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Carina Linge

Scaramouche (NK. Doege), C-Print auf Dibond, 2018

Die 1976 in Cuxhaven geborene Fotografin Carina Linge thematisiert in ihrer Arbeit die Stellung der Künstlerinnen in der heutigen Gesellschaft. Im Kontext einer großen Serie, in der sie Malerinnen, Fotografinnen, Bildhauerinnen verkleidete, schminkte, mit Attributen versah und in Position stellte oder setzte, inszeniert sie Bilder, die eher wie Gemälde aus vergangenen Zeiten wirken denn als zeitgenössische Fotografien – und tatsächlich an überlieferte Darstellungen der Commedia de’ll arte anknüpfen. Diese spezifische Tradition des italienischen Volkstheaters existierte zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert und wurde sowohl auf Jahrmärkten als auch an den Höfen Europas gespielt. Anders als im klassischen Theater durften in den Wandertruppen auch Frauen spielen, denen dann die Rolle der Diebin, der Magd, der  Geliebten oder der Köchin zufiel.

Carina Linge aber setzt gerade nicht auf die überlieferten Frauenrollen, sondern zeigt den Harlekin, den Soldaten Il Capitano, den Dottore, den Pantalone oder aber wie hier die Figur des „Scaramouche“, der einst den Typus des neapolitanischen Abenteurers und Aufschneiders, des „Großmauls“ darstellte, und am schwarzen Anzug und der Gitarre zu erkennen ist. Viele Rollen der Commedia de’ll arte verkörpern auf die eine oder andere Art Narren und weckten aus diesem Grund das Interesse der Künstlerin: „Narren hielten dereinst ihrem Herren, aber auch der Gesellschaft den Spiegel vor. Für sie galt keine Regel, sie neckten und warnten vor gefährlichen Abwegen. Zugleich beförderten sie die Selbsterkenntnis, indem sie fragwürdige Gewohnheiten unterhaltsam vor Augen führten.“

Carina Linge verknüpft diese zugeschriebenen Eigenschaften mit dem Bild von Künstlern, denen im Laufe der Jahrhunderte ähnliche Eigenschaften und Fähigkeiten zugesprochen wurden: „Im aktuellen Zeit-(Kunst-) Geschehen übernehmen nicht selten einzelne Künstler diese Rolle – oder sie lassen ihre Werke sprechen. Künstlerinnen haben es in diesem Feld noch schwerer als ihre männlichen Kollegen – patriarchalische Machtstrukturen, ein männlich geprägter Geniekult, Vorurteile, institutioneller Sexismus – man könnte vieles aufzählen. Vor diesem Hintergrund habe ich Künstlerinnen als Närrinnen in psychogrammartigen, arrangierten Bildkompositionen porträtiert. Die Figurentypen der „Commedia dell’arte“, auf die ich  zurückgegriffen habe, ließen mir den Raum, nicht nur vordergründig auf diese Missstände hinzuweisen, sondern in Form von „aufgeladenen Rollenbildnissen“ auch die persönlichen
Geschichten, Emotionen und Gedanken der porträtierten Künstlerinnen durchscheinen zu lassen. (…) 100 Jahre Frauenwahlrecht ist ein freudiger Anlass, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass die Gleichberechtigung von Mann und Frau bei der Ausübung aller wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, bürgerlichen und politischen Rechte noch lange nicht sichergestellt ist.“

Carina Linge studierte an der Bauhaus-Universität Weimar bildende Kunst und erhielt zahlreiche Förderungen und Preise, darunter Stipendien der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, der Kulturstiftung Thüringen und der Stiftung Kunstfonds. Ihre Arbeiten sind in privaten und öffentlichen Sammlungen, darunter in der Eres Stiftung München, der Fundacion Banco Sabadell Barcelona, der Sammlung Segantini Lugano und der Sammlung Mayen Beckmann. Sie lebt und arbeitet in Leipzig. (kvo)

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