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Interview mit dem Architekten Sir Norman Foster

Blickpunkt Bundestag, Ausgabe April 03/1999

Blickpunkt Bundestag: Sir Norman, was bedeutet es für einen britischen Architekten, vom Deutschen Bundestag mit dem Bau des Herzstücks des deutschen Parlamentarismus beauftragt zu werden?

Sir Norman Foster: Es ist eine hohe Ehre, es ist ein unglaubliches Privileg, eine außergewöhnliche Gelegenheit und eine große Herausforderung.

Wäre so etwas auch in England möglich?

Nein, es wäre unmöglich. Obwohl, ich glaube, daß sich in Großbritannien in letzter Zeit einiges geändert hat. Es gab einmal eine Zeit, in der es undenkbar gewesen wäre, daß ein Ausländer mit einer solchen nationalen Bauaufgabe betraut worden wäre. In Deutschland und in anderen europäischen Ländern hat es diese Tradition gegeben, daß Wettbewerbe für ausländische Architekten offen waren. Diese Haltung ist sehr spät nach Großbritannien gekommen. Heute gibt es Beispiele wie die Schweizer Architekten, die die Tate Gallery umbauen, es gibt spanische und deutsche Architekten, die bei uns erfolgreich sind, zum Beispiel Günter Behnisch, der einen bedeutenden Wettbewerb in Bristol gewann. Großbritannien macht also in dieser Beziehung einen interessanten Wandel durch.

Hat man das Beispiel Deutschland vor Augen, wo ja Architekten aus aller Herren Länder ihre Visitenkarten abgeben?

Zwangsläufig hat man von Deutschland gelernt, denn diesen Weg zu verfolgen heißt, den von Deutschland vorgezeichneten Weg gehen. Es ist jedenfalls sehr ungewöhnlich, wenn nicht einmalig, einen solchen Parlamentswettbewerb auszuschreiben, der allen deutschen Architekten offen steht, einschließlich 14 eingeladenen Teams aus dem Ausland, und diesen in zwei Stufen völlig unvoreingenommen durchzuführen. Doch inzwischen ist man auch in Großbritannien weiter, und Bauten für beide Kammern und für Regionalparlamente werden ebenfalls international ausgeschrieben - hier hat das Vorbild Berlin Schule gemacht.

Darüber hinaus gibt es in Deutschland ein soziales ökologisches Gewissen jenseits der Arbeit der grünen Parteien und man diskutiert alle Fragen der Umweltverträglichkeit von Architektur auf einem hohen Niveau.

An den Wänden sind Teile der alten Sandsteinverkleidung aus der Wallot­Zeit erhalten geblieben, die zum Teil mit kyrillischen Schriftzeichen versehen sind.

Wie sind Sie mit dem enormen symbolischen Gehalt des historischen Reichstagsgebäudes umgegangen?

Wenn man dem Gebäude vollkommen unvoreingenommen gegenübertritt und ohne Abstriche all seine historischen Schichten, all die Spuren der Vergangenheit freilegt, wird man der Versuchung widerstehen, Geschichte zu erfinden, Capriccios oder falsche Historismen hinzuzufügen. Viel eher wird man eine neue historische Schicht aufbringen, diesen jüngsten Eingriff, der das neue, aus der Wiedervereinigung erwachsene Parlament repräsentiert.

Dieser Umstand wurde übrigens auf höchst interessante Weise von Christo hervorgehoben. Mit dem Auspacken begann auch der Abriß der Zutaten aus den sechziger Jahren und der nachfolgende Neu­Ausbau. Und in diesem Stadium konnte übrigens noch niemand ahnen, was hinter den Wandverkleidungen der sechziger Jahre zum Vorschein kommen würde.

Was bedeutet es für Sie, ein historisches Gebäude umzubauen, welchen Wert messen Sie der Baugeschichte, dem Denkmalschutz zu?

Der Respekt vor den Spuren der Geschichte, vor jeder Lebensphase eines Gebäudes, entspricht der Wertschätzung der Stadt und der Integration eines Neubaus in eine Stadt, die bereits aus verschiedenen Stilen, verschiedenen Baualtern, Spuren verschiedener Epochen der Vergangenheit mit jeweils einer eigenen Identität geprägt ist. In diesem Sinne ist der Reichstag wie eine Stadt im Kleinen. Deshalb sehe ich keinen Unterschied zwischen dem Bauen in einem historischen Gebäude und der Arbeit an einem neuen Gebäude in einer historischen Stadt. Die Elemente, die wir hier sehen, die wir gestaltet haben, respektieren die Vergangenheit, aber sie sind kompromißlos modern. Die Vorstellung, daß man beim Entwerfen in einem historischen Gebäude historistische, postmoderne Formen beisteuern müsse, ist mir fremd.

1961-1972 hat Paul Baumgarten schon einmal den Reichstag ausgebaut - in einer Architektursprache, die von der Ihren nicht weit entfernt ist. Die Berliner Architekten lieben ihren Baumgarten. Gab es denn keine Chance, wenigstens Teile seiner Arbeit zu erhalten?

