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Šárka setzt auf mehr po­li­tische Bildung in ihrer tschechi­schen Hei­mat

Šárka Navrátilová

Šárka Navrátilová, Parlamentsstipendiatin aus Tschechien

© DBT/Trutschel

Die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes symbolisiert Transparenz und Offenheit der deutschen Demokratie und des Parlamentarismus. Schon mehrfach hat Šárka Navrátilová als Besucherin des Bundestages dies gehört. Vor ein paar Wochen war es die junge Tschechin selbst, die diese Erläuterung einer Besuchergruppe gab. Und zwar mit voller Überzeugung: Als Teilnehmerin am Programm des Internationalen Parlamentsstipendiums (IPS) erlebt sie derzeit hautnah, „dass das deutsche Parlament eine offene Institution ist und bleibt, die für die Bürger einfach zugänglich ist“.

„Praktikantin“ im Büro von Petra Ernstberger (SPD)

Als „Praktikantin“ im Büro von Petra Ernstberger (SPD) durfte sie diese Überzeugung auch den Besuchern übermitteln. Was die 25-Jährige sehr stolz macht und sich zugleich auch immer noch ein bisschen unwirklich anfühlt. „Ich kann es noch immer nicht richtig glauben, dass ich hier im Deutschen Bundestag arbeiten darf“, sagt sie.

Begonnen hat alles 2016 während einer Sommerschule in Potsdam. Viele der anderen Teilnehmer hatten schon das IPS absolviert und kamen aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Davon angesteckt bewarb sich Šárka Navrátilová „ohne große Erwartungen“. Am Ende wurde sie nicht nur für den IPS-Jahrgang 2017 ausgewählt, sondern landete auch noch im Büro der Vorsitzenden der Deutsch-Tschechischen Parlamentariergruppe. Ein Glücksfall für die junge Tschechin, die Ernstberger zuvor schon durch ihr Engagement im Deutsch-Tschechischen Jugendforum kennen und schätzen gelernt hat.

Zum Promotionsstudium nach Prag

Noch bis Ende Juli ist Šárka Navrátilová in Berlin – zwischenzeitlich ging sie mit ihrer „Patenabgeordneten“ auf Wahlkreisreise nach Oberfranken. Ein weiteres Highlight des IPS-Programms, wie sie sagt. „Meine Perspektive auf die parlamentarische Arbeit hat sich dadurch verändert, weil der Wahlkreis nun nicht mehr ein abstraktes Stück vom Land darstellt, sondern ich jetzt eine bessere Vorstellung habe, welche Menschen unser Büro im Bundestag vertritt“, sagt sie. Die Formulierung „unser Büro“ macht dabei deutlich, wie stark sich die junge Frau mit Ernstberger und deren Arbeit identifiziert.

Und dennoch: Am Ende des IPS geht es zurück in die Heimat. „Ich mag es zu reisen, kann mir aber nicht vorstellen, außerhalb Tschechiens fest zu wohnen.“ In Prag wird sie ihr Promotionsstudium an der Karls-Universität fortführen, nachdem sie den Master-Studiengang in Deutsch-Österreichischen Studien vergangenes Jahr beendet hat. Ihre Zukunft sieht sie an der Universität als Lehrkraft. Bildung – das ist ihr Thema. Nicht zuletzt, da es ihrer Ansicht nach in Tschechien an politischer Bildung fehlt. „In der Schule wird ganz bewusst nicht über Politik gesprochen, weil sie dort angeblich nichts zu suchen hat“, kritisiert sie. „Auch ich habe erst an der Universität etwas über politische Abläufe gelernt.“

EU muss als Sündenbock herhalten

Die politischen Kräfte in Tschechien leiden derzeit unter einem erheblichen Vertrauensverlust durch die Bevölkerung, erzählt Šárka Navrátilová. Aber auch das Vertrauen in die Institution Europäische Union ist in weiten Teilen des Landes nicht sehr stark ausgeprägt. Sie selbst weiß die Vorteile der EU-Mitgliedschaft zu schätzen. „Ich habe internationale Erfahrungen, bin viel unterwegs – auch mit Erasmus – und habe so zwei Jahre schon in Deutschland gelebt.“ Es gebe aber auch Menschen im gleichen Alter wie sie, die das anders sehen, sehr euroskeptisch sind. „Dreiviertel der Bevölkerung finden, dass es nicht gut für Tschechien ist, in der EU zu sein“, sagt die 25-Jährige.

Viel habe dies mit Ängsten zu tun – Ängste, die Medien, aber auch Politiker schüren würden. „In den tschechischen Medien ist immer nur die Rede davon, welche neuen Vorschriften uns die EU wieder macht.“ Vergessen sei, wie stolz die Tschechen 2004 gewesen seien, endlich Bestandteil der EU zu sein. Die Politiker wiederum nutzten die EU, um von eigenen Versäumnissen abzulenken. Bei Problemen im Land müsse immer wieder die EU als Sündenbock herhalten, kritisiert sie.

Politische Bildung als Schlüssel

Mehr politische Bildung könne auch hier ein Schlüssel sein, findet Šárka Navrátilová. Sie möchte in der Zukunft auch ihre Tätigkeit für das Deutsch-Tschechische Jugendforum fortsetzen. „Ich möchte den jungen Menschen auch etwas von meiner Internationalität weitergeben“, sagt sie.

Und darüber berichten, dass es im Bundestag „vor allem um die Menschen und die intensive Kommunikation zwischen ihnen geht“. Wenn sie die tschechische Politik beobachte, habe sie manchmal das Gefühl, dass dieses Prinzip der Demokratie vergessen werde. „Obwohl wir ein deutlich kleineres Land im Vergleich zu Deutschland sind, ist bei uns die Politik von den Menschen weiter entfernt als in Deutschland“, schätzt sie ein. Dennoch bleibt sie optimistisch. „Ich glaube, dass wir genug junge Menschen in Tschechien haben, die an der Situation etwas ändern wollen und freue mich darauf, nach dem IPS selbst eine solche Person zu werden.“ (hau/11.07.2017)

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