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geboren 1945 in Berlin, gestorben 2014 in Berlin

Berlin nach 1945, 1980                                          

Installation mit 46 Silbergelatineabzügen

Fotogalerie B im 1. Oberschoss UdL 50

In „unnachahmlicher Treue“ bilde die Photographie die Natur ab, so lauteten im 19. Jahrhundert gleichermaßen Lob wie Kritik des neuen Mediums. Trotz dessen unterschiedlichen Artikulationen, künstlerisch oder resolut dokumentarisch, im 20. Jahrhundert, hat sich in der Rezeption der Photographie phänomenologisch wenig geändert, erst das 21. Jahrhundert wird im Lichte der digitalen Manipulation der Bilder auch derer Geschichte neu bewerten. Die Arbeiten des Berliner Photographen Michael Schmidt nehmen seit der Veröffentlichung seines ersten Buches „Berlin Kreuzberg“ im Jahre 1973 über „Waffenruhe“ (1987) bis hin zu der umfangreichen Arbeit „Einheit“ (1996) eine besondere, kritische Position im Rahmen der Auseinandersetzung um die Glaubwürdigkeit des Bildes ein. Michael Schmidt ist mit seinen vornehmlich für das Medium Buch begriffenen Projekten immer wieder der Frage der Erzählbarkeit des Bildes nachgegangen und setzt seine Photographien in das Spannungsfeld von Authentizität und Narrativität, historischem Gehalt und subjektivem Erleben. Kaum ein anderer deutscher Künstler hat in solcher Eindringlichkeit mit dem photographischen Bild in einem zwar historischen im Sinne des Bezeugens einer Zeit, dennoch aber individuellen Verlangen im Sinne einer subjektiven Lesbarkeit gearbeitet. Das Buch „Waffenruhe“ – mit einem Text von Einar Schleef – ist ein Buch über das Befinden von Berlin, das schon heute neben den bedeutendsten Photographie-Büchern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie beispielsweise Robert Franks „Les Américains“ oder „The Lines of my Hand“ zu sehen ist. Die hier aus 46 Bildern bestehende Serie  „Berlin nach 1945“ erzählt von den Horizonten Berlins, von den Mauern vor der Mauer. Die Bilder führen uns zu den Leerstellen urbaner Topographie, zu den Kratern im Berliner Stadtbild. Nicht der Mauer als dem manifesten Zeichen der politischen Trennung gilt der Blick von Michael Schmidt, sondern den verödeten Plätzen, weiten Straßenbuchten und Aussichten auf Häuser, die wie Findlinge ein historisches Vermächtnis bezeugen. Die blinden Fassaden in den Bildern vermitteln den Eindruck, als seien sie aus einem lebenden Organismus herausgeschnitten. Die Vernarbung ist nicht ganz vollzogen, und bloßgestellt zeigt sich die hinterlassene Leere, tristem Wildwuchs oder brachialer Verdeckung durch Beton überantwortet. Michael Schmidt Stadtlandschaften sind isoliert vom urbanen Geschehen und stehen als Nicht-Orte dennoch im Zentrum der Identitätsstiftung dieser Stadt. In der Serie „Berlin nach 1945“ werden zeitentrückte Dokumentation und radikal subjektive Lektüre zueinander gebrochen. Setzt der Apparat eine äußere Wirklichkeit in den Ausschnitt eines Moments, so spiegelt Michael Schmidts erzählerischer Gestus den Akt photographischer Funktionalität in der Syntax einer sich aufs neue wiederholenden Suche nach dem Bild gesellschaftlichen Befindens. Die 46 Photographien sind wie ein Fries in der Wand eingelassen, unverrückbar sind sie Teil der Wand geworden, als Bild und Skulptur punktieren sie das räumliche Gefüge der Berliner Fassaden und geschichtlichen Leerstellen, aber auch den gegenwärtigen Blick, der diese Bilder als Bestandteil eigener Umgebung in Sprüngen liest. Im Gang an den Bildern vorbei stellt sich der Horizont der Anschauung dem steten Wandel der architektonischen Konstellationen, so dass das Einzelbild dem jeweils folgenden seiner Geschichte schenkt. Die Bildung von Geschichte aber ist in Michael Schmidts Photographien eine Verantwortung im Jetzt.          

Text: Hubertus v. Amelunxen (aus: DIE BEHAUSUNG DES MENSCHLICHEN. In: Photo- und Konzeptkunst am Baue: Unter den Linden 50. Ein Projekt für den Deutschen Bundestag, Heidelberg 2000)

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