Bundestag.“ Adenauer habe gewusst, dass die Mehrheit der Deutschen damals nicht bereit gewesen sei, die Wahrheit zu hören. Das Luxemburger Abkommen sei deshalb schweigend unterzeichnet worden.

„Wir eröffnen heute im Deutschen Bundestag eine Ausstellung, die sich diesem Abkommen widmet“, erläuterte die Bundestagspräsidentin. Die Ausstellung zeige, wie kontrovers die deutschen Zahlungen auch in Israel gesehen und wie zwiespältig von den Betroffenen empfunden wurden. Dass die Worte Moshe Scharetts vor 70 Jahren nicht ausgesprochen wurden, sei für uns heute unvorstellbar. „Deutschland übernimmt heute Verantwortung für die deutschen Verbrechen.“ 

Bärbel Bas würdigt das Engagement vieler Opfer

Diese Einsicht habe sich aber erst im Lauf der Jahrzehnte und gegen starke Widerstände durchgesetzt. „Wir verdanken sie unter anderem der Arbeit der Gedenk- und Erinnerungsstätten und vor allem dem Engagement vieler Opfer von einst, die die Kraft gefunden haben, über ihre Erlebnisse zu sprechen.“ Bas hieß auf der Gästetribüne im Namen des Bundestages die Auschwitz-Überlebende Eva Szepesi willkommen, die gemeinsam mit ihrer Enkelin an der Ausstellungseröffnung zum Luxemburger Abkommen teilnimmt. „Deutschland kann nicht wiedergutmachen, was nie mehr gutzumachen ist: der millionenfache Mord an den europäischen Juden.“

Umso mehr müsse die Erinnerung an die Opfer wachgehalten und an künftige Generationen weitergeben werden. „Deswegen freut es mich, auf der Tribüne junge Menschen zu begrüßen, die sich für das Gedenken und gegen Antisemitismus engagieren“, so die Parlamentspräsidentin, die noch einmal betonte: „Aus der Vergangenheit folgt für uns Deutsche Verantwortung in der Gegenwart.“

Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft

„Jüdinnen und Juden müssen in Deutschland sicher sein – deutsche Juden, israelische Juden, Juden aus aller Welt“, sagte Bundestagspräsidentin Bas. Es sei zutiefst schmerzhaft, „wenn wir diesem Anspruch nicht gerecht werden“. So wie bei dem Attentat auf die israelische Olympia-Mannschaft in München, an dessen Opfer am Montag erinnert worden sei. Und Bas fügte hinzu: „Auch ich möchte Sie, Herr Präsident, und Angehörige der Opfer um Vergebung für die Fehler und Versäumnisse Deutschlands von 1972 und der quälenden Jahrzehnten danach bitten“.

„Ich bin froh, dass die Bundesregierung und die Angehörigen der Opfer eine Einigung gefunden haben. Keine Entschädigungszahlung kann diese Morde ungeschehen machen oder die tiefen Wunden der Angehörigen heilen.“ Aber diese Einigung bedeute eine Anerkennung ihres Leids. 50 Jahre nach dem entsetzlichen Attentat liege darin ein zwar spätes, aber wichtiges Zeichen der Verantwortung. „Und es ist wichtig, dass die Geschehnisse von damals untersucht und aufgearbeitet werden“, sagte Bas. 

Bas: Antisemitismus ist mitten unter uns

„Auch heute gibt es Hass, der sich gegen Juden und gegen Israel richtet“, sagte die Bundestagspräsidentin. Es sei eine Schande, dass jüdische oder israelische Einrichtungen nur unter Polizeischutz sicher seien. Dass auf Demonstrationen gegen Israel gehetzt und dass in sozialen Netzwerken Israel der Tod gewünscht werde. „Wir alle müssen entschieden gegen diesen Hass und diese Hetze vorgehen. Mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen.“ Antisemitische Taten kämen nicht aus dem Nichts, sondern würden möglich durch Wegsehen, durch falsch verstandene Toleranz, durch Selbstgewissheit. 

