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Experten in der Kiko: Klimaschutz ist Heimatschutz

„Unseren Kindern soll es einmal besser gehen.“ Seit 70 Jahren seien die heute lebenden Eltern die erste Generation, die diesen Wunsch nicht mehr erfüllen könne, sagte der Arzt, Buchautor und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen im öffentlichen Expertengespräch der Kinderkommission des Deutschen Bundestages (Kiko) zum Thema „Deutschland 2050 - Was erwartet die Kinder heute und morgen?“ am Mittwoch, 23. Juni 2021, unter Leitung von Charlotte Schneidewind-Hartnagel (Bündnis 90/Die Grünen).

Sachverständige zeichnen düsteres Bild

„Unsere Kinder werden es schlechter haben.“ Von Hirschhausen und der andere geladene Sachverständige, der Autor und Redakteur Toralf Staud, zeichneten angesichts des Klimawandels ein düsteres Bild von den Lebensbedingungen der kommenden Generationen. Es gebe kaum ein anderes Thema, das größere Auswirkungen auf das Wohl der Kinder habe als der Klimawandel, sagte Staud. Die Wissenschaft könne mittlerweile verlässlich vorhersagen, dass sich das Klima verändern werde - zum Nachteil der Lebens- und Arbeitsbedingungen künftiger Generationen.

Der durchschnittliche Temperaturanstieg gehe einher mit immer mehr Hitzetagen, es werde größere Wetterextreme geben. Das mache der Natur zu schaffen und setze zugleich der menschlichen Gesundheit zu. Eine exponentiell wachsende Borkenkäfer-Population werde heimischen Baumarten den Rest geben, 98 Prozent der Bäume seien schon heute geschädigt. „Wir werden ganze Gegenden ohne alte Bäume haben.“ Ebenso wie das Mehr an Hitzetagen stellten exotische Mückenarten eine gesundheitliche Gefahr dar, das tropische Dengue-Fieber überwintere in den zunehmend milden Wintern hierzulande in den Mücken.

„Klimawandel betrifft sämtliche Lebens- und Arbeitsbereiche“

Vom Klimawandel seien sämtliche Lebens- und Arbeitsbereiche betroffen, darunter die Landwirtschaft ebenso wie der Städtebau. Vom Alpenland bis zur Küste bekomme bei Hitze das Milchvieh Probleme. Heimische Sorten würden aussterben, Obstbauern im Alten Land an der Elbe hätten bereits mit dem Anbau von Aprikosen begonnen. Innerhalb der Städte werde es künftig genauso normal sein, sich im Sommer in öffentliche Kühlräume zu begeben, wie heute Obdachlose im Winter Wärmestuben aufsuchten. Manche Infrastrukturen wie die immer wieder von Starkregen betroffene Kanalisation könne man nicht komplett neu bauen. Dachgeschosswohnungen würden wegen der Hitze unbewohnbar.

Auch für Wirtschaft und Arbeitsleben bedeute ein ungebremster Klimawandel nichts Gutes, Arbeitsplätze in Deutschland würden unsicherer, wenn weltweit die Kaufkraft von Kunden wegen extremer Klimaereignisse schwinde. Extremwetter in anderen Ländern werde zudem den Lieferketten zusetzen. Bereits jetzt bringe Niedrigwasser im Rhein die Binnenschifffahrt in manchen Sommern zum Erliegen. Klimawandel sei das größte Risiko für die deutsche Wirtschaft, sagten Risikoanalysten. Hohe Ausgaben zur Anpassung an das Geschehen könnten sich viele Unternehmen nicht leisten. „Anpassung an die bestehenden Verhältnisse ist möglich“, zog Staud als Fazit. Aber das Leben der Kinder werde künftig nicht mehr so gut sein wie heute. „Sie werden viel Geld investieren müssen, um die Veränderungen erträglich zu machen.“

„Klimaschutz bedeutet Stabilität“

„Wenn wir wollen, dass Deutschland ein stabiles Land bleibt, dann müssen wir den Klimawandel begrenzen. Klimaschutz bedeutet Stabilität. Klimaschutz ist Heimatschutz“, sagte Staud. Auch von Hirschhausen mahnte eindringlich und mit zahlreichen Beispielen vor den negativen Folgen des Klimawandels für die Kinder und künftige Generationen. Er selbst habe das Thema früher unterschätzt, aber der Klimawandel mit seinem Temperaturanstieg sei eine Überlebensfrage der Menschheit. „In den nächsten zehn Jahren wird darüber entschieden, ob die nächsten 10.000 Jahre lebenswert für die Menschheit werden“, forderte er rasches Handeln.

