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Kordula Schulz-Asche warnt vor einer „Monetari­sie­rung des Ehrenamtes“

Kordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen)

Kordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen)

© DBT/Simone M. Neumann

Ehrenamtliches Engagement führt aus Sicht von Kordula Schulz-Asche (Bündnis 90/Die Grünen) zu einem großen Gewinn „für die Gesellschaft und für den Einzelnen auch“. Anlässlich des „Tages des Ehrenamtes“ am 5. Dezember spricht sich die 60-Jährige, die in der vergangenen Wahlperiode Obfrau der Grünen-Fraktion im Unterausschuss „Bürgerschaftliches Engagement war, dafür aus, neuen Formen des Engagements Platz zu verschaffen. „Wichtig ist, dass die Politik sich darum kümmert, die Rahmenbedingungen für das Engagement zu erleichtern, damit jungen Menschen vor allem projektbezogene Möglichkeiten des Engagements geschaffen werden“, sagt Schulz-Asche im Interview. Zugleich warnt sie vor einer „Monetarisierung des Ehrenamtes“. Es helfe den Menschen nicht, wenn man sie für ehrenamtliche Arbeit bezahlt und damit verhindere, dass sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen werden. „Das ist ein Teufelskreis, in den wir nicht weiter hineingeraten dürfen“, betont die Abgeordnete aus dem hessischen Main-Taunus-Kreis. Das Interview im Wortlaut:


Frau Schulz-Asche, am 5. Dezember ist der Tag des Ehrenamtes. Sind Sie neben ihrer Abgeordnetentätigkeit noch ehrenamtlich aktiv?

Bis vor Kurzem war ich noch Vorstandsvorsitzende eines Suchthilfevereins in Frankfurt. Ich habe außerdem kommunalpolitisch ehrenamtlich im Kreistag gearbeitet. Aktuell konzentriere ich mich aber auf meine Arbeit im Bundestag. Innerparteilich bei den Grünen bin ich natürlich im Kreisverband aktiv, aber das würde ich jetzt nicht unter Ehrenamt sehen.

Was antworten Sie den Menschen auf die Frage, warum sie sich freiwillig engagieren sollten?

Das Engagement stärkt den Zusammenhalt in der Gesellschaft und es gibt auch einen großen persönlichen Nutzen, nämlich Bestätigung, Anerkennung und soziale Einbindung. Es ist also ein großer Gewinn mit dem Engagement verbunden – für die Gesellschaft und für den Einzelnen auch.

Eine der Grundaussagen des Freiwilligensurveys 2014 war: die Zahl der freiwillig Engagierten steigt – zugleich investieren sie jedoch weniger Zeit. Laut Survey wenden knapp 60 Prozent der Engagierten maximal bis zu zwei Stunden die Woche für ihr Engagement auf. Nur 18 Prozent – und damit weniger als bei der letzten Befragung – wenden mehr als sechs Stunden pro Woche auf. Wie ordnen Sie diesen Befund ein?

Das Engagement ist vielfältiger geworden und das finde ich gut. Engagement ist immer ein Spiegel der Gesellschaft und wir erleben nun einmal einen gesellschaftlichen Wandel. Wir haben eine Veränderung des Arbeitslebens und des Familienlebens. Die Menschen gehen auch mit ihrer Freizeit anders um. Wichtig ist, dass die Politik sich darum kümmert, die Engagementstrukturen, die Rahmenbedingungen für das Engagement, zu erleichtern, damit jungen Menschen vor allem projektbezogene Möglichkeiten des Engagements geschaffen werden. Das ist eine große Herausforderung für die Politik, aber auch für die Organisationen, die mit Engagierten arbeiten. Junge Menschen engagieren sich vielleicht anders als die Älteren: kürzer, aber möglicherweise gezielter. Diese neue Form muss ihren Platz erhalten.

Haben die großen Träger des Ehrenamtes, wie das Rote Kreuz, die Wohlfahrtsverbände oder die Feuerwehr, das schon verstanden?

Ich denke schon. Zumindest sind alle mehr oder weniger auf dem richtigen Weg. Jetzt geht es darum, vor Ort die Möglichkeiten zu schaffen, die neuen Formen des Engagements zu integrieren.

Eine weitere Feststellung aus der Befragung war, dass vor allem gut gebildete und im Beruf stehende Menschen sich engagieren. Muss man sich freiwilliges Engagement also „leisten können“?

