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Expertinnen: Corona er­schwert Engagement in der Pflege auf vielen Ebenen

Mehr Wertschätzung seitens Politik und Gesellschaft für ehrenamtliche Pflegekräfte und pflegende Angehörige haben Sachverständige in einem öffentlichen Fachgespräch des Unterausschusses „Bürgerschaftliches Engagement am Dienstag, 3. November 2020, zum Thema Engagement in der Pflege“ unter Vorsitz von Alexander Hoffmann (CDU/CSU) angemahnt.

Ihre Forderungen: administrative Vereinfachungen, eine bessere finanzielle Ausstattung dieses Bereichs, von Bildungsangeboten für Pflegende bis hin zu Räumlichkeiten, vor allem aber die Verbreitung von Wissen über die Pflege. Dabei machten sie deutlich, wie sehr die Corona-Pandemie die ohnehin anspruchsvolle Aufgabe der Pflege, sei es in Krankenhäusern, Altenheimen und Behinderteneinrichtungen oder zu Hause, ambulant wie stationär, für Pflegekräfte und Gepflegte erschwere.

Ross: Ehrenamt wird stärker gebraucht denn je

Käte Roos, Bundesvorsitzende der Evangelischen Kranken- und Alten-Hilfe, warb dafür, den Grünen Damen und Herren (GDuH) des ehrenamtlichen Besuchsdienstes jetzt einen Sonderstatus bei Besuchen einzuräumen. Besonders Menschen, die von sozialen Kontakten abgeschnitten seien, benötigten weiterhin diese organisierten Besuche. Zuwendung und Zeit spielten eine entscheidende Rolle in der Pflege. Man habe mittlerweile ein erprobtes, umfassendes Hygienekonzept. Grüne Damen und Herren leisten Besuchsdienste in Krankenhäusern, Altenhilfe-Einrichtungen und in häuslicher Umgebung. Sie seien geschulte Laien.

„Das Ehrenamt wird stärker gebraucht denn je“ als Ergänzung zu den professionellen Pflegekräften. Es bedürfe jedoch einer Ausweitung von Bildungsangeboten. „Eine gewisse Professionalität muss es geben“, forderte Roos eine „Parallelität in der Ausbildung herzustellen“. Die Ehrenamtlichen seien sehr motiviert, Bildungsangebote wahrzunehmen. Ihr Verband könne den Bedarf allein jedoch nicht decken.

Helms: Pflege im Mikrozensus abfragen

Dass in der Pflege nicht nur Profis und Ehrenamtliche tätig seien, sondern der größte Teil der Arbeit auf „pflegenden Angehörigen, Zugehörenden und Nachbarn“ laste, darauf wies Ursula Helms, Vorstandsmitglied „wir pflegen“ und Leiterin der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS), hin. Was diese 3,4 Millionen Menschen in Deutschland leisteten, sie „von großer Bedeutung für unsere Gemeinschaft“. 4,1 Prozent der Bevölkerung seien pflegebedürftig. „In acht bis zehn Prozent der Haushalte wird gepflegt.“ Die Pflegesituation sei mittlerweile divers, Pflegende und Gepflegte umfassten eine ganze Bandbreite von Fällen und alle Altersgruppen. „Das ist nicht mehr nur eine innerfamiliäre Aufgabe.“

Eine stärkere „wertschätzende Wahrnehmung“, eine „angemessene Würdigung und Unterstützung“ sei erforderlich, wenn Menschen wegen der Pflege von Angehörigen ihre berufliche Tätigkeit zurückstellten und so ihre eigene Altersversorgung schmälerten. Die Politik müsse viel stärker Informationen aus diesem Bereich abfragen und das allgemeine Wissen über den Pflegesektor vervollständigen, um die Situation für Pflegende und Gepflegte zu verbessern und für die Zukunft vorbauen zu können. Es sei „ein Skandal, dass wir beim Mikrozensus nicht danach fragen, in welchen Haushalten gepflegt wird“. Das Engagement pflegender Angehöriger verdiene mehr Aufmerksamkeit. Und in Zeiten von Corona seien pflegende Angehörende selbstverständlich als „sytemrelevant“ anzuerkennen.

