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Expertinnen fordern ein moder­nes Hebammen­wesen

Die Kinderkommission holte Einschätzungen zu den Arbeitsbedingungen von Hebammen und Geburtshelfern ein.

Die Kinderkommission holte Einschätzungen zu den Arbeitsbedingungen von Hebammen und Geburtshelfern ein.

© picture alliance/Sina Schuldt/dpa

Das Hebammenwesen hat eine tragende Funktion im deutschen Gesundheitssystem und um dieser Funktion gerecht zu werden, müssen Maßnahmen ergriffen werden, die den Geburtshelferinnenberuf attraktiver und moderner machen. Diese Einschätzung ließ sich die Kinderkommission des Deutschen Bundestages (Kiko) am Mittwoch, 20. März 2019, von Expertinnen zum Thema geben.

Susann Rüthrich (SPD), Vorsitzende der Kiko, mahnte zu Beginn der Sitzung mit dem Titel „Arbeitsbedingungen von Hebammen und Geburtshelfern“ an, dass der Blick auf die Situation der Hebammen in Deutschland alles andere als sorgenfrei sei. Nachdem sich die letzten Sitzungen der Kiko mit dem Kindeswohl im Mutterleib beschäftigt hätten, gehe es nun um den Bereich der Geburtshilfe, so Rüthrich. „Hebammen sind das verbindende Element“, ergänzte sie mit Blick auf die vor- und nachgeburtliche Gesundheit von Kindern und Müttern.

„Einem Kind ist es egal, ob gerade Ostermontag ist“

Der grundsätzliche Wunsch von Hebammen sei es, Schwangere kompetent betreuen zu können – dem gegenüber stehe aber den Hebammenmangel, sagte Claudia Rheinbay, Leiterin des Kreißsaals des Auguste-Viktoria-Klinikums in Berlin. Hebammenschulen würden zwar „aus dem Boden sprießen“, es sei aber eine Herausforderung, junge Berufsanfängerinnen auch in diesem Beruf zu halten. Gründe hierfür seien unter anderem die Arbeitsbedingungen und die Vergütung: „Einem Kind ist es egal, ob gerade Ostermontag ist“, meinte Rheinbay und verwies damit auf die Rund-um-die-Uhr-Betreuung in den Kreißsälen. Außerdem wünsche sie sich eine „verantwortungsorientierte Vergütung“ sowie Zusatzvergütungen für weitergebildete Kolleginnen.

Die Besetzungsstärke in den Kreißsälen sei häufig problematisch zu beurteilen, dadurch sei es die Regel, dass Geburtshelferinnen bei akutem Personalmangel spontan einspringen müssten. Aus diesem Grund komme die Eigenfürsorge der Hebammen oft zu kurz, was wiederum neue Krankenstände provoziere. Die Arbeitsbelastung sei enorm – sowohl physisch als auch seelisch – und das sorge dafür, dass Hebammen vielmals ihren Beruf nach einiger Zeit wieder aufgeben würden.

Kreißsäle müssen digitalisiert werden

Um diesem Umstand entgegenzuwirken machte Rheinbay eine Reihe von Vorschlägen. So würden etwa gute und flexible Arbeitszeitmodelle sowie praktikable Konzepte zur Lösung des Vertretungsproblems überzeugen. Es gehe aber beispielsweise auch darum, die Digitalisierung in den Kreißsälen voranzutreiben, damit unmittelbar von jedem Raum aus Akten eingesehen und bearbeitet werden könnten – sowohl von Geburtshelferinnen als auch von behandelnden Ärzten. Auch Anmelde-Plattformen für Schwangere im Internet könnten dabei helfen, Hebammen zu entlasten. Weniger Zeit am Telefon ergäbe im Umkehrschluss mehr Zeit für die Betreuung der Mütter und Kinder vor Ort.

„Eltern wollen gute Eltern sein, und Hebammen ermöglichen einen guten Start ins Leben“, schloss Rheinbay, die den Nexus von Hebammenprofession, Gesellschaft und Gesundheitssystem damit noch mal auf eine Formel brachte.

14 Hebammen auf fünf Stellen

Es gebe keine klare Datenbasis über die Zahl der in Deutschland praktizierenden Hebammen, monierte Yvonne Bovermann vom Vorstand des Deutschen Hebammenverbandes. „Wir wissen nicht genau, wie viele Hebammen es gibt“, gab sie mit Blick auf ein Gesundheitssystem wie das deutsche kritisch zu bedenken. Kritisch sei auch, dass Kreißsäle mitunter ohne klare Konzepte geschlossen würden, was zu Verunsicherungen bei schwangeren Frauen führe.

Eine hohe Freiberuflichkeitsrate und Teilzeitanstellungen täten ihr Übriges, um die Datenlage zum Hebammenwesen in Deutschland zu „verunklaren“. In einem Fall würden sich 14 Hebammen fünf volle Stellen teilen, gab Bovermann exemplarisch zu bedenken. 

Hebammen wollen ein modernes Arbeitsklima

Unter anderem solche Bedingungen führten dazu, dass die Motivation der Berufsanfängerinnen innerhalb von drei Ausbildungsjahren rapide absinke. Besonders die Atmosphäre im Team, die Vergütung und die Einbeziehung moderner Erkenntnisse in die praktische Arbeit seien ausschlaggebend, um den Beruf auch langfristig attraktiv zu halten. Der Hebammenverband fordere – neben der flächendeckenden Versorgung – deshalb, dass der Personalschlüssel an internationale Standards angepasst wird, dass leitende Hebammen besser ausgebildet werden, um ihr Team kompetent führen zu können, sowie Verbesserungen der räumlichen Situation in den Kreißsälen. Lange Wege innerhalb der Einrichtungen würden den Personalmangel vielerorts noch verschärfen.

Bovermann sprach sich vor allem aber für eine Regelakademisierung der Hebammen aus. Diese sei längst überfällig. „Ein interdisziplinäres Denken und Handeln zwischen Hebammen und Ärzten“ sei essenziell, damit innerhalb dieser Berufsgruppen klare Kommunikation herrsche. Dafür müssten Hebammen dringend ausgebildet werden. Die Potenziale der Frauen seien vorhanden, man müsse sie aber nutzen. Für bereits praktizierende Hebammen brauche es daher „Modelle, damit sie den Übergang in die Hochschulen schaffen“, forderte sie. (ste/21.03.2019)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Yvonne Bovermann, Vorstand Deutscher Hebammenverband e. V.
  • Claudia Rheinbay, Leiterin des Kreißsaals des Auguste-Viktoria-Klinikums in Berlin

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