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„Emotionale Bedürfnisse junger Menschen ansprechen“

Symbolbild zu den Anwerbeversuchen der radikal-islamistischen IS Islamischer Staat bei minderjährigen Jugendlichen mit einem Jugendlichen, der an einem Bildschirm eines PC sitzt mit der Flagge des IS mit der Aufschrift komm zu uns

Die Kiko befasste sich mit dem Thema „Gewaltbereiter Islamismus“.

© picture-alliance/chromorange

„Sie konnten ganz einfache Antworten auf meine Fragen geben“, sagt Dominic Schmitz in einem Videoausschnitt der ZDF-Talkshow Markus Lanz. Der junge Mann ist ein Aussteiger aus der Salafisten-Szene. Solche Erfahrungen und die Gefahren des gewaltbereiten Islamismus für Jugendliche waren Thema in der Sitzung der Kinderkommission des Deutschen Bundestages in der Sitzung am Mittwoch, 22. März 2017. In einem öffentlichen Expertengespräch unter der Leitung von Beate-Walter Rosenheimer (Bündnis 90/Die Grünen) berichteten Experten aus dem Bereich der Präventions- und Aussteigerarbeit.

Jugendliche aus allen Schichten

„Der Begriff einer Art Pop-Kultur, der mittlerweile für den Dschihadismus bei jungen Menschen gebraucht wird, ist etwas zu relativierend“, sagte Thomas Mücke, Geschäftsführer des Violence Prevention Network. Der Dschihadismus bediene sich vielfältiger Manipulationsmechanismen, um junge Leute anzusprechen – und das bei Kindern und Jugendlichen aus allen sozialen Schichten. Meist sei es die Suche nach dem Sinn des Lebens, nach Anerkennung und Ordnung. 

Angst vor dem Jenseits

Im Unterschied zum Rechtsradikalismus, der auch diese Aspekte anspreche, erschaffe der Salafismus zudem eine Angst vor dem Jenseits. Dies berichtete auch Dominic Schmitz im Gespräch mit Markus Lanz: „Der Salafismus droht mit massiven Konsequenzen, wenn man den Regeln nicht folgt.“ Hölle und Paradies würden dann wie die Realität wahrgenommen, das Ziel eines konformen Lebens werde mit großer Disziplin verfolgt.

Extremisten wenden sich an Schutzbedürftige

Die Radikalisierung auf dem Weg in den Salafismus verlaufe dabei über mehrere Schritte, berichtete Thomas Mücke. Von der Einführung in die meist unbekannte Religion über die Entfremdung von der Gesellschaft bis zur Missionierung und der Entfremdung von der Familie. Der Einfluss des Internets sei dabei jedoch geringer als oft angenommen.


Ab einem gewissen Punkt werde dann der Gerechtigkeitssinn der jungen Menschen angesprochen: „Wie kannst du hier sein, während deine Brüder in der Welt sterben?“ Dies führe schließlich zu einer Ausreise nach Syrien oder in andere Gebiete. „Extremisten wenden sich immer an besonders Schutzbedürftige“, so Mücke. Daher gelte es, die Jugendlichen vorher zu erreichen und vor allem auf Themen einzugehen, die sie interessieren.

Suche nach einer Vaterfigur

„Jugendliche im Radikalisierungsprozess ziehen sich zurück“, bestätigte auch Kerstin Sischka, Koordinatorin im Modellprojekt „Diagnostisch-therapeutisches Netzwerk Extremismus“ (DNE). Aus psychologischer Sicht diene der Dschihadismus als Mechanismus zur Krisenbewältigung. Depressionen oder Schuldgefühle würden einfach auf andere Dinge projiziert. „Der Schulabbruch wird dann einem äußeren Feind angeheftet.“

Zudem suchten junge Menschen häufig nach einer Vaterfigur, die schließlich von anderen Menschen oder Ideologien ausgefüllt werden könne. Um die Probleme der Jugendlichen auf einer psychosomatischen Ebene zu behandeln, brauche es vor allem gut ausgebildete Fachkräfte, so Sischka. Auch die Einbindung von Bezugspersonen der Jugendlichen sei bei der Arbeit sehr wichtig.
(lau/23.03.2016)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Thomas Mücke, Violence Prevention Network e. V.
  • Kerstin Sischka, HAYAT-Deutschland/EXIT-Deutschland

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