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Multimedial, auf dem neuesten Stand der Ausstellungstechnik, inhaltlich überarbeitet und mit der Aufforderung, aktiv zu sein: So präsentiert sich die Parlamentshistorische Ausstellung des Deutschen Bundestages ab Dienstag, 1. Juni 2021, nach umfangreichen Umbauarbeiten wieder für angemeldete Einzelbesucherinnen und -besucher.

Wie funktioniert Parlamentarismus in Deutschland? Wann und wo fing alles an? Warum tagt der Bundestag im Reichstagsgebäude? Wer darf in den Plenarsaal? Wie kann ich wählen? Die neue Schau im Deutschen Dom am Berliner Gendarmenmarkt bietet Antworten auf all diese Fragen und noch viel mehr.

Inhaltlich, gestalterisch und technisch runderneuert

„Die Parlamentarische Demokratie in Deutschland zählt gewiss nicht zu den einfachen und aufregenden Themen, die man sich für einen Ausstellungsbesuch vorstellen kann, aber spannend ist es allemal“, sagt Ausstellungsmacher Andreas Baasner. „Das Thema ist immens wichtig und es lohnt, sich dafür zu interessieren“, ergänzt sein Kollege Christian Klein.

Auf fünf Etagen vermittelt die Ausstellung Aufgaben und Funktionsweise des Deutschen Bundestages, sowie Gegenwart und Geschichte des Parlamentarismus in Deutschland seit der französischen Revolution.

Inhaltlich überarbeitet und präzisiert, gestalterisch rundum erneuert und technisch auf dem neuesten Stand präsentiert der Deutsche Bundestag die Ebenen 2 und 3 des Deutschen Doms. Nachdem bereits der Ausstellungsteil über den modernen Parlamentarismus im heutigen Deutschen Bundestag auf der Ebene 1.1 fertiggestellt worden ist, wurden jetzt weitere Ebenen – die den oftmals steinigen Weg zum modernen deutschen Parlamentarismus thematisieren – komplett erneuert.

Großteil der historischen Ausstellung neu

„Ausgehend von der Basis der Frankfurter Paulskirchenversammlung 1848 und rund um das Herzstück des nachgebauten aktuellen Plenarsaals herum erklären wir den anspruchsvollen Weg zur parlamentarischen Demokratie wie wir sie heute bei uns haben“, erläutert Baasner.

Die historischen Teile der Ausstellung über das Parlament im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, das Pseudo-Parlament im Nationalsozialismus und den Scheinparlamentarismus der DDR bis heute wurden neu konzipiert und füllen die Stockwerke zwei und drei im Rundbau des Doms.

Vom ersten frei gewählten Reichstag nach der Reichsgründung 1871 bis heute werden hier Stellung, Befugnisse und Selbstverständnis des Parlaments nachgezeichnet: Wie sich das Parlament gegenüber der Regierung bis in die Weimarer Republik immer weiter emanzipierte, im Dritten Reich zu einer Farce verkam und in der Bundesrepublik schließlich seine Rolle als oberstes Verfassungsorgan einnahm.

Virtueller Rundgang durch ursprünglichen Plenarsaal

Ein aufwendig gestalteter, interaktiver, virtueller Rundgang durch das Innere des ursprünglichen Reichstagsgebäudes, wie es von dem Architekten Paul Wallot in den 1880er Jahren entworfen worden war, gehört zu den Highlights der neuen Schau. „Dieses Exponat ist in der Form einmalig in der deutschen Museumslandschaft“, so Baasner und Klein.

Zahlreiche Bilder, historische schwarz-weiß-Aufnahmen, mussten ausgewertet werden, um das Aussehen des alten Plenarsaals so nah wie möglich am Original zu rekonstruieren und zu programmieren, berichtet Baasner. Um zentrale Stücke wie die ursprüngliche Bestuhlung und den damaligen Sitz des Reichstagspräsidenten in der Computeranimation darstellen zu können hat er den letzten Ledergestalter seiner Art, der solche Möbel produziert, in Hamburg ausfindig gemacht.

