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Ideen für eine bessere Betreu­ung von Früh­chen und ihren El­tern

Eine Erwachsenenhand berührt die Hand eines Babys.

Die Kinderkommission des Bundestages beschäftigte sich mit Frühchen vor, während und nach der Geburt.

© picture-alliance/Sina Schuldt/dpa

Die Situation von Frühchen vor, während und nach der Geburt sowie jene der Eltern war am Mittwoch, 10. April 2019, Thema eines öffentlichen Expertengesprächs der Kinderkommission des Bundestages (Kiko). Das Gremium unter dem Vorsitz von Susann Rüthrich (SPD) setzte sich damit mit einer weiteren Facette seines gegenwärtigen Themenschwerpunkts  „Schwangerschaft und Geburt in Deutschland“ auseinander.

Ein Prozent der Kinder kommt deutlich zu früh zur Welt

Von 100 Kindern würden etwa 20 in den ersten Lebensjahren stationär behandelt, sagte Prof. Dr. Mario Rüdiger, Leiter der Abteilung Neonatologie im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Von diesen 100 würden wiederum 20 Kinder zu früh geboren werden, und ein Prozent aller Kinder komme vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt – also deutlich zu früh. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen und dem speziellen Betreuungsbedarf von Frühchen und ihren Eltern schlug Rüdiger eine Reihe von Maßnahmen vor, die seiner Einschätzung nach zu einer verbesserten Versorgung von zu früh Geborenen im Jahr 2030 führen könnten.     

Zum einen sei die Bildung regionaler Zentren für feto-neonatale Gesundheit sinnvoll, in denen eine bedarfsgerechte Versorgung von frühgeborenen Kindern angeboten werde. Zum anderen müsse man stärker auf den interprofessionellen und system- und fächerübergreifenden Austausch, etwa zwischen Gynäkologen und Neonatologen, die gemeinsam für eine Region zuständig sind, setzen. Außerdem müsste auch über neue Modelle zur Finanzierung von Kinderkliniken nachgedacht werden – nicht zuletzt, um auch genau solche interklinischen Austausche zwischen den Fachleuten stärker in den medizinischen Alltag integrieren zu können. 

Stärkung der elterlichen Kompetenz

Eine weitere Maßnahme wäre, die Stärkung der elterlichen Kompetenz zum Bestandteil der medizinischen Regelversorgung zu machen. Eltern von früh- oder extrem frühgeborenen Kindern wären beispielsweise naturgemäß besonders ängstlich und neigten Studien zufolge verstärkt zu überbeschützendem und deshalb für das Kind gegebenenfalls entwicklungshemmendem Verhalten. Hier müssten Betreuungsmodelle greifen, die die Langfristfolgen für Frühgeborene im Blick hätten.

Darüber hinaus wäre es wünschenswert, so Rüdiger, eine deutsche Forschungsinitiative zur feto-neonatalen Gesundheit ins Leben zu rufen, die verstärkt auf die Vermeidung von Erkrankungen – auch und vor allem in späteren Lebensjahren – abziele.     

„Aus der Sicht betroffener Familien“

Barbara Mitschdörfer, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands „Das frühgeborene Kind“, nahm vor allem die Situation der betroffenen Familien in den Blick. Sie als Mutter eines früh geborenen Kindes wisse, was Eltern durchmachten, wenn sie in eine solche Situation kämen. Die Probleme reichten, so Mitschdörfer, von psychischen bis hin zu strukturellen Belastungen, mit denen Familien umzugehen hätten. Sein eigenes, mit Schläuchen versorgtes Kind im Brutkasten sehen zu müssen, sei eine traumatische Erfahrung, die unterschiedlich verarbeitet werden würde.

Zusätzlich zu solchen seelischen Beanspruchungen kämen organisatorische Mehraufwände im familiären Leben hinzu. Etwa wenn noch andere Geschwister betreut werden müssten oder wenn das frühgeborene Kind wohnortfern in Behandlung sei. Hinzu kämen finanzielle Strapazierungen, etwa durch den Erwerb von Spezialnahrungsmitteln, die nicht von den Krankenkassen übernommen würden. Und all dies bei einer aus eben diesen Gründen steigenden Arbeitsplatzgefährung. 

Ziel: sozialmedizinisch, familienorientiert

Später, so Mitschdörfer, setzten sich die Probleme fort. Beispielweise sei es häufig schwer eine Kita zu finden, deren inklusive Kapazität darauf ausgerichtet sei, gegebenenfalls stark beeinträchtigte Kinder betreuen zu können; ein anderes Beispiel wären Einschulungen: diese seien mitunter mit mehreren Behördengängen und Arztbesuchen sowie mit hohen Bürokratiehürden verbunden. 

Ziel müsse es deshalb sein, ein sozialmedizinisches Nachsorgekonzept zu entwerfen und zu verfolgen, das klar familienorientiert ausgerichtet wäre. Eine bedarfsgerechte Begleitung (gegebenenfalls auch Trauerbegleitung) der Familien im häuslichen Umfeld sei ebenso wichtig wie die Schulung des entsprechenden Personals, das Zugeständnis von Anspruchsgrundlagen ohne zu viel Bürokratie oder Maßnahmen zur Familienrehabilitierung – häufig würden nämlich auch Partnerschaften unter dem Druck der Beanspruchungen leiden. (ste/10.04.2019)  

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Barbara Mitschdörfer, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands „Das frühgeborene Kind“ e. V.
  • Prof. Dr. Mario Rüdiger, Leiter der Abteilung Neonatologie im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden

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