Momentan sei der Mensch drauf und dran sich seiner natürlichen Lebensgrundlagen zu berauben, sagte der frühere Arzt für Kinderheilkunde und Erfolgsautor. „Alle früher gebräuchlichen analogen Fieberthermometer endeten bei 41 Grad, weil der menschlichen Körpertemperatur ein biologisches Limit gesetzt ist. Das Gehirn kann unter Hitze nichts lernen, ab 41 Grad beginnen die Proteine sich zu zersetzen.“ Naturgesetze seien nicht verhandelbar.

Von Hirschhausen: Wir fügen uns große Verluste zu

Von Hirschhausen verglich die Lage heute mit den Jahren seiner Kindheit. „Der Sommer war mal etwas, auf das man sich gefreut hat.“ Hitzetage und Schulfrei deswegen seien eher selten gewesen. 25 Grad um 10 Uhr vormittags mussten es dafür sein. Aber 30, 40 Jahre später? „Hitzefrei wird das neue Normal.“ Die Hitzewellen machten Älteren - aber auch Babys zu schaffen.

Ein Bad in der Ostsee sei auch nicht mehr das, was es mal gewesen sei, weite Teile des Meeres seien sauerstoffarm, ohne natürliche Fischbestände. Wenn er heute durch den Wald gehe, sehe er vier von fünf Bäumen krank. „Die Kapazität der Natur, CO2 aufzunehmen, haben wir zerstört.“ Wir fügten uns große Verluste zu. Dinge, die wir eigentlich jedem Kind für seine gute und natürlich Entwicklung zubilligten, seien nicht mehr so möglich. „Nämlich mit Entdeckerfreude in die Welt hinaus zu gehen - und sich nicht vor Hitze und Extremwetter im Keller verstecken zu müssen.“

Es passierten Dinge, die seien irreversibel. Man dürfe sich nicht der Illusion hingeben, wir könnten uns da technisch wieder herausholen. Ein unheimliches Ausmaß der Zerstörung sei mittlerweile erreicht. „Alle Vögel sind schon da stimmt schon lange nicht mehr. Weiße Weihnachten wird es nicht mehr geben. Luftverschmutzung schädigt Kinder in ihrem Gehirn bereits während der Schwangerschaft.“ Millionen Menschen würden wegen Naturkatastrophen aufgrund des Klimawandels weltweit gezwungen ihre Heimat zu verlassen. „Aber die Leute spielen weiter Golf, obwohl nebenan der Wald brennt.“

„Wenn wir das zerstören, sind wir selber die Gearschten.“

Corona sei ein Warnschuss und Weckruf gewesen. Und ein erster Preis, den wir für unser Verhalten zu zahlen hätten, dafür dass wir Wildtiere fangen und essen. „Wir müssen dringend den Wildtierhandel unterbrechen. Prävention kommt leider immer zu kurz.“ Dabei wäre das um so viel billiger als spätere Korrekturen und Reparaturen. „Aber es ist politisch offenbar unsexy eine Krankheit zu verhindern.“

„Wenn wir Menschen so viel schlauer sein wollen als die Affen, warum zerstören wir dann unser Zuhause“, fragte von Hirschhausen provokant. „Die Erde ist doch der einzige Ort im Universum weit und breit, an dem es Kaffee, Sex und Schokolade gibt.“ Bislang herrschten hier für den Menschen ideale Lebensbedingungen, es gebe erträgliche Temperaturen, eine Atmosphäre schütze vor schädlicher Strahlung. „Wenn wir das zerstören, sind wir selber die Gearschten.“

„Kinder spüren, dass irgendwas nicht mehr in Ordnung ist“

Die Kinder aber spürten, dass irgendwas nicht mehr in Ordnung sei. Für sie sei das eine psychische Bedrohung. Man diagnostiziere vermehrt Depressionen und Angststörungen. Die Kinder gehörten zu den Verletzlichsten in der Gesellschaft, die es nun zu schützen gelte. „Wir kommen in eine sehr unsichere Zeit. Alle Bereiche der menschlichen Existenz sind betroffen. Wir müssen jetzt darüber reden, wohin wir wollen.“ Es dürfe nicht sein, dass die Kinder von morgen all das ausbaden müssten, was vorige Generationen verursacht hätten.

Hirschhausen begrüßte das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, den Freiheitsbegriff auch als Freiheit für kommende Generationen zu begreifen, und dabei dem Klimaschutz eine wesentliche Bedeutung einzuräumen, als wegweisende Entscheidung. Er appellierte an die Politik, den Schulterschluss mit den jungen Menschen zu suchen und Rahmenbedingungen für gemeinsames Handeln zu schaffen. (ll/24.06.2021)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt, Buchautor und Kabarettist
  • Toralf Staud, Redakteur klimafakten.de und Autor „Deutschland 2050“

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