Direkt zum Hauptinhalt springen Direkt zum Hauptmenü springen

Bildwortmarke: Deutscher BundestagDeutscher Bundestag

Dokumente

Artikel

 

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus mit Reuven Rivlin

Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin spricht zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz.

Der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin spricht zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz.

© dpa

Der Bundestag gedenkt am Mittwoch, 29. Januar 2020, in einer Sonderveranstaltung der Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist der 75. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945. Nach einer Begrüßungsansprache von Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble werden Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier und der Präsident des Staates Israel, Reuven Rivlin, die Gedenkreden halten. Die Gedenkstunde beginnt um 11 Uhr im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes.

Die Gedenkstunde wird ab 11 Uhr live im Parlamentsfernsehen und im Internet auf www.bundestag.de übertragen. Parallel dazu wird sie mit englischem Dolmetscherton auf der englischsprachigen Webseite des Bundestages (www.bundestag.de/en) ebenfalls live übertragen.

Die Gedenkstunde wird ab 11 Uhr auf www.bundestag.de/gebaerdensprache/ auch mit Live-Dolmetschung in Gebärdensprache und mit Untertitelung für Gehörlose und Hörgeschädigte übertragen.

Staatspräsident seit 2014

Reuven Rivlin wurde 2014 von der Knesset, dem israelischen Parlament, zum zehnten Staatspräsidenten Israels gewählt. Der 1939 geborene Politiker entstammt einer Familie, die aus Litauen eingewandert war und sich schon Anfang des 19. Jahrhunderts in Jerusalem niedergelassen hatte. Beruflich als Rechtsanwalt tätig, begann er seine politische Karriere im Stadtrat von Jerusalem, dem er zehn Jahre lang bis 1988 angehörte.

Ab 1986 stand er an der Spitze der Herut-(Freiheits-)Partei, die 1988 in der Likud-Bewegung aufging. Von 1988 bis 1993 war er Likud-Vorsitzender. Der Knesset gehörte Rivlin von 1988 bis 1992 und von 1996 bis 2014 an. Von 1999 bis 2001 war er Likud-Fraktionsvorsitzender, von 2001 bis 2003 Informationsminister und von 2003 bis 2006 sowie von 2009 bis 2013 Sprecher (Präsident) der Knesset.

Bundespräsident Steinmeier war bereits am 22. und 23. Januar auf Einladung Rivlins in Israel zu Gast und hielt bei der internationalen Konferenz des World Holocaust Forum in Yad Vashem eine Rede. Am Montag, 27. Januar, nehmen Steinmeier und Rivlin sowie weitere Staatsoberhäupter an einer Gedenkzeremonie zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers in Auschwitz teil. Anschließend reisen beide gemeinsam von Polen nach Berlin.

Schäuble, Steinmeier und Rivlin sprechen 

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble wird die Gedenkstunde eröffnen. Nach einem Musikstück des polnisch-französischen Komponisten und Auschwitz-Überlebenden Szymon Laks (1901-1983) mit dem Titel „Pogrzeb“ („Das Begräbnis“) und einem Text des polnischen Schriftstellers Mieczysław Jastrun (1903-1983) spricht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Im Anschluss folgt ein weiteres Musikstück von Szymon Laks aus dem Jahr 1974 mit dem Titel „Gdybyś“ („Wenn du nur“) mit einem Text des polnischen Musikers und Holocaust-Überlebenden Ludwik Żuk-Skarszewski (1905-1983). Danach hält Staatspräsident Reuven Rivlin seine Gedenkrede.

Die Gedenkstunde endet mit dem „Wiegala“ („Wiegenlied“) der deutschsprachigen tschechoslowakischen Schriftstellerin Ilse Weber (1903-1944), die in Auschwitz ermordet wurde.

Die Musikstücke werden von Ania Vegry (Sopran) und Katarzyna Wasiak (Piano) vorgetragen.

Auschwitz-Befreiung Thema der Jugendbegegnung

Mit dem Thema „75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz“ beschäftigt sich auch die diesjährige Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages. An ihr nehmen 60 Jugendliche im Alter von 18 bis 25 Jahren aus 13 Ländern teil, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen oder sich gegen Antisemitismus und Rassismus engagieren. Unter ihnen befinden sich neben 39 deutschen Teilnehmern auch Teilnehmer aus Frankreich, Russland, Polen, der Ukraine, Tschechien, Ungarn, den USA, Israel, Griechenland, Belgien und Österreich. 

