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Schäuble erhält Sonder­brief­marke zu Ehren von Anne­marie Renger

Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble präsentieren die neue Briefmarke zum 100. Geburtstag von Annemarie Renger.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble präsentieren die neue Briefmarke zum 100. Geburtstag von Annemarie Renger.

© DBT/Melde

Drei Hochkantfotografien der ehemaligen Bundestagspräsidentin Dr. h. c. Annemarie Renger (SPD) zieren eine neue Sonderbriefmarke. Eine zeigt sie nachdenkend mit der Hand am Hals, eine mit dem Finger an der Schläfe, eine lachend. Am Montag, 4. November 2019, hat Finanzminister Olaf Scholz (SPD) diese von der Grafikdesignerin Julia Neller entworfene und vom Bundesministerium der Finanzen herausgegebene Sonderbriefmarke an Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble überreicht. Hintergrund der Herausgabe des Sonderpostwertzeichens mit einer Auflage von drei Millionen ist der 100. Geburtstag der SPD-Politikerin, die am 7. Oktober 1919 in Leipzig zur Welt kam. 

1919, erinnerte Schäuble, sei auch das Jahr gewesen, in dem Frauen zum ersten Mal Zugang zu Wahlen gehabt hätten und zugleich selbst erstmalig für politische Ämter kandidieren konnten. Ein Zufall zwar, aber ein sinntragender, schließlich habe Renger deutlich dazu beigetragen, dass Frauen zunehmend politische Verantwortung übernehmen konnten. Den gesellschaftlichen Wandel und die Verabschiedung antiquierter Rollenbilder hätten sich die Frauen selbst erstritten – und auch daran habe Renger großen Anteil gehabt, sagte Schäuble. 

Renger leitete die Sitzung zum Zeitpunkt des Mauerfalls

Im Beisein der Enkelin Rengers, deren Ehemann sowie deren beiden Söhnen würdigte Schäuble seine Vorgängerin im Amt als eine Politikerin, der es um Grundsätzliches gegangen sei. So habe sie sich etwa „zu keinem Zeitpunkt mit der deutschen Teilung abgefunden“, sagte Schäuble mit Blick auf den bevorstehenden 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2019. 

Schäuble, der sein erstes Mandat im Parlament an dem Tag antrat, an dem Renger zur Bundestagspräsidentin gewählt wurde, erinnerte sich an den Moment, in dem die Nachricht vom Fall der Mauer das Plenum des Bundestages erreichte: Annemarie Renger leitete gerade die Sitzung. Dies habe sie im Übrigen stets mit klaren Vorstellungen darüber getan, wie die Würde des Hauses zu leben sei. Einen männlichen Redner ohne Krawatte etwa hätte sie nicht geduldet, und „sogar Grünen-Abgeordnete spurten“ unter ihrer Führung, scherzte Schäuble. Mit der Briefmarke werde nun eine „starke, beeindruckende Persönlichkeit, die sich für unsere Demokratie verdient gemacht hat“, geehrt, sagte Schäuble in Anerkennung der politischen Leistungen seiner Amtsvorgängerin.

Die „Grande Dame der Sozialdemokratie“

Der Bundesfinanzminister Olaf Scholz würdigte Renger als die „Grande Dame der Sozialdemokratie“. Historikern nach sei sie nicht nur die erste weibliche Präsidentin des Bundestages gewesen, sondern die erste weibliche Vorsteherin eines frei gewählten Parlaments weltweit. Viel habe Renger für die Gleichberichtigung zwischen Männern und Frauen getan, betonte Scholz. Dass der Bundestag etwa über eine eigene Betriebskita verfüge, gehe auf ihre Initiative zurück. Auf die feministischen Impulse, die vom politischen Wirken Rengers ausgegangen seien, müsse man auch deshalb hinweisen, weil der Aufstieg von Frauen in Führungspositionen mitunter immer noch als bemerkenswerter Vorgang wahrgenommen werde. Dies habe sich beispielsweise zuletzt wieder gezeigt, als eine Frau die Führung eines Dax-Unternehmens übernahm und dies allein zum Gegenstand breiter Berichterstattung geworden sei.

Mit Blick auf die sich am 9. November ebenfalls jährende Reichspogromnacht und die auch heute sichtbare Gewalt gegenüber Juden, wie sie sich jüngst bei dem Terroranschlag von Halle gezeigt habe, erinnerte Scholz auch an den entschiedenen Einsatz Rengers gegen Antisemitismus. „Nicht Schweigen ist gefragt, sondern Einmischen“, zitierte Scholz seine 2008 verstorbene Parteigenossin.

Über Kurt Schumacher in die SPD

Annemarie Renger wurde am 7. Oktober 1919 in Leipzig geboren. Sie wuchs in einer sozialdemokratisch geprägten Familie auf: Ihr Vater war Stadtrat und bis zur Machtübernahme der Nazis 1933 führend in der Arbeitersportbewegung aktiv. Nach dem Umzug der Familie nach Berlin besuchte Renger dort bis 1934 ein Lyzeum. Durch das politische Engagement ihrer Eltern wurde Renger in der Folge das Schulstipendium gestrichen, weshalb sie sich zu Kaufmannsgehilfin ausbilden ließ. Es folgten verschiedene Funktionen als Angestellte, auch als Stenotypistin. 1938 heiratete sie den Werbeleiter Emil Renger, und im selben Jahr wurde Sohn Rolf geboren. Sechs Jahre später fiel Emil Renger in Frankreich.

Ihr Weg in die SPD führte über deren Vorsitzenden Kurt Schumacher, für den sie ab 1945 verschiedene Tätigkeiten ausführte – von dessen Sekretärin bis hin zur persönlichen Vertrauten. 1953 wurde Renger dann selbst in den Bundestag gewählt, dem sie fortan für 37 Jahre angehören sollte. Den Höhepunkt ihrer politischen Karriere erreichte Renger am 13. Dezember 1972. Nachdem die SPD bei der Bundestagswahl als stärkste politische Kraft hervorgegangen war, wurde sie zur ersten weiblichen Bundestagspräsidentin gewählt – mit ihr bekleidete auch erstmalig ein Mitglied der SPD-Fraktion das zweithöchste Staatsamt in der Bundesrepublik. Am 3. März 2008 starb Annemarie Renger im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in ihrem Haus in Remagen-Oberwinter. (ste/04.11.2019)

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