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Vor 25 Jahren: Erste Gedenk­stunde für die Opfer des National­sozia­lismus

Vor 25 Jahren, am Freitag, 19. Januar 1996, hielt Bundespräsident Prof. Dr. Roman Herzog im Deutschen Bundestag in Bonn die erste Rede zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Seither wird dieser Gedenktag jährlich am 27. Januar begangen, dem Tag der Befreiung der Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945 durch Soldaten der Roten Armee. Mit dem Gedenktag wird an die Millionen Menschen erinnert, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt und ermordet wurden.

„Die Erinnerung darf nicht enden“

Die Initiative für die Einführung eines nationalen Gedenktages am 27. Januar war vom damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, ausgegangen.  Unter dem Eindruck bedeutsamer Erinnerungsfeiern in den Jahren 1994 und 1995, etwa an die Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 oder an die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945, fand Bubis‘ Initiative , den 27. Januar als nationalen Gedenktag zu begehen, schnell überparteiliche Zustimmung. Auf Bitten des Bundestages erklärte Bundespräsident Herzog schließlich am 3. Januar 1996 den 27. Januar zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“.

„Die Erinnerung darf nicht enden“, betonte der Bundespräsident. „Sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“

Erschütternde Berichte von Zeitzeugen

Als Zeichen der Erinnerung werden am 27. Januar die Flaggen an öffentlichen Gebäuden auf Halbmast gehisst. Im Mittelpunkt steht die Gedenkstunde im Deutschen Bundestag, die nicht in jedem Jahr genau am 27. Januar, aber doch in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu diesem Datum stattfindet. Nach einer Ansprache des Bundestagspräsidenten ergreifen ein oder zwei Gastredner das Wort. Dazu zählten in der Vergangenheit die Bundespräsidenten Roman Herzog (1996 und 1999), Johannes Rau (2001), Horst Köhler (2009) und Joachim Gauck (2015) sowie die israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres (2010) und Reuven Rivlin (2020).

Ihr eigenes Er- und Überleben im Holocaust schilderten die Zeitzeugen Elie Wiesel (2000), Bronisław Geremek (2002), Simone Veil (2004), Arno Lustiger (2005), Imre Kertész (2007), Feliks Tych (2010), Zoni Weisz (2011), Marcel Reich-Ranicki (2012), Inge Deutschkron (2013), Ruth Klüger (2016), Anita Lasker-Wallfisch (2018) und Saul Friedländer (2019).

Weitere Gastredner waren der frühere Erste Bürgermeister Hamburgs Klaus von Dohnanyi (1997), der israelische Künstler Yehuda Bauer (1998), die ehemaligen Buchenwald-Häftlinge Jorge Semprún (2003) und Ernst Cramer (2006), die tschechische Schriftstellerin Lenka Reinerová (2008), der russische Schriftsteller Daniil Granin (2014) und sowie Sigrid Falkenstein und Hartmut Traub, die 2017 an die Opfer der sogenannten „Euthanasie“ erinnerten.

Orientierung für künftige Generationen

Für Roman Herzog ging es in seiner ersten Gedenkrede am 19. Januar 1996 darum, „aus der Erinnerung immer wieder lebendige Zukunft“ werden zu lassen. „Wir wollen nicht unser Entsetzen konservieren. Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind.“

Viele hätten sich damals schuldig gemacht, aber die entscheidende Aufgabe sei es heute, eine Wiederholung zu verhindern: „Dazu gehört beides: die Kenntnis der Folgen von Rassismus und Totalitarismus  und die Kenntnis der Anfänge, die oft im Kleinen, ja sogar im Banalen liegen können.“

„Wenigstens einmal im Jahr über das Geschehene nachdenken“

Der 27. Januar solle dem Gedenken an die Opfer der Ideologie vom „nordischen Herrenmenschen“ und von den „Untermenschen“ und ihrem fehlenden Existenzrecht dienen, sagte der Bundespräsident. Die Wahl des Datums zeige das unmissverständlich. „Die Bürger unseres Landes sollen wenigstens einmal im Jahr über das Geschehene nachdenken und vor allem über die Folgerungen, die daraus zu ziehen sind.“

Besonders wichtig sei es, die jungen Menschen zu erreichen und ihren Blick dafür zu schärfen, woran man Rassismus und Totalitarismus erkennt. „Die Erfahrung der NS-Zeit verlangt von uns und allen künftigen Generationen, nicht erst aktiv zu werden, wenn sich die Schlinge schon um den eigenen Hals legt. Nicht abwarten, ob die Katastrophe vielleicht ausbleibt, sondern verhindern, dass sie überhaupt die Chance bekommt, einzutreten“, sagte Herzog.

International Day of Commemoration

Im November 2005 bestimmte die Vollversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum „International Day of Commemoration in Memory of the Victims of the Holocaust“.

Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan bezeichnete den Gedenktag als eine „wichtige Mahnung an die universelle Lektion des Holocaust“. (vom/jal/ww/12.01.2021)

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