Kinderkommission

„Perspektiven der Jugendlichen verstehen und Alternativen bieten“

Eine Gruppe schwarz gekleideter Jugendlicher demonstriert mit Fahnen.

Erscheinungsformen von Extremismus waren Thema in der Kinderkommission. (dpa)

„Die Jugendlichen sind nicht auf der Suche nach Religion, sondern nach Eindeutigkeit“, sagte Claudia Dantschke, Leiterin der Beratungsstelle für Eltern „Hayat“, die sich unter anderem mit islamistischer und salafistischer Radikalisierung beschäftigt. Die Expertin warnte im Expertengespräch der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, zu schnell bestimmte Kategorien anzulegen, um Jugendliche im Bereich des Extremismus einzuordnen. 

Die Sitzung am Mittwoch, 15. Februar 2017, unter der Leitung von Beate Walter-Rosenheimer (Bündnis 90/Die Grünen), stand unter dem Titel „Jung und extrem: Einführung und Vergleich der Extremismusphänomene“. Ein besonderer Fokus lag dabei auf dem Rechtsextremismus und dem Islamismus.

Rechtsextremismus und Islamismus nur begrenzt vergleichbar

Michaela Glaser, Projektleiterin der Arbeits- & Forschungsstelle Rechtsextremismus und Radikalisierungsprävention des Deutschen Jugendinstitutes, wies eingangs darauf hin, dass ein Vergleich der beiden Strömungen nur begrenzt möglich sei. Der aktuelle Forschungsstand sei zwar breit gefächert, jedoch stehe besonders beim Islamismus die Terrorismusforschung im Vordergrund.

Im Rechtsextremismus fehlten hingegen Studien zu Führungsfiguren. Auch in ihren Inhalten seien die Ideologien für unterschiedliche Gruppen interessant, so Glaser: Während der Rechtsextremismus aufgrund seiner Ideologie recht geschlossen sei, wirke der Islamismus inklusiver.

Abgrenzung und Neuorientierung als Ziel

Ähnlich sind jedoch die Motive: „Die Jugendliche streben oft eine Abgrenzung an und versuchen, sich neu zu orientieren.“ Aspekte wie ein klares Freund-Feind-Bild, Kameradschaft, Sinnsuche und Zugehörigkeit, seien dabei grundlegend.

Auch Glaser betonte, dass es wichtig sei, die Jugendlichen nicht vorschnell zu etikettieren. „Die Jugendphasenspezifik ist bei Jugendlichen besonders relevant.“ Die Hinwendung zu extremistischen Bewegungen geschehe zwar meist im Jugendalter, eine Ideologie sei dort aber noch nicht ausgeprägt. Diese entwickele sich meist erst innerhalb einer bestimmten Gruppe.

„Perspektiven der Jugendlichen verstehen“

Bei jeder Entwicklung spielt auch das persönliche und berufliche Umfeld eine Rolle. Laut der Expertin sind besonders in der rechtsradikalen Szene Strukturen wie problematische Familienverhältnisse, Gewalterfahrungen oder fehlende Vaterfiguren zu erkennen. Inhaltlich gehe es jedoch weniger um „rechtsextreme Vorbilder“, betonte Glaser. Oft herrschten in den Familien vielmehr traditionelle Rollen- und Feindbilder vor, die die Jugendlichen prägen.

„Entscheidend für die Arbeit mit den Jugendlichen ist, ihre Perspektiven zu verstehen und nach Alternativen und anderen Anerkennungsräumen zu suchen.“ Um die Jugendlichen zu erreichen, müssten vor allem die Schulen als Partner mit einbezogen werden.

Salafismus als inklusive Idee

„Das Alter der Jugendlichen, die sich radikalisieren, ist entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht gesunken“, sagte Claudia Dantschke, die sich mit islamistischer und salafistischer Radikalisierung beschäftigt. Jedoch könne man mittlerweile nicht mehr hauptsächlich von Konvertiten und Muslimen sprechen. Die Religion spiele oftmals nur noch eine geringe Rolle in der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen und wenn, dann nur als eine Art Herkunftstradition, die ohne tiefere Analysen akzeptiert werde.

Im Gegensatz zum Rechtsextremismus sei jedoch vor allem der Salafismus für viele junge Menschen ein klares Angebot. Als inklusive Idee mit egalitären Strukturen, die unabhängig von Herkunft oder Familie funktionierten, so die Expertin. Vor allem Heilsversprechen würden den Jugendlichen dabei einen großen Anreiz und ein klares Ziel bieten. Entscheidend für eine Radikalisierung sei jedoch auch im Bereich des Islamismus die familiäre Situation: „Wo die Jugendlichen durch das Raster der Familie fallen, kommt es zu einer emotionalen Entfremdung“, sagt Dantschke.

„Pop-dschihadistische Jugendgeneration“

Die Radikalisierung geschehe dann über soziale Kontakte im Umfeld. „Man schaut sich nicht nur einfach ein paar Videos im Internet an“. Trotzdem spiele das Internet eine Rolle im Austausch mit Gleichgesinnten. Dantschke warnte davor, Jugendlichen vorschnell Kategorien zuzuschreiben. Genau diese komplexen Probleme unserer Gesellschaft würden für viele Jugendliche egalitäre Strukturen wie den Salafismus interessant machen. Zudem hätten sich Bewegungen außerhalb der klassischen Muster entwickelt wie zum Beispiel eine Art „pop-dschihadistische Jugendgeneration“. Diese habe mit einer religiösen Alltagspraxis, wie beispielsweise dem Verzicht auf Alkohol, nichts mehr zu tun.

Im Umgang mit dem Problem müssten vor allem die Familien unterstützt werden. „Das Jugendamt ist ein wichtiger Akteur und müsste mehr geschult werden.“ Reines Wissen über die Entwicklungen und Phänomene reiche nicht aus. „Wir müssen in der Sprache der Jugendlichen an sie herantreten.“ (lau/16.02.2017)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Claudia Dantschke, Leiterin der Beratungsstelle für Eltern und Lehrer „Hayat“
  • Michaela Glaser, Deutsches Jugendinstitut e. V., Projektleitung Arbeits- & Forschungsstelle Rechtsextremismus  und Radikalisierungsprävention

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