Das ist eine gesellschaftliche Frage der Strukturen. Wenn nämlich jemand ohnehin – aus welchen Gründen auch immer – wenig soziale Teilhabe hat, setzt sich das im Engagementbereich fort. Es ist eine Aufgabe der großen Organisationen, sich darum zu kümmern, dass die soziale Teilhabe erleichtert wird und auch diese Menschen dann auch für das Engagement gewonnen werden können. Wir haben beispielsweise viele ältere Menschen, die allein zu Hause sind, aber durchaus Kompetenzen und Fähigkeiten haben. Diese Menschen müssen konkret angesprochen werden und das Angebot erhalten, sich einzubringen. Das wäre zum Nutzen der älteren Menschen und zum Nutzen der Gesellschaft.

Stichwort Geld. Immer wieder thematisiert  auch in den Sitzungen des Unterausschusses „Bürgerschaftliches Engagement“  wird das Thema Monetarisierung des Ehrenamtes. Viele Experten sehen darin eine Gefahr und wenden sich gegen Zahlungen, die über Aufwandsentschädigungen hinausgehen. Aber ist Geld nicht auch eine Form der Anerkennungskultur, die immer gefordert wird?

Wir brauchen eine Anerkennungskultur, die die Engagierten stärkt, ermutigt und entlastet – dazu gehört die Erstattung von Auslagen. Es hilft den Menschen allerdings nicht, wenn man sie für ehrenamtliche Arbeit bezahlt und damit verhindert, dass sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen werden. Das ist ein Teufelskreis, in den wir nicht weiter hineingeraten dürfen. 

Die Flüchtlingskrise hat das freiwillige Engagement in einen besonderen öffentlichen Fokus gerückt. Ohne Ehrenamtler wäre die Aufnahme der Flüchtlinge nicht möglich gewesen – in dieser Einschätzung sind sich wohl alle einig. Ist es jetzt positiv zu bewerten, dass sich die Politik auf das Ehrenamt verlassen konnte? Oder ist es eher ein Armutszeugnis für die politisch Verantwortlichen, dass Deutschland in dieser Frage so auf das Ehrenamt angewiesen war?

Man kann nicht vom Staat verlangen, solche ungewöhnlichen Ereignisse vorauszusehen oder für alle eventuellen Krisen sofort Lösungen vorzuhalten. Das geht nicht. Unsere Gesellschaft kann sehr stolz darauf sein, dass so viele Menschen sofort bereit waren, ihre Freizeit zu opfern und für die Flüchtlingshilfe zur Verfügung zu stehen. Jetzt muss es in den ruhigeren Zeiten darum gehen, die Engagementstrukturen zu stärken und zu verstetigen. Dazu gehört, aktive Vereine dabei zu unterstützen, ihre Arbeit auf sichere Füße zu stellen.

Im Unterschuss wurde auch darauf hingewiesen, dass nicht jedes Engagement unterstützenswert sei. Als Beleg wurde etwa eine Bürgerwehr aufgeführt, die zwar auch freiwilliges Engagement darstellt, aber nicht staatlich gefördert werden dürfe. Müssen da auch aus Ihrer Sicht klare Grenzen gezogen werden?

Das Engagement, das wir fördern wollen, soll dem Zusammenhalt der Gesellschaft dienen. Schon da kann man bei einigen Engagementformen, auch wenn sie ehrenamtlich sind, ein Fragezeichen machen. Die Zivilgesellschaft selber ist ja das Rückgrat demokratischer Gesellschaften. Ohne den Anspruch, in friedlichen und demokratischen Verhältnissen zusammenleben zu wollen, würde ich gar nicht mehr von Engagement sprechen. Bei den Bürgerwehren ist es noch deutlicher. Hier sollen polizeiliche, also originär staatliche Aufgaben übernommen werden. Das geht nicht. Eine Bürgerwehr ist für mich keine Form des Engagements.

Schon vor Beginn der inzwischen abgelaufenen 18. Wahlperiode wurde der Ruf nach einem eigenständigen Ausschuss für Fragen des Bürgerschaftliches Engagements deutlich. Es blieb aber bei einem Unterausschuss. Womit rechnen Sie für die aktuelle Wahlperiode?

Wenn wir für die Zukunft der parlamentarischen Demokratie kämpfen wollen, müssen wir zu Beteiligungsprozessen kommen, bei denen die Bevölkerung sich auch mitgenommen fühlt. Deshalb glaube ich, dass die Verbindung von Engagement und Demokratie ein wichtiger Schritt ist und dass man das nicht allein mit einem Unterausschuss wie in der letzten Legislaturperiode hinbekommt. Der Unterausschuss brachte interessante Anhörungen, erreichte aber zu wenig Außenwirkung. Ich glaube, dass man einen gesellschaftlichen Aufbruch zu Stärkung der parlamentarischen Demokratie braucht. Dafür muss man ein wichtiges und wahrnehmbares Instrument haben. Wie das konkret aussehen kann, darüber wird zu reden sein.

(hau/27.11.2017)

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