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Experten: Soziale Situation ist ausschlag­gebend für Corona-Erkrankungsrisiko

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Wie stark die Menschen in Deutschland wirtschaftlich, sozial und gesundheitlich von der Corona-Pandemie betroffen sind, ist von ihrer sozialen und ökonomischen Situation abhängig. Diese Ansicht vertraten mehrere Sachverständige während einer öffentlichen Anhörung des vom Gesundheitsausschuss eingerichteten „Parlamentarischen Begleitgremiums Covid-19-Pandemie“ unter Vorsitz von Rudolf Henke (CDU/CSU) am Donnerstag, 17. Juni 2021

Krankenhausaufenthalte häufiger bei ALG-Beziehern

Laut Matthias Mohrmann, Mitglied des Vorstandes der AOK Rheinland/Hamburg, hätten etwa Arbeitslosengeld II-Bezieher doppelt so häufig wegen einer Coronaerkrankung ins Krankenhaus gemusst. Es gebe auch erhöhte Häufigkeiten bei Arbeitslosengeld I-Beziehern und Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten.

„Diese Erkenntnisse sind sehr deutlich, aber alles andere als überraschend“, sagte Mohrmann. Grundsätzlich gebe es bei soziökonomisch schlechter gestellten Menschen in vielen Bereichen einen schlechteren Gesundheitszustand und eine geringere Lebenserwartung. Der AOK-Vertreter forderte, die Gesundheitskompetenz speziell in dieser Gruppe zu stärken. Dafür brauche es niedrigschwellige Angebote.

Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit gefordert

Prof. Dr. Nico Dragano, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS), verwies darauf, dass höhere Erkrankungsrisiken und eine kürzere Lebenserwartung bei Menschen mit geringem Einkommen, geringer Bildung oder niedriger beruflicher Position für Deutschland, aber auch nahezu alle Länder weltweit, gut dokumentiert sei.

„Die Covid-19-Pandemie trifft also zum Teil auf eine Bevölkerung, die sowohl sozial als auch gesundheitlich benachteiligt ist“, sagte er. Nach derzeitigem Wissensstand sei davon auszugehen, dass sozioökonomisch benachteiligte Bevölkerungsgruppen in Deutschland insbesondere während der zweiten und dritten Pandemiewelle vergleichsweise höhere Inzidenzen und zudem schwerere Erkrankungsverläufe hatten. Die Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit müsse daher integraler Bestandteil des Pandemiemanagements sein.

Ruf nach „kluger und barrierefreie Digitalisierung“

Die wirtschaftlichen Folgen der Krise hätten überproportional die Menschen mit kleinem Einkommen getroffen, schätzte auch Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK Deutschland. Aber auch die psychosozialen Folgen seien in der Gesellschaft nicht gleich verteilt. „Kinder und Jugendliche litten schwer unter den monatelangen Schließungen der Schulen, Sportstätten und Freizeiteinrichtungen“, sagte Bentele.

Aus ihrer Sicht hat sich auch gezeigt, dass die Digitalkompetenz in Deutschland systematisch gestärkt werden muss. „Wir brauchen kluge und barrierefreie Digitalisierung“, forderte sie. Dabei dürften Menschen mit Behinderung nicht ausgeschlossen werden. Der VdK, so dessen Präsidentin, fordere seit langem verpflichtende Barrierefreiheit auch für alle privaten Anbieter von Gütern und Dienstleistungen. 

„Familien unter enormem Druck“

Kinder, Jugendliche und ihre Familien seien in der Krise vielfach alleine gelassen worden, kritisierte Alexander Nöhring vom Zukunftsforum Familie. Familien hätten unter enormem Druck und vor der unlösbaren Aufgabe gestanden, Erwerbsarbeit, Fürsorgearbeit und Homeschooling miteinander zu vereinbaren. Zunehmender ökonomischer Druck habe die Gefahr einer Überforderung vieler Familien noch erhöht.

Angesichts der langfristigen ökonomischen Herausforderungen, die durch die Corona-Pandemie auf Familien zukämen, sei es aus Sicht des Zukunftsforums Familie wichtig, die erleichterten Zugänge und verbesserten Anrechnungsmöglichkeiten beim Elterngeld und ElterngeldPlus, dem Kinderzuschlag sowie dem Arbeitslosengeld I und II dauerhaft beizubehalten. 

