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Regenwaldschutz im Kongo muss örtliche Bevölkerung einbeziehen

Er ist die grüne Lunge Afrikas und ein Regulator für das Weltklima: der tropische Regenwald im Kongobecken ist der zweitgrößte zusammenhängende Tropenwald der Welt. Wer den Wald wie nutzen darf, ist Gegenstand zahlreicher internationaler Bemühungen, Expertisen und Vereinbarungen, aber auch Ursache und Beschleuniger vieler teils gewaltsamer Konflikte in der Region.

Die internationale Biodiversitäts- und Klimaschutzpolitik kann die Konfliktpotenziale um den Wald entschärfen, wenn sie die Menschen, die dort leben, in nachhaltige Nutzungskonzepte einbezieht, waren sich die Expertinnen und Experten im öffentlichen Fachgespräch des Unterausschusses „Zivile Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und vernetztes Handeln“ am Montag, 17. Mai 2021, unter Leitung von Ottmar von Holtz (Bündnis 90/Die Grünen) einig.

„Fast die Hälfte der Projektmittel geht an lokale Organisationen“

Wie sich mit dem Erhalt der biologischen Vielfalt und Waldpartnerschaften wie im Kongobecken Einfluss auf die regionale Krisenprävention nehmen lässt, interessierte die Mitglieder des Unterausschusses. Bis zu 50 Prozent des Budgets der den Durchführungskonsortien im Rahmen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit gewährten Projektmittel gingen an lokale Organisationen, „damit ein guter Teil der Wertschöpfung im Land bleibt“, erklärte Philipp Behrens, Leiter des Referats IK I 6 (Internationale Klimaschutzinitiative) im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Aktuell sei die deutsche Entwicklungszusammenarbeit in der Region mit Projekten mit einem Gesamtvolumen von 78 Millionen Euro unterwegs. Die Bemühungen um Klimaschutz und Biodiversität seien heute anerkannter Teil der zivilen Krisenprävention. Dem Lebensraum Wald komme dabei eine besondere Bedeutung zu, nicht zuletzt angesichts der aktuellen Pandemie, führten doch die zunehmende Entwaldung und der Verlust von Lebensräumen für Arten zum vermehrten Auftreten sogenannter Zoonosen.

„Wald durch Umweltzerstörung massiv bedroht“

Einem regionalen Konflikt um Lebensraum entspringe somit nicht nur eine Gefahr für das Weltklima, sondern auch für die globale menschliche Gesundheit. Umgekehrt sei der Wald des Kongobeckens, der weltweit zweitgrößten und noch halbwegs intakten Tropenwaldregion, Lebensgrundlage für die dort ansässigen 65 Millionen Menschen. Der Wald sei durch Umweltzerstörung massiv bedroht, mahnten die Experten.

Der Walderhalt im Kongobecken müsse beiden Zielen gleichermaßen dienen: den Menschen dort eine Lebensgrundlage bieten, auf diese Wiese Konflikten vorbeugen sowie die Folgen des globalen Klimawandels abmildern, so Behrens. Schwindende Flächen, Verstädterung, Nahrungsmittel- und Wasserunsicherheit, nicht nachhaltig genutzte Flächen und umstrittene rechtliche Verhältnisse seien jedoch zentrale Konflikttreiber.

„Wo Bürgerkrieg ist, da ist Naturschutz schwer“

„Keine Wunder erwarten“ dürfe man von den Bemühungen um den Wald, sagte Dr. Wolfram Morgenroth-Klein, Leiter des Referats 102 (Pandemieprävention, One Health, Tiergesundheit, Biodiversität) im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: „Naturschutz kann den Bürgerkrieg nicht beenden.“ Umgekehrt: „Wo Bürgerkrieg ist, da ist Naturschutz schwer.“

Drei Bereiche im Zusammenhang mit der internationalen Waldpartnerschaft dienten im engeren Sinne der Krisenprävention. Ein funktionierendes Ökosystem Wald beliefere die immer größer werdenden Städte mit sauberer Luft und sauberem Trinkwasser. Gerade in Afrika, das von seinem enormen Naturpotenzial lebe, müsse der Naturschutz Teil der Entwicklung sein und könne so auch eine präventive Wirkung gegen Konflikte entfalten. Und schließlich befördere Naturschutz gutes staatliches Handeln, vermindere Menschenrechtsverletzungen und ertüchtige lokale Gemeinden zu einer selbstbestimmten, eigenständigen Entwicklung.

Bevor man neue Naturschutzgebiete einrichte, bemühe man sich heute mit allen dort Ansässigen zu sprechen und deren Zustimmung einzuholen. Auch in Schutzgebieten gebe es Möglichkeiten, eine nachhaltige Wirtschaft zu betreiben und zudem Kompensationen zu zahlen.

„Afrikanische Position zu Biodiversität und Klimaschutz finden“

Über die Arbeit der Kongobeckenwaldpartnerschaft (Congo Basin Forest Partnership, CBFP) berichtete der frühere CSU-Bundestagsabgeordnete Christian Ruck, Leiter der Kongobeckenwaldpartnerschaft, einer Multi-Akteurs-Partnerschaft mit 119 Mitgliedern: Staaten, Internationalen Organisationen, Nichtregierungsorganisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen.

Die UN-Organisation vereine eine weltweite Geberschaft und arbeite mit der Zentralafrikanischen Waldkommission zusammen. Derzeit hat Deutschland den Vorsitz inne, der alle zwei Jahre rotiert. Zu den aktuellen Hauptaufgaben zähle, eine gemeinsame Positionierung der afrikanischen Länder auf den internationalen Konferenzen zu Biodiversität und Klimaschutz zu finden.

