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Gerhard Richter

Birkenau

An der Nordwand der Westeingangshalle des Reichstagsgebäudes, die den unmittelbaren Blick in den Plenarsaal erlaubt, ist bereits seit 1999 Gerhard Richters Installation „Schwarz, Rot, Gold“ aus farbemaillierten Glasplatten zu sehen. Schon in der Entwurfsphase für diese Installation hatte Richter mit dem Gedanken gespielt, Fotodokumente aus nationalsozialistischen Lagern als Motiv zu verwenden, doch verwarf er die bereits angefertigten Entwürfe. Er war sich nicht sicher, „ob die gemalten Vergrößerungen dieser Fotos überhaupt ‚Bilder‘ ergeben könnten.“ Und es erschien ihm unangebracht, wie er sagt, in der Eingangshalle des neuen Bundestages mit so deprimierenden Bildern empfangen zu werden.

Einen neuen Anlauf nahm er im Jahre 2014 ausgehend von Fotos, die Häftlinge eines Sonderkommandos zur Leichenverbrennung im Lager Auschwitz-Birkenau heimlich aufgenommen hatten. Die Fotos waren im Zusammenhang mit einer Rezension von Georges Didi-Hubermanns Buch „Bilder trotz allem“ im Jahre 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht worden. Ausgehend von diesen Fotos vollzog Richter nunmehr eine radikale Wende: Er gab den Versuch einer abbildenden Wiedergabe auf und entschloss sich, das Thema in abstrakter Malerei darzustellen.

Richter übertrug die Fotos auf vier monumentale Leinwände und übermalte sie in mehreren Arbeitsvorgängen von Juli bis September 2014. Dabei verwandte er die seit Jahren von ihm eingesetzte Rakeltechnik, bei der er zunächst mit Pinseln Farbe aufträgt und diese anschließend mit Rakeln verteilt, schabt oder wieder abkratzt. Einer ersten Braun-Grau-Schwarz-Schicht folgte Tage später eine rotfarbige Überarbeitung, dann eine Grünfassung. Abschließend legte er eine schwarz-graue Schicht über die Bilder.

Die vier Leinwandgemälde reproduzierte Richter zweimal als Fotoversion hinter Acrylglas und einmal als Direktdruck auf Aluminium für das Reichstagsgebäude. Die ursprünglichen Fotos werden bei der Präsentation des Zyklus als Drucke ausgestellt, „nicht als Kunstwerk, sondern als Dokument und Memento“ (Gerhard Richter). Reproduktionen und Detailabbildungen der Gemälde finden Verwendung in seinem Künstlerbuch „Birkenau“ (2016) sowie für eine aktuelle Publikation der Erinnerungen von Überlebenden aus Konzentrationslagern:

„Wie kann ich das alles beschreiben?“, fragt Peter Lebovic zu Beginn seiner „Erinnerungen aus dem längsten Jahr meines Lebens“, das ihn 1944 nach Auschwitz, ins Warschauer Ghetto und nach Dachau führte. „Wie kann man Hunger, Demütigung, Schläge, Angst, Schmutz, all die Grausamkeiten, die ganze Atmosphäre schildern?“ 15 Überlebende des Holocaust erinnern sich in diesem Projekt an ihre Zeit in deutschen Konzentrationslagern, an ihr Überleben, ihr Weiterleben in der Schweiz und anderswo, jeder und jede für sich, die eigene Geschichte und doch gemeinsam. Entstanden ist eine einzigartige Dokumentation der wahrscheinlich letzten Zeugen des Holocaust. Jedes dieser Zeugnisse ist von einem Bild von Gerhard Richter begleitet." („Mit meiner Vergangenheit lebe ich“ – Memoiren von Holocaust-Überlebenden. Herausgeben von Ivan Lefkovits. Mit 15 Bildern von Gerhard Richter. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Berlin 2016)

Richter stellt mit dem Gemäldezyklus einmal mehr die Frage, ob und wie der Schrecken unaussprechlicher Verbrechen in der Kunst thematisiert werden kann und darf. Diese Fragestellung fügt sich in seinen künstlerischen Werdegang, da er sich zeitlebens mit der Frage beschäftigt hat, was in der Malerei sichtbar, abbildbar und kommunizierbar ist.

