Parlament

Liliana aus Lettland will mehr über das deutsche Bildungssystem erfahren

Liliana Vancane, IPS-Stipendiatin aus Lettland

Liliana Vancane, IPS-Stipendiatin aus Lettland (DBT/photothek)

Fernsehen kann durchaus zur Bildung beitragen. Im Falle von Liliana Vancane war das der Fall. „Als es bei uns Kabelfernsehen gab, habe ich mehrere Zeichentrickfilmserien in deutscher Sprache gesehen und irgendwann angefangen, die Texte mitzusprechen“, erzählt die Lettin. Kaum zu glauben, aber auf diesem Weg hat sie Deutsch gelernt. „Das ist gar nicht so ungewöhnlich für die Menschen in Lettland in meiner Generation“, sagt sie. Das Interesse für die deutsche Sprache hielt an – auch wegen der Unterstützung durch ihre Familie. „Für sie ist es sehr wichtig, dass ich eine Verbindung zu Deutschland habe. Insbesondere für meine Großmutter, die Deutsche ist.“

Im Abgeordnetenbüro von Alexandra Dinges-Dierig

Inzwischen hat Liliana Vancane den Bachelor in deutscher Philologie in der Tasche. Derzeit nutzt sie ihre Sprachkenntnisse und nimmt am Programm des Internationalen Parlamentsstipendiums (IPS) des Deutschen Bundestages teil. Das dazu gehörende Praktikum absolviert sie im Büro der Unionsabgeordneten Alexandra Dinges-Dierig.

Ein Glückstreffer, wie sie findet. „Ich wollte unbedingt etwas mit dem Bereich Bildung zu tun haben“, sagt die 24-Jährige. Schließlich hat sie schon drei Jahre als Deutschlehrerin gearbeitet und beendet im kommenden Jahr ihren Master-Studiengang in Pädagogik. Da ist sie bei Alexandra Dinges-Dierig an der richtigen Adresse: Die Abgeordnete aus Lübeck war früher Bildungssenatorin in Hamburg und sitzt derzeit im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung.

Bildungspolitik in Lettland und Deutschland

„Ich möchte so viel wie es geht über das Bildungssystem in Deutschland erfahren, damit ich das in meiner Masterarbeit, in der ich einen Vergleich zwischen der Bildungspolitik in Lettland und Deutschland darstellen möchte, nutzen kann“, sagt Liliana Vancane, die sich eine spätere Tätigkeit im Bildungsministerium Lettlands durchaus vorstellen kann. Und so saugt sie auf, was geht: Arbeitsgruppensitzung, Fraktionssitzung, Ausschussberatung, Plenum im Bundestag – schon in den ersten Tage hat die junge Lettin ein umfangreiches Programm absolviert.

Schon vor dem Praktikum im Abgeordnetenbüro sah ein Programmpunkt im IPS den Besuch der Stasi-Gedenkstätte in Potsdam vor. Stichwort Erinnerungskultur: für die 24-Jährige ein sehr interessantes Thema, denn: Anders als in Deutschland die Arbeit der Stasi in der DDR sind in ihrer Heimat die Aktivitäten des sowjetischen Geheimdienstes KGB alles andere als aufgearbeitet, wie sie findet. „Es gibt keine wirkliche Aufklärung über diese Zeit“, sagt sie. Noch immer seien die Akten geheim.

„Deutschland im Umgang mit der Vergangenheit deutlich weiter“

„Als Riga 2014 Kulturhauptstadt Europas war, wurde das ehemalige KGB-Hauptquartier als Museum eröffnet. Erst jetzt fangen wir an, uns intensiver mit der Geschichte auseinanderzusetzen.“ Liliana Vancane weiß, wovon sie redet: Sie hat selber in diesem Museum als Ausstellungsführerin gearbeitet. Deutschland sei in Sachen Umgang mit der Vergangenheit deutlich weiter, sagt sie. „Wir wissen zwar, was passiert ist, aber darüber sprechen können wir noch nicht, weil es noch zu frisch ist. Und wir brauchen eine wissenschaftliche Aufarbeitung.“

Nicht nur die Vergangenheit verbindet Lettland und den großen Nachbarn im Osten. Auch in der Gegenwart ist das Verhältnis zu Russland ein ständig diskutiertes Thema. Insbesondere in dieser Wahlperiode. „Dieses Jahr haben wir in Lettland im Juni lokale Wahlen, wo beispielsweise der Bürgermeister von Riga gewählt wird, und nächstes Jahr sind Parlamentswahlen“, sagt sie. Aber auch vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der Ukraine. „Vor einer solchen Entwicklung bei uns im Land haben viele Angst“, sagt sie.

„Wir vertrauen auf die Nato“

Auch deshalb hat Liliana Vancane die amerikanischen Präsidentschaftswahlen im letzten Jahr sehr intensiv verfolgt. Dass am Ende mit Donald Trump der Kandidat gewonnen hat, der im Wahlkampf immer wieder deutlich gemacht hat, sich künftig weniger für die Situation in Europa interessieren zu wollen, hat sie durchaus mit Skepsis zur Kenntnis genommen. „Wir vertrauen auf die Nato“, sagt sie dennoch. Und macht sich Mut: „Vizepräsident Mike Pence hat gesagt, die baltischen Staaten werden nicht vergessen.“

Großes Vertrauen hat Liliana Vancane in die Unterstützung aus Deutschland – dem Land, mit dem sie über den familiären Kontakt hinaus viel verbindet. „In Lettland habe ich als Jugendreferentin im Deutschbaltisch-Lettischen Zentrum “Domus Rigensis„ gearbeitet“, sagt sie. Eine Initiative junger Studenten sei das, „die ein Interesse für die multiethnische Beschaffenheit des Landes, insbesondere die vielfältigen Aspekte des Kulturtransfers zwischen Letten und Deutschbalten in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft teilen“.

„Riga ist sauberer als Berlin“

Gebeten, einen aktuellen Vergleich zwischen Riga und Berlin anzustellen, kommt sie nach knapp einem Monat Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt zu interessanten Einschätzungen. „Riga ist sauberer als Berlin“, urteilt Liliana Vancane. In Berlin wiederum, so ihr Eindruck, sind die Menschen offener und freundlicher als in Riga.

Noch bis Ende Juli ist die junge Frau aus Lettland in Berlin. „Ich hoffe, so viel mitnehmen zu können, wie es nur geht. Das bedeutet, nicht nur das Programm erfolgreich zu absolvieren, sondern auch die Zeit in Berlin zu genießen und die Stadt zu erleben, damit ich die Erfahrung zurück nach Lettland bringen kann und nicht nur die diplomatischen Beziehungen zwischen Lettland und Deutschland stärken kann, sondern auch die kulturellen und auch eventuell vielleicht die gesellschaftlichen“, sagt Liliana Vancane. (hau/11.04.2017)

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