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Emilia Fester: Klimaschutz muss endlich Priorität eins bekommen

Emilia Fester steht auf einer Treppe. Sie trägt einen orangefarbenen Pullover und Jeans und lacht.

Emilia Fester ist die jüngste Abgeordnete im 20. Deutschen Bundestag.

© DBT/photothek/Xander Heinl

„Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“ sagt Emilia Fester selbstbewusst. Sie ist mit 23 Jahren die jüngste Angeordnete im 20. Deutschen Bundestag. Bevor Emilia Fester Politikerin wurde, war sie freischaffende Regieassistentin und Kulturschaffende. Sie zog für den Landesverband Hamburg von Bündnis 90/Die Grünen in den Bundestag ein. Was das Alter betrifft, führt sie die Liste der Unter-30-Jährigen im Parlament an. Von denen gibt es im aktuellen Bundestag gerade einmal 50 von 735 Abgeordneten – es sind trotzdem so viele wie in keiner Legislaturperiode zuvor. 

„Politik und Theater geben meinem Leben Sinn“

Emilia Fester entschied sich nach dem Abitur nicht für ein Studium, sondern erfüllte sich einen Traum, den sie schon als Schülerin hatte: Sie ging ans Theater und arbeitete als Regieassistentin am Deutschen Theater und am Jungen Schauspielhaus in Hamburg. Gleichzeitig begann sie sich bei der Grünen Jugend politisch zu engagieren. Sie sagt: „Politik und Theater sind zwei Bereiche, für die ich leidenschaftlich brenne. Die Politik gibt meinem Leben ebenso viel Sinn wie das Theater. Ich weiß, es gibt viel zu verändern in dieser Welt und daran möchte ich mich beteiligen.“

Als jüngste Bundestagsabgeordnete war Emilia Fester nach ihrer Wahl von den Medien so gefragt, wie kaum ein anderer neuer Abgeordneter oder eine andere Abgeordnete. Sie erinnert sich an die Zeit kurz nach der Bundestagswahl im September und Oktober 2021: „Die Presseanfragen, die mich täglich erreichten, konnte ich nur mit Mühe beantworten. Anfangs hatte ich noch kein eigenes Büro und weil ich als neue Abgeordnete nicht wusste, dass es Räume gibt, die Abgeordneten zur Verfügung stehen, saß ich einmal stundenlang in einer ein Quadratmeter großen Telefonzelle und habe ein Radiointerview nach dem anderen gegeben.“

Wirksame Klimapolitik ist großes persönliches Anliegen

Wenn Emilia Fester gefragt wird, welche Ziele sie als junge Abgeordnete verfolgt, muss sie nicht lange überlegen. Ihre Argumente: „Als junger Mensch muss ich mich für eine klimaneutrale Welt einsetzen und niemand sollte glauben, dass Politik für junge Menschen trivial ist. Unser Leben hängt in der gegenwärtigen Klimakrise ganz existenziell davon ab, welche politischen Entscheidungen wir treffen. Es sollte deshalb jeden in diesem Land interessieren, was Politiker tun, um den Klimawandel zu stoppen.“

Eine wirksame Klimapolitik ist für Emilia Fester ein riesiges persönliches Anliegen und deshalb, so sagt sie, blieb ihr eigentlich gar keine Wahl, als Politik zu ihrem Beruf zu machen. Das Engagement für eine nachhaltige Klimapolitik sei im Übrigen keine Frage des Alters, sondern eine Frage von gesundem Menschenverstand und Vernunft.

Als 14-Jährige gegen Atomkraftwerke demonstriert

Dass sie mit 23 Jahren den Einzug in den Deutschen Bundestag geschafft hatte, erfuhr sie am Morgen nach der Bundestagwahl gegen sieben Uhr. Realisiert hat sie den Wahlsieg erst, als sie den Plenarsaal zum ersten Mal als Bundestagsabgeordnete betrat und ihr klar wurde, dass sie kein Gast ist, sondern gewählte Parlamentarierin. „In manchen Momenten bin ich noch heute etwas ungläubig, dass ich im Bundestag an den großen politischen Entscheidungen des Landes beteiligt bin. Aber ich denke, es ist menschlich und ich vermute, das ging allen neuen Abgeordneten so, nicht nur der Jüngsten.“

Emilia Fester wurde bereits mit 17 Jahren Mitglied der Grünen Jugend. Warum, erklärt sie so: „Ich engagierte mich schon als Schülerin für den Tierschutz und auch der Naturschutz lag mir schon damals am Herzen. Mit 14 Jahren habe ich gemeinsam mit vielen anderen gegen Atomkraftwerke demonstriert – da waren die Grünen immer dabei, und deshalb wurde es 'meine' Partei.“ Nach einem Auslandsaufenthalt in Tansania stand für Emilia Fester fest, dass sie ihr politisches Engagement im Klima- und Naturschutz verstärken will, deshalb ist sie in die Grüne Jugend eingetreten.