Die Teilnehmer trafen sich am Donnerstag, 23. Januar, in Berlin. Am Tag darauf fuhren sie mit dem Bus nach Oświęcim, der 60 Kilometer westlich von Krakau gelegenen polnischen Stadt, deren deutscher Name Auschwitz ist. In der dortigen Internationalen Jugendbegegnungsstätte wurden unter Leitung von Ulrike Huhn, Olga Goseberg, Anna Rosenhain-Osowska, Nina Ritz sowie Aleksandra Ufnal und Hanns-Henner Becker fünf Arbeitsgruppen gebildet. Die fünf Gruppen nahmen am Samstag, 25. Januar, an einer Führung durch die Gedenkstätte Auschwitz I (Stammlager) teil.

Gespräch mit Lidia Skibicka-Maksymowicz

Am Nachmittag folgte ein Zeitzeugengespräch mit Lidia Skibicka-Maksymowicz, die am 4. Dezember 1943, kurz vor ihrem dritten Geburtstag, mit ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. SS-Arzt Josef Mengele nahm an dem Mädchen grausame Versuche vor, die sie für lange Zeit schädigten – so entnahm er ihr Blut und injizierte dafür Kochsalzlösungen.

Nach der Befreiung von Auschwitz adoptierte ein polnisches Ehepaar das traumatisierte Kind, ohne zu wissen, dass deren Mutter einen Todesmarsch überlebt hatte. Erst 1962 erfuhr Lidia Skibicka-Maksymowicz, dass ihre Mutter in der Sowjetunion lebte, und reiste mit ihrem Mann und ihren Adoptiveltern zu ihr.

Gespräch mit Walentyna Ignaszewska-Nikodem

Die fünf Arbeitsgruppen nahmen am Sonntag, 26. Januar, an einer Führung durch die Gedenkstätte Auschwitz II – Birkenau teil. Am Nachmittag folgte ein weiteres Zeitzeugengespräch mit Walentyna Ignaszewska-Nikodem. Die 1922 in Łódź geborene Tochter eines Notars wurde mit ihrer Mutter im Mai 1940 erstmals von der Gestapo verhaftet, als Geiseln für den seit einem halben Jahr gesuchten Vater, der sich mit dem älteren Bruder freiwillig der Polnischen Armee angeschlossen hatte und sich nach der polnischen Kapitulation konspirativ in der Polnischen Militärischen Organisation betätigte. Nach drei Monaten wurden sie entlassen, im April 1941 aber erneut verhaftet.

Am 16. Juli 1942 wurden sie in die Frauenabteilung des Konzentrationslagers Auschwitz I gebracht und als politische Häftlinge mit den Lagernummern 8737 und 8738 registriert. Im August 1942 folgte die Verlegung ins Konzentrationslager Auschwitz II – Birkenau, wo sie beim Bau der Lagerstraßen, in der Brotkammer und der Paketstelle arbeiteten. Im November 1942 starb Walentynas Mutter. Während der Evakuierung des Lagers im Oktober 1944 kam Walentyna mit einem Transport nach Dresden in ein Nebenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg, wo sie in der Rüstungsfabrik Zeiss-Ikon arbeiten musste. Im April 1945 gelang ihr die Flucht. Sie kehrte nach Polen zurück, heiratete und wohnte mit ihrem Mann in Katowice (Kattowitz).

Ausstellungseröffnung und Podiumsdiskussion

Am Montag, 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung, nahmen die Jugendlichen an der Gedenkfeier in der Gedenkstätte Auschwitz teil, ehe am Dienstag, 28. Januar, die Rückfahrt nach Berlin angetreten wurde. Am Mittwoch, 29. Januar, sind sie zur Eröffnung der Ausstellung mit Illustrationen des Auschwitz-Überlebenden David Olère durch Bundestagspräsident Schäuble in der Halle des Paul-Löbe-Hauses des Bundestages geladen.

Es folgt die Teilnahme an der Gedenkstunde im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes. Daran schließt sich ab 12.45 Uhr eine einstündige Podiumsdiskussion mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dem israelischen Präsidenten Reuven Rivlin im Sitzungssaal 1.302 des Jakob-Kaiser-Hauses des Bundestages an.

Die Podiumsdiskussion wird am Mittwoch, 29. Januar, ab 12.45 Uhr live im Internet auf www.bundestag.de übertragen.

Die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus findet seit 1996 jährlich statt. Die Gedenkrede im vergangenen Jahr hatte der israelische Historiker und Publizist Prof. Dr. Dres. h. c. mult. Saul Friedländer gehalten. (vom/29.01.2020)

Marginalspalte