Über diese Angelegenheit wurde ein Werturteil nicht nur von einer isolierten Gruppe gefällt. Wir haben sehr mühsame, ernsthafte Anstrengungen unternommen, Teile der alten Ausstattung zu erhalten. Aber wenn man die Bedingungen betrachtet, unter denen das hätte geschehen können, was hätte man tun müssen? Wenn man beispielsweise beschlossen hätte, einen Raum oder einen Teilraum zu erhalten, hätte man ihn komplett demontieren müssen, um den Asbest ausbauen zu können, der sich hinter den Verkleidungen befand. Dann jedoch, wenn sie einen Baumgarten der sechziger Jahre nach Bauaufnahmen rekonstruieren, ist es dann noch ein Baumgarten der sechziger Jahre?

Sie sind nicht gerade als ein Architekt bekannt, der kodierte Architektur im Sinne von Historismus oder Postmoderne bauen würde. Haben Sie symbolische Bezüge bei Ihrer Arbeit am Reichstag bewußt vermieden? Was ist zum Beispiel mit der Kuppel und ihrer Bedeutung?

Die Silhouette des Gebäudes kann etwas anderes gar nicht sein als ein Symbol des Reichstags. Sie kann aber auch als dreidimensionales Objekt beschrieben werden, als plastische Form, als Skulptur, man kann ihr schlechterdings nicht entrinnen. Sie unterscheidet sich von jeglichen anderen Gebäuden irgendwo auf der Welt und gehört einfach zum Reichstag.

Aber der symbolträchtige Bau steht auch für die Ökologie und für die Philosophie des Gebäudes, für die Beziehung zwischen Volk und Volksvertretern, für die Transparenz des Gebäudes zum Nutzen jener, die als Abgeordnete hierher kommen und das Haus in Beziehung zur Stadt und zur weiteren Umgebung erleben können.

Der Symbolgehalt der Kuppel kann auch nicht getrennt werden von der Entwurfsidee, daß in ihr Tageslicht tief in das Herz des Gebäudes hineingezogen wird, daß sie den Blick von oben in den Plenarsaal ermöglicht, daß sie umgekehrt wie ein Leuchtturm wirkt und Signale aussendet vom Prozeß der Demokratie. Ebensowenig kann er getrennt werden vom natürlichen Belüftungssystem des Gebäudes und dessen aerodynamischer Wirkungsweise. All diese Dinge verkörpert die Architektur, Dinge, die wir quantifizieren können, und solche, die man nicht quantifizieren kann.

Sie möchten nicht gerne als Technokrat oder High­Tech­Architekt bezeichnet werden. Auf welche Weise haben Ihre Bauten auch eine poetische Dimension?

Ich habe über die poetische Dimension bereits gesprochen. Wie will man auch in anderen Worten den Strom aus Sonnenlicht beschreiben, der sich in den Plenarsaal ergießt. Wenn man einen Trichter aus 360 Spiegeln formt, gewinnt die Poesie bei der Abwägung die Oberhand. Ich kann nur immer wieder betonen, daß Architektur aus Dingen besteht, die man messen kann, und aus solchen, die sich nicht messen lassen, die nach anderen Gesichtspunkten ausgewählt, nach ästhetischen Kriterien beurteilt werden. Ansonsten hätten wir nur eine gedeckte Box mit einer leeren Geste oben drauf, die keine Beziehungen zu anderen Werten besitzt. Es geht also um die humanen Werte der Architektur.

Im neuen Bundestag dominiert ganz eindeutig die wenig aufregende "Naturfarbe" grau in allen Tönungen von beige bis mattsilbern. Welche Bedeutung messen Sie der Farbe bei?

Das Bauwerk ist in allen Belangen radikal - es läßt sich kaum etwas Radikaleres denken als ein öffentliches Gebäude dieser Größenordnung, das durch vollständig erneuerbare Energien versorgt wird, das ein solch ungezwungenes Verhältnis zur Öffentlichkeit hat, das an der Spitze der technischen Entwicklung steht und gleichzeitig tief in der Geschichte verwurzelt ist. Doch wir mußten einräumen, daß wir in Bezug auf die Farbe zu wenig radikal vorgegangen sind. Wir fragten uns plötzlich, warum wir die Farben nicht mutiger eingesetzt haben. Wir sprachen über historische Schichten in der Architektur. Warum konnten wir nicht dafür Farbe einsetzen? Ich denke an die historische Schicht der Wandpaneele, hinter denen ja die fortschrittliche Technik steckt, die Akustikdienste, die Sicherheitstechnik, hier wäre doch die Gelegenheit für Farbe gewesen. Wir haben Farben eingesetzt, bei den Türen, der Rest war grau und silber, es gab nicht den Knalleffekt eines schreienden Gelbs, eines Giftgrüns oder eines kräftigen Rots. Wir waren also herausgefordert. Und wenn Sie heute aufs Dach gehen und Sie sehen die Dachterrasse und Sie sehen das Restaurant mit den roten Wänden - ich finde das phantastisch. Und ich sehe es und sage "Junge Junge, noch nie haben wir Farbe in dieser Weise eingesetzt". Farbe ist eine neue Dimension, doch ich würde nicht weitergehen und intellektualisieren und sagen, Gelb ist Symbol für dies, Rot ist symbolisch für jenes und hat die unterschwellige Bedeutung einer Partei oder eine andere Farbe ist die einer anderen Partei, nein, so ist es nun doch nicht.

Sir Norman, wir danken für das Gespräch.

Das Gespräch führte Falk Jaeger

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