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Bundestag gedenkt am 27. Januar der Opfer des National­sozialismus

Blick in den vollen Plenarsaal des Bundestages

Der Bundestag gedenkt der Opfer des Nationalsozialismus.

© DBT/photothek.net

Der Bundestag gedenkt am Freitag, 27. Januar 2017, in einer Sonderveranstaltung der Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist der 72. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen. In diesem Jahr wird insbesondere an die Opfer der Euthanasie“ im nationalsozialistischen Deutschland erinnert. Nach einer Ansprache von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert erinnern Sigrid Falkenstein und Dr. Hartmut Traub an die „Euthanasie“-Opfer. Die Gedenkstunde beginnt um 9 Uhr im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes.

Die Gedenkstunde wird ab 9 Uhr live im Parlamentsfernsehen, im Internet und auf mobilen Endgeräten übertragen. Parallel dazu wird sie mit englischem Dolmetscherton auf der englischsprachigen Webseite des Bundestages (www.bundestag.de/en) ebenfalls live übertragen. 

Die Gedenkstunde wird ab 9 Uhr auf www.bundestag.de/gebaerdensprache/ auch mit Live-Dolmetschung in Gebärdensprache und mit Untertitelung für Gehörlose und Hörgeschädigte übertragen.

Gedenkreden von Angehörigen von „Euthanasie“-Opfern

Sigrid Falkenstein ist die Nichte des „Euthanasie“-Opfers Anna Lehnkering, Dr. Hartmut Traub Neffe des „Euthanasie“-Opfers Benjamin Traub. Beide machten die Geschichte ihrer ermordeten Angehörigen publik und setzen sich dafür ein, dass die Erinnerung an NS-„Euthanasie“-Opfer wachgehalten wird. 

Nachdem die Berliner Lehrerin Sigrid Falkenstein 2003 zufällig erfahren hatte, dass ihre Tante im Rahmen des NS-„Euthanasie“-Programms 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet worden war, begann sie mit der Spurensuche und Erinnerungsarbeit. Die Mitbegründerin des Runden Tisches zur Umgestaltung des Erinnerungsortes Tiergartenstraße 4 veröffentlichte 2012 unter Mitarbeit von Prof. Dr. Dr. Frank Schneider das Buch „Annas Spuren“.

Hartmut Traub ist Autor philosophischer Fachbücher und Mitherausgeber einer philosophischen Zeitschrift. Seit 2000 arbeitet er als Studiendirektor am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Essen. 2013 rekonstruierte er den Lebensweg seines Onkels, der 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurde, in seinem Buch „Ein Stolperstein für Benjamin“.

Putzkis Opferbrief und von Hannenheims Musik

Nach der Rede des Bundestagspräsidenten trägt der Schauspieler und Synchronsprecher Sebastian Urbanski, Mitglied des Ensembles des integrativen Theaters „RambaZamba“ in Berlin, der ein Buch über sein Leben mit dem Down-Syndrom verfasst hat, den „Opferbrief“ von Ernst Putzki vor. Der damals 41-jährige Putzki hatte ihn am 3. September 1943 aus der hessischen Sterbeanstalt Weilmünster an seine Mutter geschrieben. Am 9. Januar 1945 wurde Putzki in der mittelhessischen Tötungsanstalt Hadamar ermordet.

Im Anschluss spielt der Pianist Moritz Ernst den zweiten Satz Adagio aus der Klaviersonate Nr. 3 des Komponisten Norbert von Hannenheim (1898 bis 1945). Von Hannenheim wurde 1944 nach einem schizophrenen Anfall in eine Berliner Heilanstalt eingewiesen und starb im September 1945 in der Anstalt Meseritz-Obrawalde (heute Międzyrzecz in Polen), wo bis Anfang 1945 Tausende psychisch Erkrankte systematisch ermordet wurden.

Zum Abschluss der Gedenkstunde interpretiert der Hornist Felix Klieser die „Todeserfahrung“ von Norbert von Hannenheim mit einem Text von Rainer Maria Rilke. Am Klavier wird Klieser von Moritz Ernst begleitet.