„Dass wir den gefunden haben, war ein Riesenglück. Wir haben ihn die Stücke für die digitale Animation nachgestalten lassen.“ Der Handwerker und Liebhaber hatte zudem den Bestand der Firma aufgekauft, die die Stühle für den Reichstag damals hergestellt hat, samt den alten Werkzeugen und einem alten Katalog mit Detailaufnahmen der Stühle.

Herausgekommen ist eine gelungene, detailreiche Animation in Farbe, die das damalige Interieur von den hölzernen Decken- und Wandvertäfelungen über die Bestuhlung bis zum Teppichboden zeigt. In einer Nische neben einem Modell des kaiserlichen Reichstags und einem Monumentalgemälde einer Sitzung aus dem Jahr 1905 können die Besucher den Großen Sitzungssaal in seiner ursprünglichen Pracht nun virtuell erkunden.

Mahnmal erinnert an dunkle Periode deutscher Geschichte

Weil es Parlamentarismus in der Zeit des Nationalsozialismus nicht gegeben habe, versuche die Ausstellung auch nicht, „Parlamentarismus“ in der NS-Zeit darzustellen. Nach dem Reichstagsbrand 1933 tagte „das zu einer Alimentierungsveranstaltung für NS-Gefolgsleute verkommene Organ“ in einem benachbarten, notdürftig zum Tagungsort umfunktionierten ehemaligen Amüsierlokal, der sogenannten Kroll-Oper, erläutert Klein.

An die dunkle Periode der deutschen Geschichte erinnert die modernisierte Ausstellung von nun an mit einem Mahnmal. Hier wird der Besucher auf seinem ansonsten an Informationen reichhaltigen Rundgang abrupt heruntergebremst und mit einem beunruhigenden Nichts konfrontiert. Man sieht sich einer grauen Wand gegenüber, vor der man sich zunächst fragt: Fehlt hier noch etwas? – Nein, nichts.

Das „Parlament“ in der NS-Zeit hatte nichts zu sagen. Man befindet sich unvermittelt in einem Zwischenraum des Innehaltens und Gedenkens. Eine vier mal vier Meter große, den Raum brechende Gedenkwand, in der im Minutentakt wechselnd Namenszüge aufleuchten und vorgetragen werden, erinnert an die von den Nazis ermordeten Abgeordneten des letzten frei gewählten Reichstages.

Reichstagsgebäude im Mittelpunkt der Ausstellung

Das mit seiner Kuppel von Norman Foster mittlerweile ikonische Reichstagsgebäude im Wandel der Zeit zu zeigen und zu vermitteln, was da passierte und passiert, das stehe im Mittelpunkt der Parlamentshistorischen Ausstellung, erläutert Baasner.

„Das Bauwerk stellen wir in der Ausstellung in der Tiefe vor, als baulichen Ausdruck des ersten parlamentarischen Versuchs nach der Frankfurter Paulskirche, in der Kaiserzeit erbaut und dann in der Weimarer Republik und schließlich im wiedervereinigten Deutschland weiter genutzt.“

Der Besucher bekommt das Innere des Gebäudes als Modell präsentiert und kann sich so ein Bild von Struktur, räumlicher Nutzung und Größenverhältnissen machen. Das politische Geschehen wird in einem Rollenspiel erlebbar. Auch Live-Schaltungen in den echten Plenarsaal sind während der Sitzungswochen möglich.

Rollenspiel im nachgebauten Plenarsaal

Das Rollenspiel im nachgebauten Plenarsaal ist und bleibt Herzstück der Schau. 50 Besucher können hier für eine Stunde in die Rolle von Abgeordneten schlüpfen und an einer fiktiven Plenardebatte zu aktuellen Themen teilnehmen, die von professionellen Darstellern geleitet wird. Sie nehmen Platz auf Stühlen, die mit dem Originalstoff des vom Architekten Norman Foster modernisierten Reichstagsgebäudes bezogen sind.

