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Unabhängige Medien und ihr Beitrag zur Krisen­prävention

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Die Berichterstattung durch unabhängige Medien sei ein direkter Beitrag zur Krisenprävention, unterstrich Ottmar von Holtz (Bündnis 90/Die Grünen), Vorsitzender des Unterausschusses Zivile Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und vernetztes Handeln“ des Auswärtigen Ausschusses, den Beitrag der Medien zur Friedensarbeit in Konfliktregionen und die Bedeutung des Themas für die Arbeit des Unterausschusses. „Die Rolle der Medien in Konflikten“ lautete das Thema des Fachgesprächs im Unterausschuss am Montag, 10. Februar 2020.

„Beitrag zur Friedensförderung und Gewaltprävention“

Vielerorts werde die Arbeit unabhängiger Journalisten jedoch behindert oder unmöglich gemacht, sei es durch das gewaltsame Umfeld, sei es durch autoritäre Regierungen. Wie schwer es gerade für Journalisten sei, unabhängig zu arbeiten, habe sein Gremium unlängst bei einer Delegationsreise in Kamerun erfahren. Journalisten würden dort seitens der Geheimpolizei unter Druck gesetzt, aber auch von der Separatistenbewegung im englischsprachigen Landesteil. Zahlreiche Autoren übten sich zudem aus Furcht vor Nachteilen vorauseilend in Selbstzensur.

Jürgen Deile, Sprecher des Konsortiums Ziviler Friedensdienst“, dem Zusammenschluss der Organisationen, die die Projekte des zivilen Friedensdienstes tragen, sagte, die deutsche Entwicklungszusammenarbeit würdige die Rolle unabhängiger lokaler Medien in Konfliktregionen mittlerweile als wesentlichen Beitrag zur Friedensförderung und Gewaltprävention. Mit Mitteln der Entwicklungszusammenarbeit unterstütze seine Organisation Projekte, die „konfliktsensiblen Friedensjournalismus“ fördern, in 29 Ländern, darunter in Nepal und Mali.

„Wichtiger Beitrag zur Krisenprävention“

Mit seiner Sendereihe „The story kitchen“ verleihe ein nepalesischer Radiosender Vergewaltigungsopfern eine Stimme. Die Mediathek von mittlerweile mehr als 1.000 aufgezeichneten Interviews bewahre ihr Schicksal für die Öffentlichkeit. Für die Frauen stelle das eine Möglichkeit dar, ihr Trauma zu verarbeiten.

Ein Teil von ihnen lasse sich zu Reporterinnen ausbilden und berichte nun über die Geschichten weiterer Frauen. Die Frauen arbeiteten zusammen und begännen, aus ihren journalistischen Beiträgen politische Forderungen abzuleiten. Auch diese Form der Vergangenheitsbewältigung sei ein wichtiger Beitrag zur Krisenprävention, sagte Ottmar von Holtz.

Unterstützung für lokale Organisationen in Mali

Auch in Mali unterstütze Deutschland durch den zivilen Friedensdienst lokale Organisationen, die sich der Unterstützung kommunaler Radios verschrieben haben, der dort meist genutzten Informationsquelle, so Deile. Das Medium Radio spiele in Afrika eine wesentliche Rolle für die Meinungsbildung der Menschen und mithin für die Entwicklung von Gesellschaft und Staat.

Die Zusammenarbeit mit den regionalen Partnern reiche von dem Austausch über die Frage „Wie lässt sich von einem Konfliktgeschehen berichten, ohne Öl ins Feuer zu gießen?“ bis zur konkreten Unterstützung von lokalen Radios bei Fragen der Verwaltung und finanziellen Aspekten.

„Zugang nicht nur für Angehörige der Eliten schaffen“

Frank Domhan, Geschäftsführer von „Weltfilme“, berichtete über den Beitrag seines Vereins zum Dialog im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit. Dabei unterstütze man weltweit in Partnerländern Filmemacher bei der Produktion von Filmen und helfe dabei, die Produktionen in den jeweiligen Ländern einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Damit wolle man einen Beitrag zur gesellschaftlichen Aufarbeitung in und nach Konflikten leisten und eine gesellschaftliche Debatte anstoßen.

Das Spektrum an Themen sei genauso breit wie die Palette an Problemen, vor denen die jeweiligen Länder stünden, so Domhan, und reiche von der Aufarbeitung der Ebola-Krise 2014/16 in Westafrika bis zur Frage der Chancengleichheit marginalisierter Gruppen in Sierra Leone 2016. Man unterstütze, dass vor Ort gelehrt, gelernt und produziert wird. Wichtig sei, dass man dabei Zugang zu den Angeboten für Teilnehmer aus allen gesellschaftlichen Schichten und nicht nur für Angehörige der Eliten schaffe.

„Angebote treffen auf eine wachsende Nachfrage“

Der von den Geberländern erkannte Bedarf solcher Angebote treffe auf eine wachsende Nachfrage, Trainer und Trainees bekämen mehr und mehr Aufträge, berichtete Domhan. Was die Wirkung der Projekte angehe, erhalte man erfreuliche Rückmeldungen. So habe man mit dem Projekt zur Gleichberechtigung eine breite Zuschauerschaft über den Tag hinaus erreicht. Eine zusammenfassende DVD mit den acht produzierten Filmen werde immer noch von vielen Einrichtungen, in Schulen oder bei der Polizeiausbildung, genutzt, um die Schüler zu sensibilisieren.