„Antisemitismus ist nicht nur ein Problem der Vergangenheit“, sagte Bas. Es sei nicht nur ein Problem der anderen oder der Extremisten. „Antisemitismus ist mitten unter uns, in der Mitte unserer Gesellschaft.“ Ihm in all seinen Formen entschieden entgegenzutreten, sei unser aller Verpflichtung. Hinzu komme: „Antisemitismus ist subtiler geworden. Er zeigt sich in neuen Formen, die die alte Judenfeindschaft auf den heutigen Staat Israel übertragen.“ Getarnt als Israelkritik gebe es Antisemitismus auch bei jenen, die sich im Dienst einer guten Sache sehen. „Dem Antisemitismus darf kein Forum geboten werden – nirgendwo auf der Welt und erst recht nicht bei uns in Deutschland!“ Das gelte genauso für jeden Versuch, die Einzigartigkeit des Holocausts zu relativieren. 

Bundestagspräsidentin: Stehen fest an der Seite Israels

Deutschland stehe fest an der Seite Israels. „Israels Sicherheit ist für Deutschlands Außenpolitik eine Verpflichtung“, sagte Bas. Deutschland und Israel verbinde gemeinsame Werte von Freiheit und Demokratie. „Werte, die in der Ukraine auf brutale Weise verletzt werden.“ Es sei unerträglich, dass dort jeden Tag Menschen in einem Angriffskrieg leiden, vertrieben werden oder sogar sterben müssen. Darunter Holocaust-Überlebende. 

„Deutschlands Beziehungen zu Israel werden immer von der Vergangenheit geprägt bleiben.“ Es sei oft gefragt worden: Können die Beziehungen zwischen Deutschen und Israelis normal sein? Eine Mehrheit in beiden Ländern bejahe das mittlerweile. „Für viele Deutsche sei Israel längst eine Herzensangelegenheit. Sie sind fasziniert von seinem Unternehmergeist, seinem technologischen Knowhow, von Israels Kunst und Kultur, Landschaft und Lebenswandel – und vor allem von seinen Menschen.“

Bas setzt sich für ein deutsch-israelisches Jugendwerk ein

Zwischen beiden Ländern gebe es einen regen Austausch. Es sei wichtig, dass daran möglichst viele Menschen teilhaben. „Auch jene, die nicht studieren, in internationalen Unternehmen arbeiten oder sich privat lange Flugreisen leisten können“, sagte Bas. Partnerschaften zwischen Betrieben könnten helfen, Begegnungen möglich zu machen. Der Bundestag profitiere seit vielen Jahren von einem regelmäßigen Austausch mit der Knesset.

„Ich würde es begrüßen, wenn wir auch ein deutsch-israelisches Jugendwerk einrichten könnten“, sagte die Bundestagspräsidentin. „Dafür setze ich mich ein“, versprach sie. Denn: „Wir brauchen die persönliche Begegnung für ein tiefgreifendes und nachhaltiges Verständnis füreinander.“ 

Bundestagspräsidentin: Mauer des Schweigens abgetragen

35 Jahre nach dem Luxemburger Abkommen – im Jahr 1987 – war zum ersten Mal mit Chaim Herzog ein israelischer Präsident im Reichstagsgebäude zu Gast. In seiner Berliner Rede habe Chaim Herzog von einer „unsichtbaren Mauer zwischen unseren beiden Völkern, einer Mauer, vor der wir nur schweigend stehen können“ gesprochen. Damals habe die Berliner Mauer noch in Sichtweite gestanden. 

„Ihr Vater war der erste Präsident Israels, der das Reichstagsgebäude aufsuchte und Sie sind der fünfte israelische Präsident, der vor dem Deutschen Bundestag das Wort ergreift. Und so unglaublich es Ihrem Vater erschien – es ist uns gelungen, die Mauer des Schweigens abzutragen“, sagte Bas. Für uns Deutsche sei es ein Geschenk, dass Israelis und Deutsche miteinander über die zutiefst schmerzliche Vergangenheit sprechen würden. „Und auch über die gemeinsame hoffnungsvolle Zukunft.“ (eis/06.09.2022)

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