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Demogra­fischen Wandel im europä­ischen Vergleich analysiert

Zwei Kinder-Silhouetten, die vor untergehender Sonne in die Luft springen.

Der demografische Wandel war Thema der Kinderkommission des Deutschen Bundestages

© dpa

Turnusmäßig rotiert der Vorsitz unter den sechs ordentlichen Mitgliedern der Kinderkommission des Deutschen Bundestages (Kiko). Am Mittwoch, 25. September 2019, übernahm Johannes Huber (AfD) die Leitung des Gremiums. Er folgte damit auf Susann Rüthrich (SPD). Zu Beginn des Vorsitzwechsels nahm Huber traditionell das Maskottchen der Kiko entgegen – einen Stofftieradler.

Im weiteren Verlauf der Sitzung beschäftigte sich die Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder erstmalig mit ihrem neuen Themenschwerpunkt „Demografischer Wandel: Gesellschaft zu Kindern – Kinder sichern Fortbestand“. In einem öffentlichen Expertengespräch äußerten sich zwei Sachverständige aus dem sozialwissenschaftlichen Forschungsbetrieb zum demografischen Wandel in Deutschland und Europa.

1,59 Kinder im europäischen Schnitt

Dr. Jessica Nisén, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Fruchtbarkeit und Wohlbefinden am Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock, stellte gegenwärtige Trends der demografischen Entwicklungen dar. So sei seit den 1970er-Jahren makroperspektivisch die Fertilitätsrate europaweit gesunken. Gegenwärtig liege die europäische Rate bei 1,59 Kindern. Deutschland, so die Forscherin, liege hier ganz im Durchschnitt und könne auch eine Zunahme an neugeborenen Kindern verzeichnen.

Im europäischen Durchschnitt sei eine Mutter zum Zeitpunkt ihrer ersten Geburt 29,1 Jahre alt, in Spanien seien Mütter mit 31 Jahren zum Zeitpunkt ihrer ersten Geburt mit am ältesten im europäischen Vergleich, erklärte Nisén. Zu beobachten sei, dass überall in Europa das Phänomen der Kinderlosigkeit zugenommen habe. Dieses Phänomen betreffe speziell südeuropäische Länder und sei unter anderem zurückzuführen auf den erwähnten Altersdurchschnitt der Mütter zum Zeitpunkt der Geburt ihres ersten Kindes. 

Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern

Bemerkenswert sei darüber hinaus die Beziehung von Gendergerechtigkeit und Fertilität, erklärte die Forscherin. So zeigten Studien, dass gesellschaftliche Entwicklungen, die zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau beigetragen hätten, zunächst zwar einen Abfall der Fertilitätsrate nach sich gezogen hätten, im weiteren historischen Verlauf aber einen ganz anderen Effekt ausgeübt hätten. Deutlich zu sehen sei dies an einem Vergleich zwischen berufstätigen Frauen in den 1970er-Jahren und solchen im Jahre 1996: im ersten Zeitraum sei die Rate gesunken, im zweiten sei sie allerdings wieder gestiegen. Die Assoziation, dass wachsende Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern unmittelbar zu einem Abfall der Fertilitätsrate führe, sei deshalb wissenschaftlich nicht zu bestätigen. 

Aus sozioökonomischer Perspektive zeige sich auf ganz Europa gesehen außerdem, dass in Familien mit höherem Bildungsniveau weniger und analog dazu in solchen mit niedrigerem Bildungsstand mehr Kinder zur Welt kommen. Mit Blick auf die Einkommensverhältnisse lasse sich kein gesamteuropäischer Trend feststellen – hier müsse tatsächlich der Kontext eines jeweiligen Landes bedacht werden.  

„Die demografische Lage war früher deutlich schlechter“

Mit Blick auf eine Rate von 1,5 Kindern in Deutschland sprach Prof. Dr. Tilman Mayer, Professor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Universität Bonn, von einer „beachtlichen Entwicklung. Die demografische Lage war früher deutlich schlechter“. Damit sei der Generationenerhalt zwar nicht gesichert, dennoch sei es zu begrüßen, dass die Tendenz nach oben zeige. Das Kernproblem des demografischen Wandels sei die Alterung der Gesellschaft, so Mayer. Mit diesem Phänomen verglichen seien auch Effekte, die die Migration auf den demografischen Wandel hätten, vergleichsweise gering anzusehen. 

Besonders die ungleiche Verteilung des Kinderhabens sei strukturell in Deutschland zu bemängeln, sagte der Soziologe. Die kinderreiche Familie sei in Deutschland – ganz im Gegenteil etwa zu Frankreich – ein „Auslaufmodell“. Hier zeige sich auch, dass ärmere Familien eine deutlich stärkere Tendenz zu mehreren Kindern hätten als wirtschaftlich besser situierte. In der Familiensoziologieforschung wie in der Politik komme das Thema Kinderreichtum viel zu kurz, monierte Mayer.

Jenseits der Grenzen der Legislatur

Insgesamt sei in der Familienpolitik zur Förderung des Kinderhabens vieles passiert, bilanzierte der Wissenschaftler. Auch kulturell habe sich einiges verändert. So wachse etwa in Unternehmen immer mehr die Akzeptanz gegenüber Vätern, die in Elternzeit gingen. Gleichwohl sei aber „steuerlich noch Spielraum“, betonte Mayer mit Blick auf Fördermodelle, die die Politik bereitstellen könnte, um dem demografischen Wandel zu begegnen.  

Wichtig in Bezug auf eine gelingende Familienpolitik sei vor allem aber der Ausbau der Kinderbetreuung und die Qualifizierung und Vergütung des pädagogischen Personals. Hier seien andere Länder schon viel weiter als Deutschland. Ein weiterer überlegenswerter Ansatz sei die aktive Förderung des dritten Kindes, wie es in Frankreich erfolgreich geschehe, sagte Mayer, der mit dem Appell schloss, dass gute Familienpolitik nicht in den Grenzen einer Legislatur zu denken sei. (ste/25.09.2019)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Prof. Dr. Tilman Mayer, Professor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie , Universität Bonn
  • Dr. Jessica Nisén, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Fruchtbarkeit und Wohlbefinden am Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock

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