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Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier hat den 9. November 1918 als einen „Meilenstein der deutschen Demokratiegeschichte“ bezeichnet. Dieser Tag stehe für die Geburt der Republik in Deutschland, für den Durchbruch der parlamentarischen Demokratie, sagte der Bundespräsident in der Gedenkstunde zum 9. November als dem „Schicksalstag der Deutschen“ am Freitag, 9. November 2018, im Plenarsaal des Bundestages. Der 9. November 1918 habe deshalb einen „herausragenden Platz in der Erinnerungskultur unseres Landes“ verdient.

„Ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte“

Der 9. November 1918 sei auf der Landkarte der deutschen Erinnerungsorte zwar verzeichnet, er habe aber nie den Platz gefunden, der ihm zusteht. „Er ist ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte“, auch weil er für Licht und Schatten stehe, „weil wir jene Demokratie, die damals begann, fast nie von ihrem Anfang, sondern meist von ihrem Ende her denken“.

Steinmeier erinnerte im Beisein von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) und des Bundesratspräsidenten Daniel Günther (CDU) an jene „widersprüchliche Revolution“ mit „Irrwegen und enttäuschten Hoffnungen“, deren Widersprüchlichkeit bereits gezeigt habe, als Karl Liebknecht, der Führer des Spartakus-Bundes, am 9. November 1918 die Republik ein zweites Mal ausrief, zwei Stunden nach dem Sozialdemokraten Philipp Scheidemann. Das große Verdienst der gemäßigten Arbeiterbewegung sei es gewesen, den Kompromiss mit den gemäßigten Kräften des Bürgertums gesucht und damit der parlamentarischen Demokratie den Vorrang gegeben zu haben.

„Es lebe die deutsche Republik!“

Steinmeier schlug den Bogen in die Gegenwart, in der „die liberale Demokratie wieder unter Druck gerät, in denen ihre Gegner lauter und selbstbewusster werden“. Wenn aber vor „Weimarer Verhältnissen“ gewarnt werde, weise er das entschieden zurück, sagte Steinmeier. „So machen wir unsere Demokratie kleiner und ihre Gegner größer als sie sind!“

So wenig der Demokratie am 9. November 1918 ihr Scheitern vorherbestimmt gewesen sei, so wenig sei einhundert Jahre später ihr Gelingen garantiert. „Wir beobachten ein wachsendes Unbehagen an der Parteiendemokratie, bis hinein in die Mitte unserer Gesellschaft“, stellte der Bundespräsident fest. „Ich wünsche mir, dass heute, an ihrem 100. Geburtstag, möglichst viele Menschen in unserem Land dem Wert der parlamentarischen Demokratie nicht nur nachspüren – sondern, dass sie daraus die Kraft schöpfen, den Mut fassen, sich in und für diese Demokratie zu engagieren.“

Steinmeier schloss mit dem Aufruf: „Trauen wir uns, die Hoffnung, die republikanische Leidenschaft jener November-Tage auch in unserer Zeit zu zeigen. Trauen wir uns, den Anspruch zu erneuern: Es lebe die deutsche Republik! Es lebe unsere Demokratie!“

Von Robert Blum bis zum Mauerfall

Zuvor hatte Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble den 9. November als „den“ deutschen Schicksalstag bezeichnet. An diesem Datum verdichte sich „unsere jüngere Geschichte in ihrer Ambivalenz, mit ihren Widersprüchen, ihren Gegensätzen“. Schäuble schlug den Bogen von der standrechtlichen Erschießung Robert Blums am 9. November 1848 in Wien bis zum Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989. Blum, Abgeordneter des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments, sei aus Angst der Obrigkeit vor der Revolution erschossen worden, er sei für die Freiheit gestorben, für die noch immer Menschen in vielen Ländern der Welt ihr Leben riskierten.

Die Deutschen und die Revolution, das sei lange kein inniges Verhältnis, betonte der Bundestagspräsident. 1848, 1918 und 1989 seien drei Anläufe auf dem verschlungenen Weg zur Demokratie mit sehr unterschiedlichem Ausgang gewesen, verbunden durch das Datum des 9. November. Einerseits sei die Häufung historischer Schlüsselereignisse an einem Datum zufällig, andererseits seien Hitler und Ludendorff 1923 nicht zufällig am 9. November auf die Münchner Feldherrnhalle zumarschiert. Ihr Putschversuch sei die gewalttätige Antwort auf die ihnen verhasste Revolution von 1918 gewesen. „Man wusste um die hohe Symbolik des Datums, um die Wirkmacht der Erinnerung“, betonte Schäuble.

„Der Firnis der Zivilisation ist dünn“

Auch die Demokratie müsse sich ihrer Traditionen stets neu vergewissern: „Wir tun gut daran, sie zu pflegen. Denn Erinnerung gibt Orientierung, schafft Maßstäbe. Und beides brauchen wir – in dieser Zeit schneller Veränderungen mehr denn je“, sagte Schäuble. Spätestens am 9. November 1938, als Synagogen in ganz Deutschland brannten, sei der Weg in den Abgrund für alle sichtbar gewesen: „Man musste schon bewusst wegschauen, um die Ausgrenzung der Juden in Deutschland nicht zu sehen.“

Auch dafür stehe der 9. November: „Dass der Firnis der Zivilisation dünn ist!“ Aktuelle Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen zeigten, wie nötig ihr Schutz auch im 21. Jahrhundert immer noch sei. Schäuble schloss mit den Worten: „Gefährden wir Freiheit und Frieden nicht, niemals wieder – das ist die beständige Mahnung des 9. November, dieses Schicksalstages aller Deutschen.“

Philipp Scheidemanns Ausrufung der deutschen Republik

Der Schauspieler Ulrich Matthes trug im Anschluss die spontan gehaltene Ansprache Philipp Scheidemanns vom Fenster des Reichstagsgebäudes vor, in der er am 9. November 1918 die „deutsche Republik“ ausgerufen hatte. Von dieser Ansprache gibt es verschiedene Fassungen, auch eine Jahre später von Scheidemann selbst eingesprochene Tonaufnahme. Matthes trug den Wortlaut vor, der bereits 1919 im Revolutions-Almanach veröffentlicht worden war und der im Urteil der Historiker den tatsächlich gesprochenen Worten am nächsten kommt.

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkstunde vom Nimrod Ensemble aus Berlin, das den ersten Satz aus dem Quintett für Klarinette, zwei Violinen, Viola und Violoncello opus 30 von Paul Hindemith (1895-1963) aus dem Jahr 1923 und zusammen mit dem israelischen Klarinettisten Nur Ben Shalom den ersten Satz aus dem Quintett für Klarinette und Streichquartett des israelischen Komponisten Paul Ben-Haim (1897-1984), Werkeverzeichnis 2163, zu Gehör brachte. Die Gedenkstunde endete mit der Europahymne und der Nationalhymne, intoniert vom Blechbläserquintett der Universität der Künste Berlin. (vom/09.11.2018)

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