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Experten fordern Be­teiligungs­recht für Kinder mit Verfassungs­rang

Jugendliche basteln an einem kleinen Roboter.

Im Expertengespräch ging es um die Partizipation von Kindern und Jugendlichen.

© GettyImages/Maskot

Ein Beteiligungsrecht für Kinder mit Verfassungsrang – diese Forderung richteten beide geladenen Sachverständigen im Rahmen eines öffentlichen Fachgesprächs an die Mitglieder der Kinderkommission des Deutschen Bundestages. Frühe Beteiligungsmöglichkeiten im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben wirkten sich außerdem positiv auf die Demokratiebildung unter Kindern und Jugendlichen aus, waren sie beide überzeugt. 

Die Sitzung am Mittwoch, 12. Februar 2020, mit dem Titel „Partizipation von Kindern und Jugendlichen – Gelebte Partizipation. Erfahrungen aus der Praxis“, war zugleich die erste unter der Leitung von Matthias Seestern-Pauly (FDP). Er folgte im Amt auf Johannes Huber (AfD), der dem Gremium seit Ende September 2019 vorgesessen hatte. Der Vorsitz der Kinderkommission wechselt turnusmäßig unter ihren sechs ordentlichen Mitgliedern. 

Vorteile überwiegen Aufwände

„Die Kommune ist als Kinder- und Jugendzentrum der Demokratie zu verstehen“ – diese These vertrat Sebastian Schiller, Leiter der Fachstelle Kinder- und Jugendbeteiligung des Deutschen Kinderhilfswerks. Damit hob er darauf ab, was ihm zufolge auch Studien belegen würden, nämlich dass Möglichkeiten der kommunalen oder grundsätzlich gesellschaftlichen Beteiligung für Kinder und Jugendliche langfristig dazu führten, dass sie auch später im Erwachsenenalter zivilgesellschaftliches Engagement zeigen würden.

Vor diesem Hintergrund dürften Kommunen die Einführung und Betreuung von Beteiligungsformaten für junge Menschen nicht als Mehraufwand begreifen. Denn die Vorteile, die sich für sie ergäben, überwögen die Aufwände, so Schiller. Für Familien etwa, die sich niederlassen wollen, stelle sich eine ausgewiesene Kinderfreundlichkeit der Kommune nicht selten als entscheidender Standortfaktor dar, führte er aus. Auch würde die Identifikation junger Menschen mit ihren Heimatregionen erhöht und die Legitimität von Verwaltungsentscheidungen gestärkt werden, so Schiller.

Als modellhaft beschrieb er die Beteiligungsmöglichkeiten der Stadt Herrenberg in Baden-Württemberg. Dort würden verschiedene Angebote wie Jugendparlamente, Online-Plattformen und Jugendforen bei gleichzeitiger Anbindung an die örtlichen Schulen beispielhaft ineinander greifen, sagte Schiller. Ein neues Basketballfeld, die Mitbestimmung beim Schulessen oder die Einrichtung einer legalen Graffiti-Fläche seien nur Beispiele für die Erfolge, die durch die Beteiligung junger Menschen am kommunalen Leben dort erzielt worden sind.

Haltung von Fachkräften

Luise Pfütze vom SOS-Kinderdorf argumentierte in ähnliche Richtung. Auch sie war der Überzeugung, dass Kinder- und Jugendbeteiligung im öffentlichen Leben stark und unmittelbar zur Demokratiebildung beitrage. Das habe vor allem damit zu tun, so Pfütze, dass durch entsprechende Angebote schon früh die Erfahrung von Selbstwirksamkeit gemacht werden könnte. Viele Kinder, insbesondere solche, mit denen sie im Rahmen der Arbeit ihres Trägerverbands zu tun habe, würden sich ohnmächtig gegenüber den Einflussfaktoren ihres Alltags fühlen. „Für sie ist es ungemein wichtig, dass sie lernen, ihre Lebensrealität positiv gestalten zu können“, so Pfütze.

Darüber hinaus würden Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche auch zur Gewaltprävention beitragen. Man lerne Kompromisse zu schließen und Frustrationen auszuhalten, war Pfütze überzeugt. 

Dies alles sei aber nur zu erreichen, wenn die Voraussetzungen stimmten. Neben Organisationsstrukturen, in denen Partizipationsmöglichkeiten dezidiert vorgesehen seien, brauche es auch eine klare Nachvollziehbarkeit dessen, was letztlich durch die Beteiligung von Kindern erreicht wurde und was nicht. Auch die Bereitschaft zum Risiko betonte Pfütze: „Es muss auch die Möglichkeit geben, dass Kinder mit einem Projekt, salopp gesagt, auf die Nase fallen“. Auch solche Erfahrungen seien letztlich positiv zu bewerten. Als wichtigste Voraussetzung für gelingende Partizipation nannte Pfütze die Haltung der Fachkräfte. Diese müssten Kinder als kompetent anerkennen und vor allem bereit sein, in ihrer Arbeit mit ihnen eigene Macht abzugeben. (ste/12.02.2020) 

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Sebastian Schiller, Leiter der Fachstelle Kinder- und Jugendbeteiligung des Deutschen Kinderhilfswerks e. V.
  • Luise Pfütze, Stabsstelle Advocacy SOS-Kinderdorf e. V., Botschaft für Kinder

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