Covid-19-Pandemie wirkt wie „Brennglas“

Die Covid-19-Pandemie wirke wie ein „Brennglas“, befand Aline Zucco vom Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Die Krise habe die Vielschichtigkeit der bereits bestehenden Ungleichheiten offenbart. Dies gelte auch hinsichtlich der Einkommensungleichheit. Insbesondere Beschäftigte, die zuvor im Niedriglohnbereich tätig waren, seien nicht nur häufiger von Kurzarbeit betroffen gewesen, sondern hätten auch seltener eine Aufstockung durch ihre Arbeitgeber erfahren.

Zudem habe die Krise auch diejenigen getroffen, die nicht auf das Kurzarbeitergeld zurückgreifen können, weil sie vor der Krise nicht in einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, sondern selbstständig oder in einer geringfügigen Beschäftigung tätig waren. 

„Angebote auch in Pandemie nicht zurückfahren“

Dr. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), machte darauf aufmerksam, dass die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund große Probleme habe, an die Hilfsangebote – wie etwa die Impfung – heranzukommen. Wenn der öffentliche Gesundheitsdienst alle Kräfte auf die Kontaktnachverfolgung lenken muss, seien aufsuchende Hilfen nicht aufrechtzuerhalten, sagte sie. Das betreffe auch psychisch kranke Menschen – ebenso wie Kinder und Jugendliche.

Daher, so Teicherts Forderung, brauche es auch für Pandemien Vorhaltungen, „damit solche Angebote dann nicht zurückgefahren werden müssen“. 

Starker Anstieg psychischer Erkrankungen bei Kindern

Auf die Folgen des Lockdowns und der Schulschließungen für Kinder und Jugendliche ging Prof. Dr. Julian Schmitz, Kinder- und Jugendpsychotherapeut am Institut für Psychologie der Universität Leipzig, ein. Es habe einen starken Anstieg an Symptomen psychischer Erkrankungen gegeben, sagte er. Das Dramatische daran sei, dass es im Versorgungssystem keine Kapazitäten für diese Gruppe gebe.

„Es gibt eine ganz massive Erhöhung der Wartezeiten auf qualifizierte Behandlung“, sagte Schmitz. Bei künftigen Infektionslagen, so der Kinder- und Jugendpsychotherapeut, müssten die Schulen offenbleiben „so gut es eben geht“. 

Lebenszufriedenheit weiter gesunken

Dr. Theresa Entringer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verwies auf Studien, wonach die in Deutschland lebenden Menschen „nach wie vor sehr einsam waren und auch die Lebenszufriedenheit im Vergleich zum ersten Lockdown gesunken ist“. Die nächsten Monate würden zeigen, wie sich die Krise langfristig auf die Psyche der Bevölkerung auswirkt, sagte Entringer.

Sie hält eine engmaschige Beobachtung der Situation für notwendig. Präventiv wäre es ihrer Ansicht nach darüber hinaus schon jetzt sinnvoll, Konzepte zu erarbeiten, um sicherzustellen, „dass die in Deutschland lebenden Menschen in ausreichendem Umfang und möglichst einfach Zugang zu Psychotherapien erhalten“. 

Parlamentarisches Begleitgremium 

Die Bewältigung der Covid-19-Pandemie ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die zahlreiche gesundheitliche und soziale Fragen mit sich bringt. Um sich damit intensiver befassen zu können, hat der Gesundheitsausschuss das Parlamentarische Begleitgremium Covid-19-Pandemie eingerichtet. Ihm gehören 21 Mitglieder aus dem Gesundheitsausschuss, aber auch aus anderen Fachausschüssen an.

Sein Arbeitsbereich umfasst im Wesentlichen drei große Themenblöcke. Zunächst sind dies Fragen der Pandemiebekämpfung, wozu beispielsweise die Erforschung des Virus und seiner Mutationen, Chancen durch Digitalisierung sowie internationale Aspekte gehören. Der zweite Themenblock umfasst den Komplex der Impfungen, mit dem sowohl die Entwicklung und Zulassung von Impfstoffen als auch der Zugang zur Impfung und die damit verbundenen ethischen, sozialen und rechtlichen Aspekte gemeint sind. Schließlich sollen auch die gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie und der damit verbundenen Kontaktbeschränkungen in den Blick genommen werden.

Als Erkenntnisquelle dienen dem Begleitgremium öffentliche Anhörungen von Sachverständigen und Expertengespräche. Zudem wird die Bundesregierung das Gremium regelmäßig über das aktuelle Infektionsgeschehen und anlassbezogen zu aktuellen Fragen der Pandemiebekämpfung unterrichten. (hau/17.06.2021)

Zeit: Donnerstag, 17. Juni 2021, 10.30 Uhr bis 12 Uhr
Ort: Berlin, Paul-Löbe-Haus, Sitzungssaal E 300

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