„Sie können am Ende jede noch so banale Frage an unsere geschäftsordnungsfesten Darsteller richten“, empfiehlt Klein. Politik- und Parlamentswissen lassen sich so im Rahmen der spielerischen Sitzung auffrischen.

Nebenbei wird mit vielen Klischees aufgeräumt. Folgen Lobbyisten und Journalisten den Abgeordneten eigentlich in den Plenarsaal, werde häufig gefragt. Antwort: Keinesfalls, die Geschäftsordnung verbietet dies. Lediglich die Abgeordneten sowie bestimmte Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung und ein klar abgegrenzter Kreis an Funktionsträgern dürfe den Plenarsaal betreten.

„So wie der Plenarsaal die Herzkammer des Deutschen Bundestages ist, so ist der nachgebaute Plenarsaal der Parlamentshistorischen Ausstellung das Herz des Deutschen Doms“, sagt Baasner.

Fundament durch begehbares Glasfenster sichtbar

Ein Halbrund aus Stühlen, und gegenüber Regierungsbank, Präsidiumsplätze und Rednerpult, im Blau, Anthrazit und Lichtgrau des Bundestages, darauf Mikrofone und auf dem ikonischen schwarz-rot-goldenen Häkeldeckchen der früheren Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt das Wasserglas für den/die Redner/in und daneben die Tischglocke für den/die Sitzungsleiter/in aus der siebten Wahlperiode (1972-1976), die von Bundestagspräsidentin Annemarie Renger benutzt wurde – beide historischen Stücke hinter Glas.

Komplettiert wird die Ausstattung des Raumes durch den Bundestagsadler an der Stirnwand des Saales. Das Stück stammt aus dem von dem Architekten Paul Baumgarten in den 1960er-Jahren umgebauten Reichstagsgebäude. Die Abgeordneten des ersten gesamtdeutschen Bundestages nach der Wende hielten ihre erste gemeinsamen Sitzung in dem mit diesem Wappentier dekorierten Saal ab.

Von der gegenüber liegenden Seite des Raumes kann der Betrachter den Adler und den Plenarsaal in den Blick nehmen, und am Boden durch ein begehbares Glasfenster auf ein Modell der Frankfurter Paulskirche sehen, Versammlungsort des ersten frei gewählten deutschen Parlaments 1848 und Fundament der deutschen Parlamentsgeschichte und Demokratie.

Das neue, aufwendig angefertigte und detailreiche Modell, das die bauliche Situation der Kirche in den Jahren 1848/49 zeigt, ist in dieser Form wahrscheinlich einzigartig in der deutschen Museumslandschaft, so die Ausstellungsmacher.

Glücksfall Deutscher Dom

Der Ausstellungsort selbst, im historischen Gebäude des im späten 18. Jahrhundert erbauten Deutschen Doms sei ein Glücksfall für die Bundestagsausstellung, so Baasner und Klein. Nach dem Umzug von Bonn nach Berlin habe das Parlament die Chance ergriffen, dieses tolle Gebäude für die Ausstellung zu nutzen.

Seine 1A-Lage am Gendarmenmarkt, einem der schönsten Plätze Berlins und Europas, und Publikumsmagnet, beschere der Ausstellung zahlreiche Gelegenheitsbesucher ebenso wie Besucher, die die Visite im Dom zusammen mit einer anderen Unternehmung in der Umgebung planten.

Um das äußerst komplexe und anspruchsvolle Thema Parlamentsgeschichte möglichst vielen Menschen zu vermitteln, haben der Bundestag und die Ausstellungsmacher alle Register gezogen: Die Ausstellung des Deutschen Bundestages kann nicht nur mit ihrer prominenten Lage und dem historischen Dom als Location punkten. Der Dom ist zudem ein offenes Haus, der Eintritt frei. Hinzu kommt, dass die Ausstellung neue mediale Zugänge zu dem Thema schafft.

