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Experten: Klimawandel hat massive Folgen für die Gesundheit von Kindern

Die Auswirkungen geringer Nachhaltigkeit auf Kinder und Jugendliche waren Thema eines öffentlichen Fachgesprächs der Kinderkommission des Bundestages (KiKo). Im Mittelpunkt der Sitzung am Mittwoch, 24. März 2021, unter Leitung der Vorsitzenden Charlotte Schneidewind-Hartnagel (Bündnis 90/Die Grünen) stand die Frage: Welche gesundheitlichen und medizinischen Folgen hat eine nicht intakte Umwelt für junge Menschen? Zu Gast waren Fachleute aus den Bereichen Gesundheit und Umweltmedizin.

Hartmann: Klimakrise ist Gesundheitskrise

Mit dem Thema der Anhörung beschäftige sich die Ärzteschaft schon seit Längerem, sagte Sylvia Hartmann, Gründungsmitglied und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (Klug). Das Bündnis besteht aus Organisationen und Einzelpersonen aus dem Gesundheitsbereich und hat das Ziel, den Klimawandel als wichtiges Gesundheitsthema zu etablieren sowie politische und gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen.

Hartmann verwies auf den „Lancet Countdown“ aus dem Jahr 2019, einem Bericht des medizinischen Fachjournals „The Lancet“ über die gesundheitlichen Folgen der Erderwärmung. Demzufolge wird, wenn die Temperaturen weiter steigen wie bisher, ein heute geborenes Kind eine Welt erleben, die vier Grad wärmer ist als der vorindustrielle Durchschnitt. Dabei sei die Klimakrise vor allem auch eine Gesundheitskrise, sagte Hartmann.

Kinder von Luftverschmutzung besonders betroffen

In ihrem Vortrag konzentrierte sie sich auf die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung. Einer Studie zufolge stürben daran mehr Menschen als durch Rauchen, sagte die Ärztin. Vor allem Kinder seien von Luftverschmutzung betroffen. Zum einen, weil sie pro Kilo Körpergewicht mehr Feinstaub einatmeten als Erwachsene und eine höhere Atemfrequenz hätten. Zum anderen, weil sie mehr Zeit draußen verbrächten und sich ihre Nasen näher an den Auspuffrohren von Fahrzeugen befänden.

Hartmann zufolge habe Luftverschmutzung schon im Bauch der Mutter Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder. Laut der Ärztin sind die drei Hauptquellen Energiegewinnung, Landwirtschaft und Verkehr. „Das bedeutet: Wir brauchen eine Energiewende, eine Agrarwende und eine Verkehrswende“, so Hartmann. Sie ist überzeugt: „Klimaschutz ist Prävention.“ Schließlich gehe es beim Klimaschutz auch darum, zukünftige Generationen nicht um ihre gesunde Zukunft zu betrügen.

Mehr Pollenallergien und neue Krankheiten

Auch Privatdozent DR. med. Stephan Böse-O’Reilly sagte: „Der Klimawandel ist die große Herausforderung dieses Jahrhunderts.“ Böse-O’Reilly ist Kinderarzt und Umweltmediziner am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort leitet er die Arbeitsgruppe Globale Umweltmedizin des Instituts und der Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, die sich mit den Zusammenhängen zwischen Umweltbelastungen und der Gesundheit von Kindern beschäftigt.

Laut Böse-O’Reilly wirkt sich der Klimawandel zum Beispiel auf die Verbreitung der Ambrosia Pollen aus. „Das sind die Pollen unserer Enkelkinder.“ Längere Blütephasen und ein verbessertes Pflanzenwachstum durch einen höheren CO2-Gehalt in der Atmosphäre – dem Mediziner zufolge droht ein ganzjähriger Pollenflug. Dabei sei eine Ambrosia-Allergie sehr unangenehm und führe schnell zu Asthma.