Gerhard Richter wurde wenige Jahre nach Kriegsende als Student auf der Dresdner Kunstakademie erstmals mit Dokumentarfotos aus den Konzentrationslagern konfrontiert. Es waren Bilder, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gingen. Er hat sich daher bereits früh in seinem künstlerischen Schaffen mit der Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandergesetzt – so im Jahr 1965 mit dem Porträtgemälde „Tante Marianne“. Richters Tante Marianne Schönfelder war noch in den letzten Wochen des Krieges Opfer des Euthanasie-Programms geworden.

Ihr setzte er mit einem Porträt, das er nach einem Foto aus dem Familienalbum malte, ein künstlerisches Denkmal. Nicht nur den Opfern der Euthanasie gab er so ein Gesicht, er nahm auch die Täter in den Blick. So rückte er mit dem Porträt „Herr Heyde“ – nach einem unscheinbar wirkenden Zeitungsfoto gemalt – einen der Hauptverantwortlichen für das Euthanasie-Programm in den Fokus oder zeigte in dem Bild „Onkel Rudi“ einen Wehrmachtsangehörigen in der Ambivalenz zwischen dem freundlich lächelnden Bruder von Marianne und den zur Schau getragenen Insignien eines verbrecherischen Systems.

Angesichts der fotografischen Dokumente aus dem Konzentrationslager Auschwitz sah Richter eine Grenze für die herkömmliche Art der Abbildung des Schrecklichen. Im Zyklus „Birkenau“ schlug er daher einen neuen Weg ein und übermalte die realistisch angefangenen Gemälde mit mehreren Farbschichten, die er wieder und wieder überarbeitete. Durch diesen Akt des Malens, wieder Abnehmens und wieder Auftragens werden die Motive der vier Fotografien weder verfremdet noch unter den Schichten abstrakter Malerei ausgelöscht. Im Gegenteil: So wie die Erinnerungen an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte im kollektiven Gedächtnis eingebrannt sind, bleiben die Fotografien, gerade indem sie die Vorstellung des Schreckens evozieren, präsent und virulent – unter den Schichten der Farbe wie unter denen des Lebens und der Erinnerungen folgender Generationen.

Wenn der Deutsche Bundestag den „Birkenau“-Zyklus im Reichstagsgebäude ausstellt und ihn dort mit der Installation „Schwarz, Rot, Gold“ konfrontiert, wird ein Spannungsbogen aufgebaut, der an diesem zentralen Ort deutscher Demokratie die historische Dimension deutschen Selbstverständnisses aufzeigt. Das leistet einen Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur, der umso wichtiger ist, je weniger Zeitzeugen noch leben und Zeugnis ablegen können.

Gerhard Richter präsentiert mit dem Zyklus „Birkenau“ seinen persönlichen Weg, dem Schicksal der Häftlinge im Medium der Malerei ein Mahnmal zu widmen. Er gibt keine eindeutigen Antworten, sondern vertraut darauf, dass der Betrachter das von Richters eigenen Zweifeln getragene Bemühen aufgreift. Seine Gemälde sind ein Angebot zum Gespräch darüber, was Kunst zum mahnenden Gedächtnis beizutragen vermag. Diese Haltung ist konstitutiv für Richters Denken und Malen: Er setzt auf den mündigen Betrachter, dem er die Anstrengung, aufmerksam zusehen, nachzudenken, zu interpretieren, eigene Wege zu finden zumutet und zutraut, eine Haltung, die die Autonomie des Gegenübers im besten demokratischen Sinne respektiert und ernst nimmt, aber auch fordert.

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