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Andreas Gursky

Der 1955 in Leipzig geborene Künstler Andreas Gursky ist einer der führenden zeitgenössischen Fotokünstler aus der Schule der Düsseldorfer Kunstakademieprofessoren Bernd und Hilla Becher. Seine monumentalen Bildformate entstehen durch digitale Zusammenfügung zahlreicher Einzelaufnahmen, die dasselbe Motiv aus unterschiedlichen Blickwinkeln oder zu unterschiedlichen Tageszeiten zeigen. Aus diesen Fotoversatzstücken entstehen somit keine fotografischen Abbilder, sondern eigenständige Kunstwerke, ähnlich frei komponiert wie Gemälde. Eine seiner wichtigsten Werkgruppen ist durch den Blick aus der Vogelperspektive auf Menschen, Häuser oder Landschaften gekennzeichnet. Andreas Gursky gestaltet durch den Blick aus großer Ferne auf Menschenansammlungen – an der Börse, in Fabriken oder bei Konzerten – Sinnbilder sozialer Kommunikation. Die Individuen und die Strukturen ihrer Umgebung fügen sich in Gurskys Fotoarbeiten zu einem mosaikähnlichen Gesamtbild zusammen, sie bilden Muster und weichen doch wieder individuell ab, sie zeigen die übereinstimmenden Verhaltensmuster der Vielen und das Abweichen und Ausbrechen Einzelner aus einer Menge.

In den Jahren 1996 bis 1998 hat Andreas Gursky zahlreiche Fotoaufnahmen des Plenarsaals in Bonn angefertigt – vom erhöhten Standpunkt einer Hebebühne aus in den Plenarsaal durch die diesen umrahmenden Glasscheiben hindurch. Die für das Bild „Bundestag“ entscheidenden Aufnahmen fertigte der Künstler im April 1998. Sie zeigen eine Abstimmung mit Stimmkarten. Der Künstler hat den Moment herausgegriffen, als viele Abgeordnete ihre Plätze verlassen haben und sich um die Abstimmungsurnen drängen. Bei genauem Hinsehen erkennt man, dass das Bild aus vielen Einzelaufnahmen komponiert ist: Motive überlagern sich oder brechen plötzlich ab, Spiegelungen oder Architekturelemente tauchen auf, die in der Realität nicht vorhanden sind.

Gurskys Komposition ist also kein Dokumentationsfoto einer Plenarsitzung. Der Künstler hat vielmehr ein Sinnbild demokratischer Kommunikation geschaffen. Er zeigt einen für eine Demokratie typischen und entscheidenden Moment, jedoch bewusst keinen herausragenden feierlichen Staatsakt, sondern alltägliches Handeln und Arbeiten im Parlament: Abgeordnete drängen nach einer Debatte mit ihren Stimmkarten zur Urne, einige haben ihre Plätze bereits wieder eingenommen, andere verharren stehend und diskutieren. Ein entspanntes hierarchieloses Miteinander hat sich eingestellt. Gegliedert wird die Szenerie, einem Kirchenfenster vergleichbar, nur durch das Raster der Glasfenster.

So hat Gursky aus einer alltäglichen Szene ein Historienbild geschaffen, ein dezidiert zeitgenössisches und – in der Kunst noch ungewohnt – zudem ein fotografisches. Es stellt eine Erinnerung an die geschichtliche Bedeutung Bonns dar und beleuchtet zugleich allgemeingültig einen bedeutenden Vorgang demokratischen Handelns. In solchem Verständnis präsentiert sich dieses Historienbild im Empfangs- und Besucherraum des Bundestagspräsidenten im Reichstagsgebäude als eine Ikone demokratisch verfasster Staatlichkeit, „ein Denkmal in Bildgestalt“, wie es der Kunsthistoriker Michael Diers nennt. Nicht weniger bedeutsam komponiert und bedachtsam ausgesucht ist auch der Ort der Hängung des Kunstwerks: Zur Linken des Bildes geht der Blick durch ein Fenster auf das Bundeskanzleramt, zur Rechten auf das Paul-Löbe-Haus mit den Sitzungssälen der Ausschüsse des Parlaments. So schlägt dieses Historienbild nicht nur eine Brücke der Erinnerung zwischen Bonn und Berlin, sondern verdeutlicht auch die Kontinuität eines souverän-unaufgeregten bürgerlich-demokratischen Selbstverständnisses von der „Bonner“ zur „Berliner Republik“.

Text: Andreas Kaernbach

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