Auch Krankheitsträger wie Zecken, Mücken und Sandfliegen, sogenannte Vektoren, könnten sich durch die Temperaturänderungen besser in Deutschland ausbreiten, meint der Umweltmediziner. Und mit ihnen die Krankheiten. „Unsere Kinder werden sich mit anderen Keimen beschäftigen müssen, als wir uns.“ Darauf müsse sich das Gesundheitssystem einstellen.

Böse-O’Reilly: Pariser Klimaziel ist nicht verhandelbar

Ein Thema, bei dem der Mediziner „erheblichen Forschungsbedarf für Deutschland“ sieht, sind meteorologische Extremwetterereignisse wie Starkniederschlag und Überschwemmungen. Böse-O‘Reilly zufolge können solche Katastrophen als „Trigger-Ereignisse“ zu Posttraumatischen Belastungsstörungen führen. Kinder seien dafür besonders anfällig, da sie zum Beispiel weniger Bewältigungsstrategien hätten als Erwachsene. „Das Erlebnis einer Naturkatastrophe vor dem fünften Lebensjahr erhöht die Wahrscheinlichkeit um 50 Prozent, dass man ein Leben lang Angstzustände und Stimmungsschwankungen hat“, sagte der Mediziner. Das wiederum könne zu Substanzmissbrauch führen.

Aus Sicht des Kinderarztes sei es deshalb „extrem wichtig“, dass die Politik alles dafür tue, um das Pariser Klimaziel zu erreichen und die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das sei nicht verhandelbar. Darüber hinaus forderte Böse-O’Reilly, Forschungslücken zu schließen und global zu denken. Außerdem brauche es Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte.

Klimawandel verstärkt allergische Symptome

Über den Einfluss von Umwelt und Klima auf Allergien und Asthma sprach auch Laura Stenz, Patientenvertreterin vom Deutschen Allergie und Asthmabund (DAAB) und Mitglied im Europäischen Allergie- und Asthmajugendparlament, einer Initiative der gemeinnützigen Organisation Europäische Föderation der Patientenverbände für Allergie und Atemwegserkrankungen (EFA).

Klimawandel und Luftverschmutzung verstärkten allergische Symptome, sagte Stenz. Zum Beispiel, weil manche Pflanzen wegen der steigenden Temperaturen im Herbst ein zweites Mal blühten oder weil Überschwemmungen zu einer vermehrten Schimmelbildung führten. Das habe vor allem Folgen für Kinder, denn ihr Immunsystem bilde sich noch aus, erklärte Stenz. „Wenn wir mehr Allergene in der Luft haben, werden mehr Kinder Allergien entwickeln.“

Stenz: Allergien werden bagatellisiert

Die DAAB-Patientenvertreterin kritisierte, dass Allergien häufig bagatellisiert würden. Das führe zu einer unzureichenden Versorgung und könne die mentale Gesundheit gefährden. Zudem würden viele Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen, was vor allem für Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien problematisch sei.

Stenz sprach sich für eine Barrierefreiheit für Allergikerinnen und Allergiker aus. Oft begegneten Menschen mit Allergien Hindernisse, die anderen nicht einmal auffielen, sagte die junge Frau. Ein Beispiel: Polstermöbel im Bus. Die seien für Menschen mit Hausstaubmilben- oder Tierhaarallergie nicht geeignet. „Das heißt, man schließt ganze Gruppen von der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln aus.“ Stenz forderte deshalb: „Der öffentliche Raum muss unbedingt allergiegerecht gestaltet werden.“ (irs/24.03.2021)

Liste der Sachverständigen

•    Privatdozent Dr. med. Stephan Böse-O’Reilly, LMU Klinikum Universität München, Leiter AG Globale Umweltmedizin am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
•    Sylvia Hartmann, KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V.
•    Laura Stenz, Deutscher Allergie- und Asthmabund (DAAB), Mitglied im Europäischen Allergie- und Asthmajugendparlament
 

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