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Fach­kräf­teaus­bil­dung und Tou­rismus mit tu­ne­si­schen Ab­geordneten erörtert

Drei Männer und drei Frauen, eine davon mit Kopftuch, stehen nebeneinander und unterhalten sich.

Abgeordnete Sofiène Tobal (Delegationsleiter), Yassin Ayari, Sana Mersni, Souad Zaouali von der Tunesisch-Deutschen Freundschaftsgruppe, Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann, Abgeordnete Rim Mahjoub im Reichtstagsgebäude

© DBT/Melde

Eine Delegation von Abgeordneten der Tunesisch-Deutschen Freundschaftsgruppe des tunesischen Parlaments war vom 12. bis 17. Mai 2019 auf Einladung der Parlamentariergruppe Maghreb-Staaten des Bundestages zu Gast in Berlin. Wie sich die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen durch einen intensiveren Austausch von Fachkräften voranbringen lassen, der Tourismussektor in Tunesien hin zu höherwertigen Angeboten entwickelt werden kann und was Tunesien zum Aufbau stabiler staatlicher Strukturen von Deutschland lernen kann, das waren die wichtigsten Gesprächsthemen der beiden auf die bilateralen Beziehungen spezialisierten Parlamentariergruppen.

Neben den Mitgliedern der Parlamentariergruppe Maghreb-Staaten sind die tunesischen Abgeordneten auch mit Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) zusammengetroffen, haben, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung besucht und mit den Bevollmächtigten der Bundesländer Brandenburg und Schleswig-Holstein beim Bund über das föderale System in Deutschland und die Mitwirkung der Länder an der Gesetzgebung des Bundes gesprochen.

Ausbildung tunesischer Fachkräfte fördern

Die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Deutschland und Tunesien sei bereits sehr eng und habe eine lange Tradition, sagte Peter Stein, stellvertretender Vorsitzender der Parlamentariergruppe Maghreb. Rund 270 Unternehmen aus Deutschland seien in Tunesien mit Produktionsstätten präsent. Um diese Entwicklung auch in Zukunft fortzuschreiben, bedürfe es jedoch neuer Anstrengungen. Manches deutsche Unternehmen würde gerne in dem nordafrikanischen Land investieren, stoße jedoch auf mit Deutschland vergleichbare Probleme, geeignete Mitarbeiter zu finden.

Neben den bereits existierenden 60.000 bis 70.000 Arbeitsplätzen, geschaffen durch deutsche Firmen, wurde vereinbart, dass in den nächsten Jahren zwischen 7.000 und 10.000 neue Stellen in Tunesien durch Unternehmen aus Deutschland entstehen sollen. „Wir gehen die Herausforderung der Fachkräfteausbildung in Ländern wie Tunesien und der sprachlichen und kulturellen Barrieren für deutsche Unternehmen jetzt mit dem neuen Fachkräftezuwanderungsgesetz an“,  sagte Stein.

Ausbildungs- und Kooperationsvertrag

Es sei eine Win-win-Situation, wenn tunesische Arbeitnehmer bei deutschen Unternehmen in Deutschland eine Ausbildung im Rahmen des sogenannten dualen Systems absolvieren und dann ihre Tätigkeit als Fachkräfte bei diesen Unternehmen in ihrem Heimatland fortsetzen könnten. Die sprachliche Ausbildung sei dabei für die allermeisten Berufe der Dreh- und Angelpunkt, den man bereits mit Hilfe des Goethe-Instituts angehe. In der Textilbranche und der Landwirtschaft in Tunesien gebe es nun einen Ausbildungs- und Kooperationsvertrag. „Da noch nicht alle Firmen dauerhaft Ausbildungsplätze anbieten können, sollen sich die Unternehmen in Tunesien vernetzen und so gemeinsam ein Reservoir an Fachkräften aufbauen“, sagte Stein.