Auch in Ghana habe man mit Produktionen ein breites Medienecho erzielt und mit Hilfe der dortigen nationalen Medien die Zuschauerschaft vergrößert. Jetzt produziere man eine Reihe von Erklärvideos zur im Herbst anstehenden Präsidentschaftswahl in dem westafrikanischen Land. Ziel: einem Abgleiten des Wahlkampfs in Gewalt vorbeugen.

„Finanzielle Situation der Exilmedien verbessern“

Wie sich der Schutz von Medienschaffenden in Krisengebieten verbessern lässt, beschäftigte Christian Mihr, Geschäftsführer von „Reporter ohne Grenzen“. Zwar sinke die Zahl getöteter Journalisten weltweit seit einigen Jahren kontinuierlich. Aber es sei ein Trugschluss, daraus abzuleiten, dass die Situation für freie Medien besser werde. Die geringeren Fallzahlen täuschten. Es gebe auf der Landkarte einfach mehr schwarze Löcher, Regionen, in die sich keiner mehr traue und über die man schlicht nichts wisse. Außerdem flüchteten mehr Journalisten und hielten sich nicht mehr in Konfliktgebieten auf.

Mihr warb außerdem dafür, die finanzielle Situation der in Deutschland ansässigen „Exilmedien“ zu verbessern. Diese trügen durch ihre Arbeit wesentlich zu einer unabhängigen Berichterstattung in ihren Heimatländern bei und könnten so vermittelnd und mäßigend auf das dortige Konfliktgeschehen einwirken.

„Förderregularien anpassen“

Viele im Rahmen des „Arabischen Frühlings“ gegründete neue Medien, von Internetseiten bis zu Radiosendern, die sich unter anderem in Deutschland angesiedelt hätten, seien mittlerweile in Schwierigkeiten oder hätten ganz aufgeben müssen. Sie erhielten leider allesamt keine Förderung vom Auswärtigen Amt oder dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, da diese Ministerien vor allem im Ausland wirken sollen und zudem die Sorge verbreitet sei, Aktivismus zu fördern, sagte Mihr.

Den entsprechenden Ministerien in Ländern wie Großbritannien, den Niederlanden oder Schweden sei es dagegen möglich, Exilmedien, sogar solche mit Sitz in Deutschland, zu fördern. Es sei an der Zeit, hierzulande die Förderregularien entsprechend anzupassen.

„Nachhaltige Strukturen aufbauen“

Unabhängige, verlässliche Informationen tragen bei zur Meinungsbildung bei und ermöglichen Konfliktparteien, miteinander in Dialog zu treten, sagte Jens-Uwe Rahe, Projektmanager der Deutsche Welle Akademie. Vom Libanon über Äthiopien bis Guatemala arbeite man im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit daran, im Bereich der Medien nachhaltige Strukturen in diesen Ländern aufzubauen. Dazu gehöre die Ausbildung von Journalisten ebenso wie die Vermittlung von Medienkompetenz an die Nutzer der Angebote.

Seit einigen Jahren arbeite man verstärkt mit Nutzern zusammen, sensibilisiere sie gegen Hasskommentare. Außerdem schaue man sich den weiteren Kontext an, in dem die Mediensysteme einzelner Länder stehen, und wirke auf eine Gesetzgebung hin, in deren Rahmen freie Medienarbeit stattfinden könne.

„Konfliktsensible Berichterstattung stärken“

Bürgerkrieg und Wirtschaftskrise hätten im Libanon zu einer starken Polarisierung, zu einem Fragmentieren der Gesellschaft und zu einer „Boulevardisierung“ der Medien geführt. Gemeinwohlorientierte Medien seinen unter Druck geraten. Die Deutsche Welle Akademie versuche dort, die „konfliktsensible Berichterstattung“ und Qualitätsjournalismus zu stärken und  für solche Medien eine tragfähige Geschäftsgrundlage zu schaffen.

In Guatemala nähmen die Medien ihre Rolle als sogenannte vierte Gewalt im Staat nicht ein, der Bürgerkrieg werde nicht aufgearbeitet. In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern habe man ein interaktives Internetangebot mit einer „Landkarte der Erinnerung“ erarbeitet, die die Erinnerung an das Geschehen wach halte. Mit einer freiwilligen Ausbildung von Lehrern in der Vermittlung von Medienkompetenz versuche man zudem, mehr als 30.000 Schüler in dem Land zu erreichen.

„Institutionen des Vertrauens schaffen“

Selbst in einem Land wie Äthiopien, das zu einem Hoffnungsträger der Entwicklung geworden sei und in dem der Ministerpräsident die „Medienfreiheit ausgerufen“ habe, gebe es noch viel zu tun. So seien Zeitungen, Sender, Portale und Radios nicht wirklich darauf vorbereitet, ihre neue Rolle nun auszufüllen.

An dieser Stelle habe man mit der Förderung durch das Auswärtige Amt angesetzt, um die Medien mit Trainingsmaßnahmen entsprechend zu unterstützen. Es gehe darum, für die Menschen in Krisenregionen und ehemaligen Krisenregionen „Institutionen des Vertrauens“ zu schaffen sowie „Gesellschaften, die im Dialog miteinander sind“. (ll/11.02.2020)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Jürgen Deile, Konsortium Ziviler Friedensdienst
  • Frank Domhan, Weltfilme 
  • Christian Mihr, Reporter ohne Grenzen
  • Jens-Uwe Rahe, Deutsche Welle Akademie

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