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Gefahr von Chemikalien in Spiel­zeug, Lärm in Schulen und Luft­schadstoffen

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Schädliche Chemikalien in Spielzeug, Lärm in Schulen und Luftschadstoffe. Die Auswirkungen von Umweltverschmutzung und umweltschädigenden Produkten auf Kinder standen am Mittwoch, 5. Mai 2021, im Mittelpunkt eines Expertengesprächs der Kinderkommission des Deutschen Bundestages (Kiko). Unter dem Vorsitz von Charlotte Schneidewind-Hartnagel (Bündnis 90/Die Grünen) widmet sich die Kiko seit Mitte Februar dem Thema Kinder und Umwelt.

Mehr chronisch-entzündliche Erkrankungen

Wie Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin der Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, sagte, hat es in den vergangenen Jahrzehnten eine Zunahme an chronisch-entzündlichen Erkrankungen gegeben. „Das sind Erkrankungen, die eins gemeinsam haben, nämlich den Umwelteinfluss und die chronische Entzündung.“

Zudem komme es zu einer Aktivierung von Genen durch Umweltfaktoren, erklärte die Expertin. Dabei gebe es klare Hinweise darauf, dass diese epigenetischen Veränderungen vererbbar seien. Umweltfaktoren schädigten somit „nicht nur uns“, sagte Traidl-Hoffmann. Sondern seien übertragbar in die nächsten Generationen.

U-Untersuchungen und soziale Ungerechtigkeit

Traidl-Hoffmann forderte: „Wir müssen bei Kindern Prävention schaffen, um nachhaltige Gesundheit zu ermöglichen.“ Konkret sprach sie sich für Hitzepläne für Schulen aus, sie forderte Grenzwerte für Luftschadstoffe in den Klassenzimmern und eine bessere Vorsorge in Sachen Allergien. Diese sollten bereits in den U-Untersuchungen für Kinder berücksichtigt werden.

Außerdem müsse die soziale Ungerechtigkeit in den Blick genommen werden, um das Kindeswohl in allen Gesellschaftsschichten zu schützen, sagte die Medizinerin. Je näher ein Kind an einer befahrenen Straße lebe, desto höher sei zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit an Neurodermitis zu erkranken. Das wiederum sei die „Eintrittspforte“ für neue Allergien.

Aus Sicht der Sachverständigen sollten darüber hinaus Städteplaner in Zukunft mit Medizinern kooperieren. Traidl-Hoffmann forderte: „Wir brauchen vernünftige Städteplanungen“. Das Stichwort laute „Missing Green“. Wenn grüne Natur fehle, gehe das zulasten unserer Gesundheit. Zudem leide die Biodiversität, deren Verlust mit der Entwicklung von Allergien einhergehe.

Allergene in zahlreichen Produkten

Wie Dr. Marike Kolossa-Gehring sagte, gehören allergische Erkrankungen zu den häufigsten gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen. Die Biologin und Toxikologin, die im Umweltbundesamt das Fachgebiet „Toxikologie, gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung“ leitet, widmete sich in ihrem Vortrag Allergenen in Produkten.

Zwar könnten Allergien durch natürliche Faktoren wie Pollen oder Tierhaare ausgelöst werden, so die Sachverständige. Aber auch „durch eine ganze Reihe von Chemikalien und synthetischen Stoffen“ wie zum Beispiel Duftstoffe und Konservierungsmittel. Dabei kämen Allergene in zahlreichen Produkten vor – von Lebensmitteln über Waschmitteln bis hin zu Spielzeugen. Aufgenommen würden sie über Mund, Atmung und Haut, sagte Kolossa-Gehring. Bei letzterem zum Beispiel durch Weichspüler in der Kleidung und Kosmetika wie Parfüm und Körperlotion.  

„Belastung mit Allergenen unausweichlich“

Wie stark Kinder und Jugendliche in Deutschland durch Allergene belastet sind, war Gegenstand der „Deutschen Umweltstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ des Umweltbundesamtes, wie Kolossa-Gehring erläuterte. Ein Ergebnis: „Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Belastung mit Allergenen für Kinder und Jugendliche heute in Deutschland unausweichlich ist.“

Sie forderte, Kinder und Jugendliche müssten umfassender vor der Belastung mit allergenen Stoffen geschützt werden. Zum Beispiel brauche es ein Verbot von Allergenen in Spielzeug sowie von sensibilisierenden Stoffen in Produkten für Kinder und Jugendlichen. Außerdem sprach sich die Toxikologin für eine stärkere Marktüberwachung und Produktkontrollen aus.

