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Begrüßungsrede von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert

Jürgen Böttcher alias Strawalde (l.) mit Bundestagspräsident Lammert

© DBT

Begrüßungsrede von Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert zur Eröffnung der Ausstellung „STRAWALDE“ am 15. März 2006, 17.00 Uhr

Sehr geehrter Herr Böttcher, lieber Herr Flügge, lieber Herr Kaernbach,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie alle herzlich zu dieser Ausstellungseröffnung. Ich freue mich, dass Sie heute in einer so stattlichen Anzahl gekommen sind, und ich freue mich darüber, dass diese Ausstellung endlich stattfindet. Nicht alle von Ihnen wissen, dass sie einen vergleichsweise langen Anlauf gebraucht hat, bis sie nun endlich zustande gekommen ist. Diese Ausstellung wurde schon vor zwei Jahren beschlossen. Normalerweise braucht die Umsetzung von Bundestagsbeschlüssen nicht ganz so lange, aber wir haben mit dem damaligen Beschluss die Vorstellung verbunden, dass diese Ausstellung hier in diesen neuen Räumlichkeiten stattfinden sollte, die ja im Unterschied zu manchen anderen Räumen des Bundestages ganz der Kunst und Ausstellungen unterschiedlicher Anliegen und Künstler und Exponate gewidmet sein sollen. Also mussten wir auf die Fertigstellung der Uferpromenade warten.

Einen kleinen Vorteil hat diese zeitliche Verzögerung: Diese Ausstellung wird nun so etwas wie der Auftakt zu einem Jubiläumsjahr des Künstlers, der in nicht ganz ferner Zukunft seinen 75. Geburtstag feiert. Der Tag, an dem er seinen Geburtstag feiert, der 8. Juli, droht allerdings in den Windschatten eines anderen Ereignisses zu geraten, denn am 9. Juli wird das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft ausgespielt.

Dem Kunstbeirat des Deutschen Bundestages verdanken wir, wie ich glaube, manche kluge Entscheidungen für die Verbindung der Architektur der Gebäude des Deutschen Bundestages mit der Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Dieser Kunstbeirat hat seit langem das Anliegen verfolgt, das künstlerische Schaffen von Jürgen Böttcher als Filmemacher und zugleich von Strawalde - wie er sich als Maler nennt - zu würdigen.

Nun kann man zwar sagen, dieser Würdigung bedarf es nicht unbedingt, schon gar nicht unbedingt hier, aber genau das war das Anliegen, das wir damals begründet haben. Aus einem Zusammenhang heraus, den ich gerne erläutere, hatten wir das ausgeprägte Bedürfnis, diesen Mann und diesen Künstler auch und gerade in den Räumlichkeiten des Bundestages mit einem Überblick über sein Schaffen auszustellen und auf diesem Wege sein herausragendes künstlerisches Schaffen zu würdigen.

Ich glaube, dass die Ausstellung hier in diesen Räumen eine sehr angemessene Umgebung gefunden hat, denn die Vielfalt, die Lebendigkeit, die Farbenfreudigkeit der Bilder von Strawalde finden in dieser vergleichsweisen strengen und farblich sehr zurückhaltenden Architektur eine besonders schöne kontrastierende Umgebung. Ich will gerne erläutern, warum wir den Ehrgeiz hatten, Strawalde mit einer Ausstellung im Deutschen Bundestag zu zeigen. Der Kunstbeirat hat zu ihm wie zu einer Reihe herausragender deutscher Künstler seit vielen Jahren einen engen und regelmäßigen Kontakt. Das hängt vor allen Dingen mit der denkwürdigen Entscheidung zusammen, mit Bundestag und Bundesregierung von Bonn nach Berlin zu ziehen, die eine Reihe von unvermeidlichen Immobilienentscheidungen nach sich zog. Die Allermeisten sind, wie ich denke, vorzeigbar ausgefallen. Eine der alles andere als selbstverständlichen und in jeder Beziehung denkwürdigen Entscheidungen, die der Deutsche Bundestag damals im Zusammenhang mit der Herstellung des Reichstagsgebäudes als Sitz des Parlamentes getroffen hat, bestand darin, dieses Reichstagsgebäude gleichzeitig zu einem kleinen Museum zeitgenössischer deutscher Kunst zu machen. Wir wollten nicht, wie in vielen anderen Parlamenten der Welt, Historiengemälde aufhängen, um auf diese Weise unsere mal mehr und leider häufig auch weniger eindrucksvolle Geschichte auf diesem Wege ins Bewusstsein zu heben, sondern wir wollten ein Zeichen setzen, dass wir die Verbindung zwischen Kunst und Politik, zwischen Politik und Kultur, für eine ganz wesentliche Aufgabe auch und gerade der Verfassungsorgane halten.

Heute kann schwerlich bestritten werden, dass die hohe Attraktivität des Reichstagsgebäudes und dieses ganzen Gebäudeensembles ganz wesentlich mit der Attraktivität der Architektur und der Erstklassigkeit der Kunst zu tun hat, die in diesen Gebäuden zu finden ist.

Es soll ja einige Leute geben, die als einzig störenden Punkt gelegentlich monieren, dass im Reichstagsgebäude unnötigerweise politische Debatten stattfinden. Dies reduziere die Besuchszeiten, um sich die eindrucksvollen Exponate von Gerhard Richter, Günther Uecker bis hin zu Strawalde ansehen zu können. Viele von Ihnen werden wissen, dass es unser Konzept war, einige wenige Werke herausragender Künstler anzukaufen und im übrigen Künstler aufzufordern, Installationen für konkrete Raumkonstellationen in Sälen, in Treppenhäusern, in Foyers zu schaffen. Strawalde gehörte zusammen mit Gerhard Richter, Georg Baselitz, Lutz Dammbeck, Günther Uecker, Siegfried Polke und vielen anderen zu den Künstlern, die wir damals gebeten haben, sich an der künstlerischen Gestaltung des Reichstagsgebäudes zu beteiligen.