Hinze: Frust ist groß

„Der Frust in meinem Team ist groß“, sagte Christiane Hinze, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Isernhagen. „Wir fühlen uns allein gelassen und werden von der Öffentlichkeit scheinbar nicht gebraucht.“ Während man sich offenbar darüber einig sei, wie wichtig die „Pflege am Bett“ sei, falle die „psychische Betreuung“ von Senioren in der Corona-Krise als verzichtbar „hinten runter“. Normalerweise, „vor Corona“ sei das so gewesen, treffe man sich wöchentlich und führe pro Jahr vier Feiern und sechs gemeinsame Fahrten mit den Senioren durch. „Das kommt hoffentlich wieder.“ Die Alten bräuchten die Gewissheit, weiterhin „bemerkt, gesehen“ zu werden, müssten zusammenkommen, „gemeinsam lachen“.

Die Schließung geeigneter Räumlichkeiten sei ein Schlag und entziehe dem Engagement ihres DRK-Teams die Arbeitsgrundlage. „Durch Corona sind wir gebeutelt.“ Ihre Forderung: die Bereitstellung nutzbarer öffentlicher Räume für Veranstaltungen durch die Kommunen – „Wir sind auf öffentliche Räume angewiesen“ –und mehr gesellschaftliche Anerkennung der „psychischen Betreuungsarbeit“ alter Leute.

Simonson: Staat und Arbeitgeber sind gefragt

Dr. Julia Simonson, Leiterin Forschung und stellvertretende Institutsleiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen, unterstrich die Bedeutung ehrenamtlich Engagierter in der Pflege in einer alternden Gesellschaft wie der deutschen. Das Engagement freiwilliger Kräfte in diesem Bereich liege bei weit überdurchschnittlichen knapp zehn Stunden pro Woche. Über 60 Prozent der Pflegekräfte wünschten sich dabei mehr fachliche Unterstützung und Fortbildung.

Die freiwilligen Pflegekräfte in diesem Bereich der Betreuung von Nicht-Angehörigen seien hoch motiviert und nähmen die zusätzliche zeitliche Belastung zu ihrem Beruf in Kauf. „Staat und Arbeitgeber sind gefragt, dass die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet werden.“

Springer: Corona hat die Arbeitsweise geändert

Corona habe ihre Arbeitsweise geändert, man habe darauf reagiert und, als Treffen nicht mehr möglich gewesen seien, die Betroffenen aktiv kontaktiert, sie angerufen, telefoniert, berichtete Kyra Springer von der Initiative „aktiv55plus“. Die hohe Motivation der Ehrenamtlichen habe es ermöglicht, viele Angebote aufrechtzuerhalten. Nach dem Lockdown vom Frühjahr „haben wir vieles wieder auf die Beine stellen können“. Bei Veranstaltungen habe man jetzt immer einen Verantwortlichen für die Hygienemaßnahmen. Bei der zusätzlichen Erschwernis durch Corona müsse man umso mehr darüber nachdenken, Prozesse zu vereinfachen und zu verbessern, von den gesetzlich-bürokratischen Anforderungen bis hin zu einer größeren Mobilität auf dem Land.

Insgesamt gehe es im Pflegebereich nicht ohne Ehrenamtliche, um die professionelle Pflege zu entlasten und dem Personalmangel zu begegnen. Und der Bedarf werde weiter steigen. Die meisten Angebote, von Veranstaltungen in Einrichtungen bis hin zur individuellen Begleitung bei Alltagsaufgaben, könnten ohne die Ehrenamtlichen nicht bestehen. „Ambulante Pflegedienste können dafür wegen Überlastung oft keine Mitarbeiter zur Verfügung stellen.“ Um eine aktive und selbstständige Lebensführung der Älteren und damit eine Steigerung von deren Wohlbefinden und mehr Lebensqualität als „wesentliche Ressourcen für die Gesundheit“ zu ermöglichen, sei die Förderung des Ehrenamtes unerlässlich, sagte Springer. (ll/03.11.2020)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Christiane Hinze, stellvertretender Vorsitzende des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Isernhagen
  • Ursula Helms, Vorstandsmitglied „wir pflegen e.V.“ und Leiterin der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS)
  • Käte Roos, Bundesvorsitzende der Evangelischen Kranken- und Alten-Hilfe e.V. (eKH), Grüne Damen und Herren
  • Dr. Julia Simonson, Leiterin Forschung und stellvertretende Institutsleiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA)
  • Kyra Springer, Initiative aktiv55plus

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