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Parastou Forouhar

Vote for Women, Digitale Zeichnung, C-Print auf Papier, 2018

Die iranische Konzeptkünstlerin Parastou Forouhar (geb. 1962 in Teheran) bedient sich in ihrem Werk den künstlerischen Techniken der Fotografie, der Zeichnung oder computeranimierter Bildsequenzen. Zentrales Thema ihres Schaffens ist die Situation von Frauen in der Gesellschaft, ihr besonderes Augenmerk liegt dabei auf muslimischen Gesellschaften und insbesondere ihrer iranischen Heimat, die sie 1991 verließ, um in Deutschland ein Aufbaustudium in bildender Kunst zu absolvieren. An politischer Brisanz gewannen ihre Arbeiten im Jahr 1998, als ihre Eltern Dariush und Parvaneh Forouhar in Teheran ermordet wurden.

Für ihre grafischen Arbeiten hat Parastou Forouhar ein besonderes Prinzip ornamentaler Bildmuster entwickelt, in denen sich aus gestalterisch dichten, meist  großflächigen Gesamtkompositionen Einzeldarstellungen und Szenen herausschälen, die nichts mit der Schönheit des ersten Eindrucks zu tun haben, sondern im Gegenteil meist grausame, verstörend brutale Darstellungen von Folter und Gewalt darstellen: „Ich fordere den zweiten Blick heraus. Auf den ersten Blick sieht man das schöne Muster und denkt, ah ich hab’s verstanden, ich hab’s wahrgenommen. Und dann geht man näher und merkt, nein, das ist ganz anders, ich habe nichts verstanden. Diesen zweiten Blick herauszufordern, das ist für mich spannend. Der Betrachter wird auf sich selbst zurückgeworfen, auf seine Wahrnehmung und muss diese Wahrnehmung überprüfen.“

Dieser Widerspruch zwischen der visuellen Präsenz wiederholter Linien, Formen und Farbanordnungen und den Details klar konturierter Szenerien ist ihr die bildnerische Entsprechung für die empfundene und erfahrene Widersprüchlichkeit ihrer Heimat, die wie die Ornamente von Schönheit und Religiosität und darin tief eingebetteter politischer Mechanismen von Gewalt und Machtmissbrauch gerade gegenüber Frauen gekennzeichnet ist: „(Das) Ornament (ist) ein ästhetisches Phänomen, das keine Brüche zulässt, Individualität nicht zulässt, Veränderung nicht zulässt (…). Alles was sich dieser ornamentalen Ordnung nicht unterordnet, wird wegradiert. Es ist nicht existent und dadurch erscheint das Ornament als etwas Totalitäres. Natürlich ist das Ornament nicht darauf zu reduzieren. Aber meine Herangehensweise an das Ornament bezieht sich auf diesen totalitären Aspekt, den ich aufzeigen will. Es geht um ein System, das die Freiheit des Individuums radikal einschränkt und einem seine Macht einfach überall aufzwingt.“ (P.F. in einem Interview für die Sammlung Deutsche Bank)

Für die Ausstellung zum 100. Jahrestag des Frauenwahlrechts in Deutschland griff Parastou Forouhar das ornamentale Gestaltungsprinzip auf und komponierte das Gesamtbild aus  Einzelformen stilisierter Frauenkörper in stark gemusterten Gewändern, die wie Versatzstücke der „Bildtapeten“ Forouhars nun als bewegte Kleidungs- und Verhüllungstücke fungieren, aus denen Köpfe und Gliedmaßen unterschiedlicher Hautfarbe herausschauen. Dabei bleibt es den Betrachtenden selbst überlassen zu entscheiden, ob die Bewegungen als Flucht vor oder Aufbruch aus den offensichtlich zugefügten schmerzhaften und erniedrigenden Situationen lesen lassen.

Parastou Forouhar studierte 1984 bis 1990 an der Universität Teheran Kunst und zog 1991 nach Deutschland, wo  sie ein Aufbaustudium an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main absolvierte. Seit 1992 lebt sie in Offenbach am Main. Jedes Jahr reist die Künstlerin nach Teheran, um eine Gedenkveranstaltung für ihre ermordeten Eltern zu organisieren. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Preise, darunter ein Stipendium der Villa Massimo in Rom (2006), den Sophie von La Roche-Preis (2012) und ein Aufenthaltsstipendium der  Künstlerresidenz Chretzeturm, Stein am Rhein (2017). (kvo)

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