„Kinder sind besonders vulnerabel“

„Kinder sind besonders vulnerabel gegenüber schädlichen Chemikalien und Pestiziden“, sagte Alexandra Caterbow von der Nichtregierungsorganisation Hej! Support, die sich für eine gesunde Umwelt einsetzt. Vor allem während der pränatalen Entwicklung und in der frühen Kindheit könnten zum Beispiel hormonschädigende Chemikalien Krankheiten auslösen, die dann im späteren Leben auftreten könnten, sagte die Sachverständige. Dazu gehörten zum Beispiel bestimmte Krebsarten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Besonders besorgniserregend seien zudem neue Erkenntnisse zum Thema Fruchtbarkeit. „Die weltweite Fruchtbarkeit ist in den letzten 50 Jahren um mehr als 50 Prozent gesunken“, so Caterbow. Zwar seien Chemikalien nicht der einzige Grund für diese Entwicklung, würden aus ihrer Sicht aber zu wenig beachtet.

Keine Auskunftspflicht über Chemikalien in Produkten

Wie die Expertin sagte, komme bereits jedes Kind in Europa mit schädlichen Chemikalien im Körper zur Welt. Dabei werde sich die Anzahl der Chemikalien auf dem Markt Schätzungen zufolge noch bis zum Jahr 2030 verdoppeln.

„Kinder sind täglich einer Vielzahl von Schadstoffen ausgesetzt“, kritisierte Caterbow. Dabei könnten Eltern diese Exposition nicht vermeiden, da es keine ausreichende Auskunftspflicht über Chemikalien in Produkten gebe. Deshalb sei die Politik gefragt durch strenge Gesetze für einen ausreichenden Schutz zu sorgen.

„Kinder leiden unter Lärm“

Mehr Schutz für junge Menschen brauche es auch beim Thema Lärm, sagte Prof. Dr. Maria Klatte von der Technischen Universität Kaiserslautern. Denn Kinder reagierten besonders stark auf Lärm. Studien zeigten zum Beispiel, dass Lärm bei Kleinkindern das Lernen neuer Wörter beeinträchtige. Wie die Sachverständige erläuterte, liege der Dauerschallpegel in Gruppenräumen von Kindertagesstätten Messungen zufolge bei bis zu 85 Dezibel (dB A). „Das sind Pegel, bei denen man an gewerblichen Arbeitsplätzen Gehörschutz bereitstellen muss.“

Der Lärmstress in Kitas und Schulen beeinflusse nicht nur die Qualität der pädagogischen Interaktion, sagte Klatte. Auch die Kinder litten unter dem Lärm. Sie seien unkonzentrierter, redeten lauter, Kleinkinder schrien öfter. Die hohen Lärmpegel seien zum Teil durch bauliche Mängel bedingt, erläuterte Klatte. Eine akustische Sanierung könne Abhilfe schaffen. Die zweite wichtigste Lärmquelle in der Umwelt von Kindern sei Verkehrslärm, sagte die Sachverständige. Studien zufolge beeinträchtige Fluglärm zum Beispiel die Leseentwicklung von Kindern und störe den Schulunterricht.

„Risikofaktoren kovariieren“

Wie Klatte betonte, kovariieren Risikofaktoren in der Umwelt der Kinder. Vor allem bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien häuften sich Umweltstressoren und psychosoziale Risiken in der häuslichen Umwelt und im Wohnumfeld. „Studien zeigen, je mehr Risikofaktoren in der kindlichen Entwicklung vorhanden sind, desto ungünstiger ist die Prognose für den Entwicklungsverlauf.“

Sie forderte deshalb ein Umdenken beim Thema Stadtplanung. „Wir müssen diese räumliche Segregation nach Sozialstatus in den Städten beenden, dem entgegenwirken, weil es hierdurch zu einer Häufung von Risikofaktoren bei sozial benachteiligten Kindern kommt.“ Das habe erhebliche Auswirkungen auf deren Entwicklung. Zudem sollten in Schulen die Anforderungen an die Bau- und Raumakustik umgesetzt sowie das Fluglärmgesetz überarbeitet werden. (irs/05.05.2021)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Alexandra Caterbow, Co-Director HEJ! Support Health-Environment-Justice
  • Prof. Dr. Maria Klatte, Technische Universität Kaiserslautern, Lehrstuhl für Kognitive und Entwicklungspsychologie
  • Dr. Marike Kolossa-Gehring, Umweltbundesamt, Leiterin „Fachgebiet Toxikologie, gesundheitsbezogene Umweltbeobachtung“
  • Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann, Direktorin der Umweltmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, Universität Augsburg

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