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Thomas Ruff

In einem Flur hängt das Panoramafoto eines Wohnblocks.

Fotoinstallation für die Fotogalerie A im Erdgeschoss Unter den Linden 50

© DBT/junophoto

Wohnblock, 1988/1995

Siebdruck

Fotoinstallation für die Fotogalerie A im Erdgeschoss UdL 50

Behaust die Photographie das Menschliche oder bildet sie nur zusätzliche Oberflächen, hinter denen wir – einem Paravent gleich – ein Menschensein vermuten? Die Portraits und Architektur-Photographien von Thomas Ruff scheinen die Eigenart, die Individualität des Dargestellten einer Uniformisierung der Darstellung zu opfern. Die Apparatur der Photographie legt die Welt flach, legt sie uns nahe, als sei sie geradezu mühelos zu bewältigen und ordnet alles zu den gleichen Rahmenbedingungen an. In einer strengen, formalen Geste gestaltet Thomas Ruff die Typisierung des Eigenen derart, dass seit seinen berühmten großformatigen, nahsichtigen Portraits Mitte der 80er Jahre nicht die Ähnlichkeit, sondern die Wiederholbarkeit zum Merkmal seiner Kunst wurde. Die photographischen Arbeiten von Thomas Ruff, ob Körper des Himmels, der Architektur, des Menschen oder eines öffentlichen Mediums wie Zeitungen, liefern uns einen Durchschnitt des Sichtbaren. Gerade in der Wiederholung der Sichten alltäglicher Umgebungen tritt der besondere Zugang von Thomas Ruff zur Welt der Erscheinungen heraus. Durch eine weit streuende Lichtführung in seinen architekturbezogenen Photographien, durch eine bildfüllende Frontalität und durch die zeitliche Ausblendung menschlicher Präsenz werden den Häusern alle individuellen Attribute menschlicher Anwesenheit entzogen. Gleichwohl ist sein Werk weder dokumentarisch noch sachlich zu nennen, vielmehr zeichnet es sich durch konzeptuelle Strenge und ironische Brechungen einer vorgeblich photographischen Authentizität aus. Der neunteilige „Wohnblock“ (1988/1995) ist Photographie und ist Installation. Die Architektur ist ohne Tiefe, wie ein Leporello entfalten sich immergleiche Fassaden und in der Wiederholung wird die Asymmetrie der einzelnen Fassade zur Gleichform eines Wandfrieses gereiht. Der „Wohnblock“ nimmt einen zentralen Ort in dem Œuvre von Thomas Ruff ein. Es steht für den Rückgriff auf die Eigenart photographischer Wiedergabe, von der bereits William Henry Fox Talbot, der englische Erfinder der Photographie, 1844 schrieb: „(…) das Gerät verzeichnet treu, was immer es sieht, und würde sicher einen Schornstein oder Schornsteinfeger mit der gleichen Unvoreingenommenheit abbilden wie den Apoll von Belvedere.“ Ruff löst das vermeintliche Vermögen der photographischen Authentizität durch die Montage auf, nimmt den Begriff des „Reihenhauses“ wörtlich und reiht nicht nur die Architektur, sondern mit dieser auch alles in ihr versorgte Leben in die Form der Wiederholung. Man wird also der Ironie des „Wohnblocks“ gewahrt, der sich die Wand entlangstreckt, den Mauervorsprung triumphal nimmt, um doch mit dem letzten Bild die Parenthese nur wieder zu schließen. Photographie ist Umkehrung, und scheint in den Bildern von Thomas Ruff die Welt zunächst eindeutig in einer körperlichen Gleichform hervorzutreten, die erst einmal Kälte oder gar Flaubertsche „Unparteilichkeit“ vermuten ließe, so   wird der zweite Blick alsbald klären, dass Thomas Ruff seine Bilder wie rhetorische Figuren eines Textes setzt (dies gilt im Übrigen für Einzelbilder wie für ganze Zyklen in seinem Œuvre bis zu den jüngsten Plakat-Arbeiten). So sind die Bilderstrecken von Thomas Ruff nicht als Erstarrung, sondern als Öffnung von Bedeutung zu betrachten. 


Text: Hubertus v. Amelunxen (aus: DIE BEHAUSUNG DES MENSCHLICHEN. In: Photo- und Konzeptkunst am Baue: Unter den Linden 50. Ein Projekt für den Deutschen Bundestag, Heidelberg 2000)

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