Medien-Mix für alle Ansprüche

„Der Besucher bekommt nicht nur Texte an der Wand zu lesen“, geben die Ausstellungsmacher Entwarnung. Üppig ausgestaltete Seitenwände mit Bildern, Karten und Zitaten bilden den szenigen Hintergrund für die jeweilige Epoche.

Davor, dazwischen und ganz nah am Besucher aber dann die technische Aufrüstung mit neuen Medien: von „digitalen Litfaßsäulen“ und Info-Stelen bis hin zu einem interaktiven Screen Design, interaktiven Stationen: „Ein Quantensprung in der Technik“, so Baasner.

„Wir holen den Besucher mit einem ausgewogenen Mix an Medien ab.“ Je nach Interesse könne der einzelne Besucher dann tiefer in einzelne Inhalte eintauchen, ja, solle sich interaktiv Wissen aneignen. Auch Einzelbesuchern wird auf Wunsch ein Historiker des Hauses zur Seite gestellt, der sie durch die Ausstellung führt, zu den Schwerpunkten, über die sie gerne mehr wissen möchten.

Hereinspaziert

Zur Zielgruppe der Ausstellung gehören alle ab dem Schulalter. Nach Umbau und der Zwangspause aufgrund der Corona-Pandemie können nun die Besucher wieder kommen, zunächst allerdings nur als Einzelpersonen, keine Gruppen. Das Haus war seit dem 2. November 2020 geschlossen. Bis März 2021wurde aufgebaut, getestet, der letzte Schliff angelegt.

Was dabei herausgekommen ist, kann sich sehen lassen. „Wir möchten bei jedem Besucher das Interesse an der parlamentarischen Demokratie wecken“, formuliert Baasner den Anspruch an die Ausstellung. Die Ausstellungsmacher nehmen die Herausforderung an, auch Sonntagsausflugsziel für Familien zu sein.

Anmeldung telefonisch oder per E-Mail

Geöffnet ist die Ausstellung bei freiem Eintritt dienstags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr (ab Oktober bis 18 Uhr; montags nur an Feiertagen). Eineinhalb Stunden kann man sich seit dem 1. Juni für einen Rundgang Zeit nehmen (10 bis 11.30 Uhr, 11.30 bis 13 Uhr, 13 bis 14.30 Uhr, 14.30 bis 16 Uhr, 16 bis 17.30 Uhr oder 17.30 bis 19 Uhr). Einzelbesucher und -besucherinnen können sich beim Ausstellungsbüro im Deutschen Dom  (werktags) – jeweils für den Folgetag und bis zu einer Woche im Voraus – telefonisch (030/227-30431/-30432) oder per E-Mail (historischeausstellung@bundestag.de) anmelden. Bei der Anmeldung müssen zur Nachverfolgung die Kontaktdaten (Vor- und Familienname, Anschrift, Telefonnummer und gegebenenfalls E-Mail-Adresse) angegeben werden. 

Der Nachweis eines aktuellen negativen Coronavirus-Testergebnisses ist nicht notwendig. Über weitere mögliche Maßnahmen wird im Rahmen einer fortlaufenden Risikobewertung entschieden werden. Aktuelle Informationen zu dem am Besuchstag aktuell geltenden Zugangsvoraussetzungen für den Deutschen Dom werden bekannt gegeben. Besucher der Parlamentshistorischen Ausstellung müssen eine FFP2-Atemschutzmaske (ohne Ausatemventil) tragen.

Der Teppich ist ausgerollt

330.000 Besucher haben 2019 die Ausstellung besucht. An diese Zahl will die Parlamentshistorische Ausstellung im Deutschen Dom anknüpfen und das große Interesse wieder bedienen. Schulklassen sollen nach den pandemiebedingten Einschränkungen wieder die Möglichkeit haben, an einem Schülerprojekt teilzunehmen.

Der Teppich für alle Bürgerinnen und Bürger, interessierten Besucherinnen und Besucher ist ausgerollt. (ll/25.05.2021)

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