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Volha aus Belarus will sehen, wie Demokratie in Deutschland funktioniert

IPS-Stipendiatin Volha Kotava (links) und der Abgeordnete Hartmut Ebbing (FDP)

Die weißrussische IPS-Stipendiatin Volha Kotava mit dem FDP-Abgeordneten Hartmut Ebbing

© DBT/Florian Gaertner/photothek.net

Als Andreas Dreesens Film „Gundermann“ bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises Anfang Mai sechs Lolas abgeräumt hat, war auch Volha Kotava dabei. Für die 27-Jährige aus Belarus (Weißrussland) war der Gala-Besuch ein Highlight ihres Praktikums im Rahmen des Internationalen Parlamentsstipendiums (IPS) des Bundestages, das sie im Abgeordnetenbüro von Hartmut Ebbing (FDP) absolviert. „Dass ich so eine tolle Veranstaltung besuchen werde, hätte ich vorher nicht gedacht“, sagt sie.

Zu verdanken hat sie das dem FDP-Politiker, der als Mitglied des Kulturausschusses traditionell zur Lola-Verleihung eingeladen ist. Er findet es richtig, dass die Stipendiatin auch diesen Teil des Abgeordnetendaseins kennengelernt hat. Und ein paar Promis gab es auch zu bestaunen, auch wenn sich Volha Kotava in Sachen Hautevolee des deutschen Films nicht so gut auskennt. „Als wir uns ein Getränk geholt haben, stand plötzlich Heike Makatsch neben uns“, hilft Ebbing aus. Immerhin...

Horizonterweiterung durch Praktika im Ausland

Andere Prominente – nämlich Politiker des Bundestages – trifft Volha Kotava hingegen zurzeit täglich. „Ich wollte sehen, wie hier in Deutschland die Demokratie funktioniert, wie das Zusammenspiel zwischen Regierung und Opposition laufen kann, welche Kommunikation stattfindet und wie Entscheidungen getroffen werden“, erläutert sie ihre Beweggründe, sich für das IPS beworben zu haben.

Ihr Patenabgeordneter findet es gut und wichtig, „andere Kulturen, andere Nationen, andere Menschen kennenzulernen“ und öffnet sein Büro gerne für die Stipendiaten. Als junger Mensch habe er selber davon profitiert, durch Praktika im Ausland seinen Horizont erweitern zu können, sagt Ebbing.

Politisch aktiv in Belarus

Mit Volha Kotava hat der Kulturpolitiker nun eine Kulturmanagement-Studentin in seinem Büro. „Passt“, sagen beide unisono. Doch die 27-Jährige war in ihrer Heimat Belarus auch durchaus politisch aktiv und hat sich für eine demokratische Entwicklung ihres Heimatlandes eingesetzt. Nach dem, was man hier so hört, ist das doch nicht ganz ungefährlich, oder? Für sie eher nicht, da sie im Hintergrund gewirkt habe. Wenn man aber sehr exponiert sei und viel in die Öffentlichkeit gehe, könne das durchaus gefährlich sein. „Es ist aber nicht so, das nach jedem kritischen Facebook-Post eine Verhaftung droht“, macht sie deutlich.

Volha Kotava ist schon recht früh zum Studium ins Ausland gegangen – erst in die litauische Hauptstadt Vilnius und später nach Hamburg. „In Litauen war ich an einer belarussischen Exil-Uni, die es seit 15 Jahren in Vilnius gibt, weil sie in Belarus geschlossen wurde“, erzählt sie. Sieht sie denn für sich eine Zukunft in Belarus? „Ja, das würde mich freuen“, sagt sie. Gern würde sie dort für die Regierung arbeiten. „Aber aufgrund der antidemokratischen Position der jetzigen Regierung ist das für mich im Moment eher unvorstellbar.“ Die junge Belarussin ist aber optimistisch, dass sich in den nächsten Jahren in ihrer Heimat etwas in Richtung mehr Demokratie ändern wird. „Dann kann ich mir das sehr gut vorstellen.“

Teilnahme am Programm „Kinder von Tschernobyl“

Dass sie aktuell am IPS teilnehmen kann, verdankt Volha Kotava auch ihren hervorragenden Deutschkenntnissen. „Ich komme aus dem Osten von Belarus und war als Kind ziemlich oft durch das Programm ,Kinder von Tschernobyl‘ in Deutschland“, sagt sie. Dabei habe sie zwar nicht Deutsch gelernt, „aber mein Interesse wurde geweckt“.

Der Deutschunterricht folgte dann an der Schule, später an der Universität. Heute kann sie wie selbstverständlich die Telefonate in Ebbings Büro entgegennehmen, trotz des leichten – eher französisch wirkenden – Akzentes.

Die Kibbuz-Vergangenheit von Hartmut Ebbing

Apropos Frankreich. Mit einem berühmten französischen Künstler russisch-jüdischer Herkunft verbindet sie der gemeinsame Geburtsort. „Marc Chagall ist ebenso wie ich in Witebsk geboren“, erzählt Volha Kotava. Die Bewohner von Witebsk seien bis Anfang der 1920-er Jahre zu fast 50 Prozent Juden gewesen, sagt sie. Deren Geschichte interessiere sie. „Als ich in Vilnius Kulturerbe und Tourismus studiert habe, habe ich Konzepte geschrieben, wie man das jüdische Erbe positiv für den Tourismus in Belarus nutzen kann“, sagt die Belarussin.

Aber auch um die Situation der Juden in Israel und den Nahost-Konflikt macht sie sich viele Gedanken. Und auch hier findet sich eine Übereinstimmung mit Ebbing. Seine „Kibbuz-Vergangenheit“ sei für ihn lebensprägend gewesen, sagt er. Der Region fühlt er sich weiterhin verbunden. „Ich versuche schon, im Rahmen meiner Möglichkeiten, zu einer Lösung des Konfliktes beizutragen.“

Überrascht vom kollegialen Verhältnis

Aktuell trägt er aber dazu bei, dass Volha Kotava einen möglichst umfänglichen und unverstellten Blick auf das Parlamentsgeschehen erhält. Eine der positiven Überraschungen dabei ist für sie der Umgang der Abgeordneten unterschiedlichster Fraktionen miteinander, den sie respektvoll und kollegial findet. „Das hat mich in dem Maße schon überrascht, auch weil das in Belarus so nicht vorstellbar wäre.“

Hartmut Ebbing weiß, dass das manch Außenstehenden verwirrt, der nur die teils heftigen Wortgefechte zwischen den Fraktionen im Plenum kennt. „Abseits dessen sind wir aber Kollegen. Und da kommt man mit dem einen besser klar und mit dem anderen eben auch mal nicht so gut“, sagt der FDP-Abgeordnete. (hau/22.07.2019)

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