„Lokale Weidewirtschaft zunehmend ein beunruhigender Faktor“

Für den Wald des Kongobeckens mache sich seit einiger Zeit immer mehr die lokale Weidewirtschaft „als beunruhigender Faktor bemerkbar“. Die Form der Nutzung habe ihre ökologische Tragfähigkeit vielerorts überschritten, sagte Ruck. Seit 2019 seien nun sieben Staaten der Region dabei, Fragen der nachhaltigen Waldbewirtschaftung einen grenzübergreifenden Rechtsrahmen zu geben: von Herdenbewegungen über das Thema der Wilderei und eine gemeinsame Kommunikationsstrategie bis hin zu einer gemeinsamen Überwachung der Aktivitäten.

Drei geografische Arbeitsgemeinschaften würden für das nächste Treffen in einem Monat eine To-do-Liste für ein Maßnahmenbündel erstellen, das auf einer Folgekonferenz im kommenden Jahr verabschiedet werden solle. Dazu würden auch die internationalen Geber an den Tisch geholt. Zu den größten Herausforderungen gehöre eine realistische Landnutzungsplanung. Als internationaler Partner habe Deutschland da nur begrenzten Einfluss. Es sei daher nötig, dass sich auch die Regionalorganisationen und die Afrikanische Union dem Thema annäherten.

„Schutzgebiete müssen zu Entwicklungsgebieten werden“

Dabei müsse man den Bezug zu den oft armen Einwohnern behalten. Diese würden allzu oft als Bedrohung der Schutzgebiete gesehen, während die Bewohner wiederum sich durch die Schutzgebiete bedroht fühlten. Schutzgebiete müssten gleichzeitig zu Entwicklungsgebieten werden, sodass die Bevölkerung dort auch von den Ressourcen des Waldes leben könne. Naturschutz und Bevölkerung gegeneinander auszuspielen, helfe nicht weiter.

Ruck warb zudem dafür, den waldreichen Ländern Zentralafrikas dabei zu helfen, eine „angemessene Vergütung der ökonomischen Leistungen des Waldes“ als CO2-Speicher geltend zu machen. Die sei bislang nur mäßig vorhanden, könne man inzwischen aber ganz gut ausrechnen. Zu einem fairen Deal auf den bevorstehenden internationalen Konferenzen gehöre, dass die afrikanischen Länder mehr Ressourcenschutz betrieben und dafür die Staatengemeinschaft insgesamt zur Förderung des Klimaschutzes und der Biodiversität einen adäquaten Betrag auf den Tisch lege.

„Speicherfähigkeit des Waldes nimmt ab“

Prof. Dr. Charlotte Streck von der Universität Potsdam, Gründerin und Leiterin von „Climate Focus“, unterstrich die Bedeutung des Kongobecken-Regenwaldes für das Weltklima: „145 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichert dieser Wald.“ Doch dieser Wald sei in Gefahr, seine Speicherfähigkeit nehme ab. Momentan verzeichne Afrika die stärkste Entwaldungsrate der Welt. Das Problem des Waldes im Kongobecken sei vor allem die Armut der dortigen Bevölkerung. „Die Menschen drängen wegen Weideland und Brennholz in den Wald.“

Die Zyklen des traditionellen Wanderfeldbaus hätten sich mittlerweile so verkürzt, dass dieser keine nachhaltige Bewirtschaftungsform mehr darstelle. Hinzu kämen Konflikte und politische Instabilität. Menschen ergriffen die Flucht. „Waldschutz muss Teil jedes Regierungsprogramms werden.“ Und „jede Waldschutzstrategie muss der ländlichen Bevölkerung einen Weg aus der Armut zeigen“, mahnte Streck. „Man muss die lokale Bevölkerung einbeziehen.“ Investitionen sollten breit gestreut werden: Von der Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft über den Bau von Schulen bis hin zu Wohnprojekten. Es sei wichtig, den Privatsektor einzubinden.

Konflikte mit der indigenen Bevölkerung

Der Autor, Berater und ehemalige Leiter der britischen Rainforest Foundation, Simon Counsell, erinnerte daran, wie sehr häufig Naturschutzprojekte wie die Einrichtung von Nationalparks mit dem Verbot bestimmter Nutzungen zu Konflikten mit der angestammten, indigenen Bevölkerung führen. Viele internationale Projekte basierten auf falschen Annahmen und verursachten oder verschärften so Konflikte. Seit Jahrtausenden bewegten sich Jäger und Sammler durch den Wald, der noch immer eine unfassbare Vielfalt aufweise. Deren Traditionen und hergebrachte Rechte würden aber durch die gegenwärtige Entwicklung und Ordnungsvorstellungen wie Verstädterung und die Tatsache, dass das meiste Land sich in staatlichem Besitz befinde, ignoriert.

Die lokalen und vor allem indigenen Kräfte gelte es aber unbedingt in eine aktive Waldwirtschaft einzubeziehen. Das Hauptproblem bestehe darin, dass es für die hergebrachte Nutzung des Waldes keine rechtlich geregelte Form des Landbesitzes gebe. „Die Menschen kümmern sich besser um Dinge, wenn sie ihnen gehören.“ Stattdessen würden die Einwohner durch Ausweisung neuer Schutzgebiete bedrängt. Zu befürchten seien dann soziale Instabilität und Konflikte. (ll/18.05.2021)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Simon Counsell, ehemaliger Leiter der Rainforest Foundation UK
  • Christian Ruck, Leiter der Kongobeckenwaldpartnerschaft (CBFP)
  • Prof. Dr. Charlotte Streck, Universität Potsdam

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