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Journalist Norbert Pötzl will den Blick auf die Treuhand ver­sach­lichen

Opfer-Narrative, Enteignungsmythen, kontrafaktische Erzählungen – das Buch „Der Treuhand-Komplex. Legenden. Fakten. Emotionen“ möchte mit solchen Perspektiven auf die unmittelbare Nachwendezeit und das Wirken der Treuhandanstalt in den Jahren 1990 bis 1994 brechen. Das jedenfalls war das selbsterklärte Anliegen des Autors Norbert F. Pötzl am Mittwoch, 11. Dezember 2019, während einer Lesung seines Buches mit anschließender Diskussion in der Bibliothek des Deutschen Bundestages. Auf die teilweise verzerrenden und emotional geführten Debatten zur Treuhandanstalt – also jener Institution, die mit der Aufgabe befasst war, die planwirtschaftlich organisierten Betriebe der DDR in die soziale Marktwirtschaft des wiedervereinigten Deutschlands zu überführen – wolle das Buch als „Beitrag zur Versachlichung der Diskussion“ reagieren, so Pötzl.

Flankiert wurden die Ausführungen des früheren Spiegel-Journalisten von Erfahrungsberichten und sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Einschätzungen des Bundestagspräsidenten Dr. Wolfgang Schäuble sowie des Philosophen und ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der SPD in der Volkskammer, Prof. Dr. Richard Schröder. Beide hätten, so Pötzl, maßgeblich dazu beigetragen, dass die bis 2017 unter Verschluss gehaltenen Akten zur Treuhandanstalt frühzeitig einsehbar wurden.

Der Einzug der AfD in den Bundestag

Drei Gründe hätten ihn dazu bewegt, sich dem Thema ausführlich und systematisch neu zu widmen, sagte Pötzl. Der erste habe mit dem Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag zu tun. Durch die überproportionalen Wahlergebnisse, die die Partei in den ostdeutschen Bundesländern erzielt hätte, habe sich „die öffentliche Wahrnehmung der Ostdeutschen spürbar verändert“ – und nicht selten seien in diese Ost-West-Differenzen auch „Fernwirkungen der Treuhand“ hineinargumentiert worden, so der Autor. 

Darüber hinaus habe ihn eine Studie irritiert, die 2017 in Bochum erschienen war. Ihr Ziel sei es gewesen, die öffentliche Wahrnehmung der Treuhand in Ostdeutschland zu analysieren. Das Ergebnis: Die Treuhand sei ein Negativsymbol und sie stehe für eine „schockhafte Überwältigung des Ostens durch den Westen“. Dieser Schlussfolgerung, so Pötzls Auffassung, müsse entgegengewirkt werden.

Als dritten Grund führte er an, dass die Treuhand-Akten, die im Regelfall für 30 Jahre unter Verschluss hätten liegen sollen, bereits 2017, also deutlich früher als gedacht, auf Antrag freigegeben wurden. So habe er als erster die Chance ergriffen, sich der „45 Akten-Kilometer“ anzunehmen.    

750.000 Arbeitslose in den LPGs

Zwar hätten selbstverständlich auch die Verfehlungen der Treuhand Einzug in sein Buch gehalten, insgesamt stelle sich die Sachlage in Bezug auf deren Wirken aber weit positiver dar als vielerorts beschrieben, sagte Pötzl. Am Beispiel der Arbeitslosenzahlen und der diese begleitenden Ursachenforschung durch andere zeige Pötzl etwa, dass weit weniger Beschäftigte ihren Arbeitsplatz durch die Treuhand verloren hätten und stattdessen die überwiegende Mehrzahl der Arbeitnehmer von den Betrieben der DDR selbst entlassen worden seien. Diese These bestätige sich insbesondere mit Blick auf die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, kurz LPGs. Diese seien von der Treuhand gar nicht berührt worden. Von den 800.000 Beschäftigten der LPGs seien aber gut 750.000 erwerbslos geworden. Allein diese Zahl sei größer als die Arbeitslosenzahl, die die Treuhand insgesamt zu verantworten hätte, sagte Pötzl.

Ähnliches gelte in Bezug auf die Wahrnehmung der Treuhand als „westliches Unternehmensberatertum“. Faktisch sei, so der Journalist, die Treuhand überwiegend von Ostdeutschen geleitet worden. Im Übrigen müsse man gewisse Zahlen auch im Spiegel anderer betrachten, argumentierte Pötzl. So sei interessant zu wissen, wenn die 30,6 Prozent der durch die Anstalt liquidierten Ost-Betriebe betrachtet werden, dass die DDR-Regierung in ihren letzten Jahren selbst 27 Prozent der Unternehmen als konkursreif bezeichnet habe.

Neue Spaltpotenziale zwischen Ost und West 

Bundestagspräsident Schäuble dankte dem Autor mit Nachdruck für dessen Arbeit. Die Faktenorientierung sei „unglaublich wichtig“ in Zeiten, in denen neue Spaltpotenziale zwischen Ost und West spürbar würden. Schäuble, der in den 1980er-Jahren unter Dr. Helmut Kohl (CDU) unter anderem auch Chef des Kanzleramts war, berichtete zudem von einem Besuch im Dezember 1984 in Ost-Berlin: In der Nähe des Alexanderplatzes habe er damals eine Ausstellung besucht, in der westliche Industrieprodukte präsentiert worden waren – etwa ein „Elektrorasierapparat von Braun“. Der Andrang vor den Türen der Ausstellung sei enorm gewesen, erinnerte sich Schäuble, der mit dieser Anekdote verdeutlichen wollte, dass die wirtschaftlichen Dynamiken jener Jahre als hoch komplex einzuschätzen seien. Diese in Gänze auf die Treuhand zu projizieren, gehe an der Realität vorbei.

Faktisch – und dieses Argument führte auch Schröder an – hätten viele Ostprodukte auf den Märkten nicht gegen Westprodukte bestehen können, weil die Ostdeutschen in vielen Industriebereichen selbst nicht auf die „eigenen“ Produkte zurückgegriffen hätten. Die unvorbereitete Maueröffnung sei für dieses Phänomen maßgeblich gewesen, sagte Schröder. Mit einem Schlag seien „zwei Warenwelten aufeinander geprallt“, die eigentlich in einem mindestens fünfjährigen Reformprozess zueinander hätten geführt werden müssen. Darüber hinaus müsse man auch sehen, dass mit der Einführung der Währungsunion am 1. Juli 1990 – mit einem Kurs von teilweise eins zu eins zwischen D-Mark und DDR-Mark – sämtliche Westexporte eingebrochen seien, so der emeritierte Professor. 

Mit Verweis auf Russland oder die Ukraine mahnte Schröder einen nüchterneren Blick auf die Treuhand an. Insgesamt habe Ostdeutschland im Vergleich zu manchen Oligarchie-Systemen in vormals sozialistischen Ländern, die ähnliche Reformprozesse durchlaufen mussten, „am besten abgeschnitten“. Und das sei mindestens teilweise auch der Treuhandanstalt zu verdanken. (ste/12.12.2019)

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