Gedenkstunde 2026

Tova Friedman hält Rede zum Holocaust-Gedenktag

Tova Friedman hält ein Foto von sich und ihrer Mutter in der Hand.

Tova Friedman zeigt ein Foto von sich und ihrer Mutter nach ihrer Befreiung aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. (© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | World Jewish Congress)

In seiner traditionellen Gedenkstunde erinnert der Bundestag am Mittwoch, 28. Januar 2026, an die Opfer des Nationalsozialismus. Als Gedenkrednerin wird in diesem Jahr die polnisch-US-amerikanische Therapeutin und Sozialarbeiterin Tova Friedman zu den Abgeordneten sprechen. Die 1938 in Gdingen nahe Danzig geborene Jüdin überlebte als Kind das deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Polen. Sie ist eine der wenigen noch lebenden Zeit- und Augenzeugen des nationalsozialistischen Rassenwahns und Vernichtungswerks. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron betreibt Friedman einen TikTok-Kanal, auf dem sie in kurzen Videos die Erinnerung an die Shoah bei Jugendlichen wachhält. Dem Kanal folgen mehr als 500.000 Menschen.

Eröffnet wird die Gedenkstunde durch Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die eine Begrüßungsansprache an das Parlament halten wird. Die Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus findet jährlich rund um den 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee im Jahr 1945, statt.

Die Gedenkstunde wird live ab 12.30 Uhr im Internet auf www.bundestag.de in deutscher und englischer Sprache sowie auf www.bundestag.de/gebaerdensprache in Deutscher Gebärdensprache übertragen.

Prominente Stimme im Kampf gegen das Vergessen

Tova Friedman wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie zunächst in das Ghetto Tomaszów Mazowiecki deportiert. Im Alter von fünf Jahren deportierten die Nazis Friedman gemeinsam mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Sie überlebte das Vernichtungslager wie durch ein Wunder als eines der jüngsten bekannten Kinder – zunächst aufgrund eines mutmaßlichen technischen Defekts der Gaskammern und später, indem sie sich während der Todesmärsche zwischen Leichen im Krankenrevier versteckte.

Nach ihrer Befreiung am 27. Januar 1945 musste sie feststellen, dass viele ihrer Familienangehörigen ermordet worden waren. Friedman und ihre Familie emigrierten im Jahr 1950 in die Vereinigten Staaten von Amerika. In New York studierte sie Psychologie, Literatur und Sozialarbeit. 1960 heiratete sie und ging mit ihrem Mann Maier Friedman für zehn Jahre nach Israel, um dort an der Hebräischen Universität Jerusalem zu lehren. Nach ihrer Rückkehr in die USA arbeitete sie mehr als zwanzig Jahre als Psychotherapeutin und Direktorin am „Jewish Family Service of Somerset and Warren Counties“ in New Jersey und praktiziert dort bis heute. Tova Friedman gilt als eine der prominentesten Stimmen im Kampf gegen das Vergessen.

Musik verfolgter Komponisten

Musikalisch umrahmt wird die Gedenkstunde durch Solo-Stücke von Komponisten, die selbst Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. Zunächst intoniert die Flötistin und Studentin der Universität der Künste Meret Louisa Vogel die „Aubade Op. 19a“ von Marius Flothuis (1914 bis 2001). Der niederländische Komponist war seinerzeit im Widerstand gegen die Nazis aktiv und überlebte nach seiner Inhaftierung im KZ Sachsenhausen wie Friedman einen der brutalen Todesmärsche aus der Schlussphase des Holocausts.

Der Pianist Igor Levit interpretiert später das „Nocturne – Warsaw Ghetto“ der polnischen Komponistin Josima Feldschuh (1929 bis 1943). Feldschuh galt bereits im Alter von fünf Jahren als großes musikalisches Talent. Zu dieser Zeit lebte sie mit ihrer Familie im Warschauer Ghetto und entging der Deportation in das Vernichtungslager Treblinka. Sie starb jedoch bereits im Alter von 13 Jahren auf der Flucht vor den Nazis an Tuberkulose.

70 Jugendliche erinnern gemeinsam an die Shoah

Wie auch in den vergangenen Jahren richtet der Bundestag im Vorfeld der Gedenkstunde eine Jugendbegegnung aus. Zu einem sechstägigen Programm kommen 70 junge Erwachsene im Alter zwischen 17 und 25 aus verschiedenen Ländern zusammen, um sich gemeinsam dem Thema der Verfolgung von Frauen und Kindern im Nationalsozialismus zu nähern. 

Seit 1997 lädt der Deutsche Bundestag zu dieser Begegnung und Auseinandersetzung mit Themen und Fragen in Zusammenhang mit der Ereignis- und Wirkungsgeschichte des Nationalsozialismus ein. Die jungen Erwachsenen kommen in diesem Jahr überwiegend aus Deutschland, aber auch aus Polen, Ungarn, Frankreich, den Niederlanden, Tschechien, Österreich und der Türkei.

Neben einem Besuch der Gedenkstätte Ravensbrück bei Fürstenberg/Havel in Brandenburg stehen mehrere Zeitzeugen- und Expertengespräche, Workshops und Gruppendiskussionen auf dem Programm. Höhepunkt und Abschluss der Jugendbegegnung ist eine Podiumsdiskussion mit Tova Friedman und Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow (Die Linke).

Die Podiumsdiskussion wird live am Mittwoch, 28. Januar, ab 14.30 Uhr im Internet auf www.bundestag.de übertragen.   

Ausstellung zu jüdischen Parlamentarier-Biografien

In der Halle des Paul-Löbe-Hauses lädt anlässlich des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ab 28. Januar zudem eine Ausstellung ein, sich mit jüdischen Biografien in der parlamentarischen Gründergeneration der Bundesrepublik nach 1945 zu befassen. 

Die Ausstellung dokumentiert die vielfältigen, heute weitgehend vergessenen jüdischen Biografien und erinnert an die Schicksale von Abgeordneten, die als Jüdinnen und Juden oder wegen ihrer jüdischen Herkunft verfolgt wurden. Sie würdigt ihr Wirken in den kontroversen Debatten um deutsche Schuld und bleibende Verantwortung. Eröffnet wird die Schau mit dem Titel „An eine Zukunft glauben…“ am 27. Januar durch Bundestagspräsidentin Klöckner. Sie wird bis 6. März 2026 zu sehen sein und kann montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr besucht werden. (ste/20.01.2026)