Jugendliche besuchen Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Mit dem Thema „Euthanasie“ beschäftigt sich auch die diesjährige Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages. An ihr nehmen 80 Jugendliche aus 15 Ländern teil, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen oder sich gegen Antisemitismus und Rassismus engagieren. Unter ihnen befinden sich 41 Deutsche, acht Franzosen und jeweils fünf Polen und Österreicher.

Die Teilnehmer trafen sich am Montag, 23. Januar, in Berlin und reisten am Tag darauf zum Seminarort Oase Pirna (Sachsen). Ziel war die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein. In der für ihre humanistische Tradition berühmten Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein ermordeten die Nationalsozialisten in den Jahren 1940/41 rund 13.720 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen. Sie wurden im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde, der sogenannten „Aktion T4“, in einer Gaskammer im Keller der Anstalt umgebracht. Weiterhin starben an diesem Ort im Sommer 1941 mehr als tausend Häftlinge aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern im Rahmen der „Sonderbehandlung 14f13“.

Gedenk- und Erinnerungsort Tiergartenstraße 4

Nach der Rückfahrt am Mittwoch, 25. Januar, besichtigten die Jugendlichen am Donnerstag den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Am 10. November 2011 hatte der Deutsche Bundestag beschlossen, einen „Gedenkort für die Opfer der NS-,Euthanasie‘-Morde“ zu errichten. Er entstand an der ehemaligen Planungszentrale der NS-„Euthanasie“ an der Tiergartenstraße 4 („T4“) nach den Entwürfen der Architektin Ursula Wilms sowie des Künstlers Nikolaus Koliusis und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann.

Auf einer zur Mitte leicht geneigten dunklen Fläche aus anthrazitgefärbtem Betonbelag verläuft eine transparente, blaue, 24 Meter lange Glaswand. Eine begleitende Freiluftausstellung informiert über die Geschichte der nationalsozialistischen„Euthanasie“-Morde mit ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein.

Podiumsdiskussion über das Thema Euthanasie

Am Nachmittag stand ein Besuch des Charité-Krankenhauses in Berlin-Mitte auf dem Programm. Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach informierte über die Charité im Nationalsozialismus am Beispiel der Psychiatrie und stellte das Projekt „GeDenkOrt Charité – Wissenschaft in Verantwortung“ vor. Prof. Dr. Thomas Beddies sprach danach über die Charité im Nationalsozialismus am Beispiel der Kinderheilkunde. Nach der Besichtigung des Erinnerungsorts „Topographie des Terrors“ wurde abends der Film „Nebel im August“ von Kai Wessel präsentiert.

Am Freitag, 27. Januar, nehmen die Jugendlichen an der Gedenkstunde im Plenarsaal des Bundestages teil, ehe sie zum Abschluss der Jugendbegegnung von 10.45 bis 13 Uhr mit Bundestagsvizepräsidentin Ulla Schmidt (SPD) sowie mit Sigrid Falkenstein und Dr. Hartmut Traub, den Hauptrednern der Gedenkstunde, zu einer Podiumsdiskussion  über das Thema „Euthanasie“ zusammentreffen.

Die Podiumsdiskussion wird am Freitag, 27. Januar, ab 10.45 Uhr live im Internet auf www.bundestag.de und auf mobilen Endgeräten übertragen.

Ausstellung „Wir sind viele“ im Paul-Löbe-Haus

Parallel zur Gedenkstunde kann seit dem 18. Januar im Paul-Löbe-Haus des Bundestages die Ausstellung der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel „Wir sind viele“ besichtigt werden. Gezeigt werden 50 Porträtaufnahmen des Fotografen Jim Rakete. Zu sehen sind Menschen mit Behinderungen, mit Epilepsie, mit psychischen Leiden, mit Gewalt- und Suchterfahrungen, mit unheilbaren Krankheiten.

Die Ausstellung ist bis 10. Februar täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Anmelden kann man sich telefonisch (030(227-38883), per E-Mail (ausstellungen@bundestag.de) oder direkt online unter: www.bundestag.de/parlamentarische_ausstellung.

Die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus findet seit 1996 jährlich im Deutschen Bundestag statt. Die Gedenkrede im vergangenen Jahr hatte die Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Prof. Dr. Ruth Klüger gehalten. (vom/26.01.2017)

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