Der Berichterstatter für den Maghreb im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erklärte außerdem, dass die Fachkräftezuwanderung nach Deutschland nicht nur für sogenannte Mangelbranchen gelten werde, sondern dass es eine grundsätzliche Öffnung nach klaren Regeln gibt, um einen echten internationalen Fachkräftepool zu bilden. Arbeitnehmer in Tunesien erhielten so eine berufliche Perspektive, das auch bei deutschen Urlaubern beliebte Land am Mittelmeer werde stabilisiert und die Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmen in Tunesien verbesserten sich. Tunesien sei bereit, daran anzuknüpfen und diesen Weg mitzugehen.

Umbruch der Tourismusbranche

Zu den Gesprächsthemen gehörte auch der Umbruch der Tourismusbranche. „Tunesien ist sich sehr wohl bewusst, dass der Massentourismus für das kleine Land nicht mehr konkurrenzfähig ist“, erklärte Stein. Mit großen Tourismuszielen wie der Türkei könne man da nicht mithalten. Dagegen wolle Tunesien sich nun auf seine Stärken als Kulturreiseziel besinnen und den Sektor entsprechend umbauen. In diesem Bereich schlummere ein enormes Potenzial für das Land, das mit einer Fülle antiker Stätten auf engstem Raum punkten könne.

Gefragt nach der Sicherheitslage, insbesondere für ausländische Touristen, verweist der Nordafrika-Experte Stein auf die jüngste Erhebung des „Global Terrorism Index“. Demnach schneidet Tunesien weitaus besser ab als beispielsweise Ägypten oder sogar Großbritannien. Die gezielten Anschläge auf Touristenziele hätten in der Zeit nach dem Zusammenbruch des alten Regimes 2014/15 infolge des sogenannten „arabischen Frühlings“ stattgefunden, in einer Phase staatlicher Schwäche. Die Sicherheitskräfte seien damals im Umbruch und nicht besonders leistungsfähig gewesen. Seitdem habe es jedoch keine Anschläge mehr gegeben.

Die Sicherheitskräfte seien neu aufgestellt und verstärkt worden, von der Ausrüstung bis zum Passwesen. Bundespolizei und Bundeskriminalamt hätten außerdem Schulungen in der Grenzsicherung und Terrorabwehr durchgeführt. Mittlerweile sei Tunesien wieder „ein vergleichsweise sicherer Hafen“.

„Tunesien war nie auf einem schlechten Weg“

Da sich das Land von dem politischen Umbruch von 2014 rasch wieder erholt habe und es gelungen sei, eine stabile Demokratie aufzubauen und die für Investitionen so wichtige Rechtssicherheit zu schaffen, sei Tunesien in den vergangenen Jahren zum Star der Entwicklungszusammenarbeit in der Region geworden. Mit Tunesien kooperierten nicht nur Deutschland und die Europäische Union. Zahlreiche ausländische Geberländer und Investoren seien in dem Land präsent, in dem auf dem Nährboden einer demokratischen Tradition nicht nur der Parlamentarismus und eine entsprechende politische Kultur gedeihen könnten, sondern sich außerdem über 1.400 zivilgesellschaftliche, nichtstaatliche Organisationen gebildet hätten. Wie sich stabile politische Strukturen und eine funktionsfähige Verwaltung schaffen lassen, davon konnten sich die tunesischen Abgeordneten bei ihrem aktuellen Deutschland-Besuch ein Bild machen.

„Tunesien war nie auf einem schlechten Weg“, resümiert Peter Stein. Die rund 270 deutschen Unternehmen seien seit Jahrzehnten ununterbrochen in dem Land präsent. Nicht eines habe das Land im Lauf der Unruhen oder danach verlassen. „Das wäre nicht so, wenn man nicht auf Tunesien als Produktionsstandort mit weiteren Perspektiven setzen würde.“ Und weitere gemeinsame Projekte gebe es genug. Momentan würden Unternehmen mit Kompetenz im Bereich des Wassermanagements gesucht. (ll/21.05.2019)

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