Drei Gemälde von Strawalde hängen im Reichstagsgebäude, und zwar in dem Zimmer, das dem Bundeskanzler bzw. jetzt der Bundeskanzlerin zur Verfügung steht, wenn sie sich nicht in ihren Amtsräumen aufhält, sondern im Deutschen Bundestag. Die Entscheidung, dort Arbeiten von Strawalde zu hängen, hat eine fast seherische Bedeutung. Damals war noch nicht so ganz klar, dass ein paar Jahre später nicht nur die erste Frau ins Kanzleramt einziehen würde, sondern dass zum ersten Mal auch eine Repräsentantin aus den neuen Ländern dieses wichtige Amt übernehmen würde.

Damit bin ich bei einem anderen Punkt, auf den es hinzuweisen lohnt. In den damaligen gelegentlichen Auseinandersetzungen über die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler, die wir an der Ausgestaltung des Bundestages und seiner Nachbargebäude beteiligt haben, gab es damals eine Kontroverse darüber, wieso denn eigentlich der vermeintlich überwiegende Teil der aufgeforderten Künstler aus dem Westen und nur ein ganz kleiner Anteil auf Künstler aus den neuen Ländern entfallen sei. Wenn man sich nicht nur den aktuellen Aufenthaltsort, sondern die Lebensgeschichte der Künstler betrachtet, deren Werke jetzt in diesen Gebäuden dauerhaft ihren Platz gefunden haben, dann wäre eher die gegenteilige Beschwerde gerechtfertigt. Denn der größere Teil dieser Künstler kommt aus der früheren DDR und hat einen ganz wesentlichen Teil der eigenen künstlerischen Biographie in Dresden, in Leipzig, in Berlin verbracht. In vielen Fällen führt das auch im künstlerischen Schaffen zu einem ganz unmittelbaren Niederschlag.

Strawalde gehört zu den Künstlern, die in ganz besonderer Weise in ihrem Schaffen und in ihrer Biographie Glanz und Elend künstlerischer Entfaltungsmöglichkeiten unter den Bedingungen einer Diktatur zum Ausdruck bringen. In vielerlei Weise sind seine persönliche Biographie und auch sein Werk von diesen Erfahrungen gekennzeichnet. Auch das war ein Grund dafür, dass wir diesen Künstler gebeten haben, an der künstlerischen Ausgestaltung der Parlamentsräume mitzuwirken. Ein weiteres Motiv für die heutige Ausstellung ist es, das künstlerische Schaffen von Strawalde in der Doppelbegabung des Filmemachers und des Malers zum Ausdruck zu bringen. Wir freuen uns, dass wir das in einer repräsentativen Auswahl verdeutlichen können.

Vor zwei oder drei Jahren hat mit einer ähnlichen Motivation eine Ausstellung von Strawalde im Kanzleramt stattgefunden, die noch ein bisschen größer gewesen ist. Aber die Möglichkeit, sich einen Überblick über das künstlerische Schaffen zu ermöglichen, ist hier im Bundestag offenkundig besser als das damals bei der im Kern auf Gemälde begrenzten Ausstellung im Kanzleramt der Fall war. Hier besteht die Möglichkeit, nicht nur eine repräsentative Auswahl von in den letzten Jahren entstandenen Gemälden Strawaldes kennen zu lernen, sondern auch viele der kleinen genialen Arbeiten, die ihn in den früheren Jahren bekannt gemacht haben und die, wenn ich das richtig sehe, seit Jahrzehnten nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen waren und hier erstmals wieder zugänglich sind.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen, lieber Herr Böttcher, dass Sie selber an der Zusammenstellung dieser Ausstellung beteiligt waren und dass wir auf diesem Wege ein bisschen teilhaben können an der Vielfalt, an der Vitalität, an der Ausstrahlungskraft Ihres künstlerischen Schaffens.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich herzlich zu bedanken für musikalische Darbietungen, die wir ergänzend zum heutigen Programm haben ermöglichen können. Ich begrüße zwei langjährige Freunde von Strawalde: Ulrich Gumpert am Flügel und - im Programm nicht angekündigt, weil erst kurzfristig verfügbar geworden - Günter Sommer am Schlagzeug.

Beide Musiker aus der Formation „Zentralquartett“ gehören zu den bedeutenden Vertretern der freien Jazz-Szene in der ehemaligen DDR. Ich vermute, dass damals schon das Zentralquartett mindestens so bekannt war wie das Zentralkomitee. Für die heutige Veranstaltung ist die Kombination ihrer Musik und dieser sehr expressiven Bilder ein zusätzlicher Farbtupfer.

Allen Mitwirkenden nochmals meinen herzlichen Dank, nicht zuletzt auch Herrn
Dr. Kaernbach für die Vorbereitung dieser Ausstellung und Herrn Flügge für die Bereitschaft, uns in das Werk von Strawalde und Jürgen Böttcher einzuführen. Ich wünsche Ihnen allen interessante Eindrücke und Einblicke. Vor allen Dingen hoffe ich, dass dieser Raum, der erst seit wenigen Monaten verfügbar ist, sich wirklich als ein ständiger lebendiger Platz der Begegnung von Kunst und Politik etabliert.

Herzlichen Dank fürs Kommen und herzlich willkommen.

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