Nach proaktiver Bewerbung auf Listenplatz drei

Es war ihr fester Entschluss, einen politischen Weg einzuschlagen. Vor der Bundestagswahl 2021 bewarbt sich Emilia Fester proaktiv auf einen Listenplatz in Hamburg und sie überzeugte auf Anhieb. Sie wurde auf Listenplatz drei gewählt, aber das war nur der erste Schritt, denn der Wahlkampf stand noch bevor.

„Ich engagiere mich immer mit Volldampf, wenn ich ein Ziel erreichen will. Erst in der Kultur und nun in der Politik. Wie heißt es: Politik ist der Spiegel der Gesellschaft. Ich vertrete die junge Generation, weil sich ihre Zukunft im politischen Spiegel abbilden soll. Was heute im Bundestag entschieden wird, betrifft die junge Generation noch sehr lange. Junge Menschen brauchen gute Perspektiven und ich meine, dass deren Interessen in den vergangenen Legislativen nicht optimal vertreten wurden, es gab einfach zu wenig junge Abgeordnete“, sagt die Grünen-Politikerin. 

Perspektiven für Kultur und Kunst 

Emilia Fester hat neben Klimawandel und Naturschutz weitere Themen, die sie thematisieren will. Ihre Eltern sind ebenfalls Kulturschaffende. Deshalb weiß sie genau, wie schwierig und dramatisch die Coronapandemie für viele Freiberufler war und bis heute ist. Ihr ist wichtig, sich als Bundestagsabgeordnete für solo-selbstständige Künstler einzusetzen, damit Kultur und Kunst wieder eine Perspektive bekommen. Dass viele Kulturschaffende wegen der Pandemie keine Auftrittsmöglichkeiten mehr hatten, erfuhr sie im Wahlkampf immer wieder aus erster Hand, wenn sie mit Betroffenen darüber ins Gespräch kam, denn sie und ihr Team waren schon ab Oktober 2020 im Wahlkampf-Modus.

Emilia Fester erzählt: „Wir waren auf Social Media sehr aktiv und haben über Instagram und YouTube enorm viele Wähler erreicht, der Wahlkampfstand ist ja nicht unbedingt eine Variante, mit der man viele junge Leute ansprechen kann. Wir waren durch Corona leider etwas eingeschränkt, aber im Wahlkampf-Sommer konnten wir viele junge Menschen auch auf Veranstaltungen überzeugen.“

Glücklich, einer Regierungspartei anzugehören

Seit sie Bundestagsabgeordnete ist, hat sich in ihrem Leben so ziemlich alles verändert und das betrifft nicht nur die Herausforderungen in der Politik, denen sie sich stellen muss. Sie sagt: „Ich pendele zwischen zwei Wohnorten und dieses neue Zuhause-Gefühl in Berlin war anfangs noch sehr neu, aber es hat sich eingespielt und es kann ein schönes Fifty-Fifty-Gefühl werden.“

Emilia Fester ist angekommen in der Bundespolitik und wird als jüngste Abgeordnete noch viele Entscheidungen treffen, die die Politik Deutschlands bestimmen. Dass sie einer Regierungspartei angehört, darüber ist sie besonders glücklich, auch wenn das Farbenspiel Grün-Rot-Rot ihr Favorit war. „Nach 16 Jahren mehr oder weniger Stillstand in der Klimapolitik bin ich sehr froh, dass jetzt die Klimafrage endlich Priorität eins bekommt.“ Außerdem würde sie gern daran arbeiten, dass Förderstrukturen in Kunst, Kultur und zivilem Engagement endlich dauerhafter werden. 

Adoptionsrecht für „Regenbogenfamilien“

Im Familienausschuss, dem Emilia Fester als ordentliches Mitglied angehört, ist sie froh, dass es inzwischen gelungen sei, dass homosexuelle verheiratete Paare Kinder adoptieren dürfen. „Ich setze mich aber weiter dafür ein, dass Regenbogenfamilien generell bessere Voraussetzungen für Adoptionen abseits der “klassischen„ Ehe bekommen und dass auch bunt gemischten Familien die Anerkennung der Elternschaft offensteht, wie sie der Queer-Beauftragte der Regierung, Sven Lehmann (Bündnis90/Die Grünen), fordert“, sagt Emilia Fester und fügt an: „Im 21. Jahrhundert sollte das selbstverständlich sein.“ Außerdem sei sie froh, dass es mit der FDP endlich möglich sein wird, dass sich für Frauen beim Paragraph 219a etwas bewegt.

Wahlalter ab 16 – oder jünger 

Als jüngste Abgeordnete plädiert Emilia Fester für ein Wahlalter ab 16 oder sogar noch jünger. Sie ist der Ansicht, dass alle jungen Menschen, die wählen wollen, auch die Möglichkeit dazu erhalten sollten. „Das Wahlalter ab 16 ist ein guter erster Schritt, um die Debatte anzustoßen, für mich ist das aber nicht das Ende vom Lied. Junge Menschen sind nämlich sehr wohl in der Lage, sich eine politische Meinung zu bilden und verantwortungsvoll zu entscheiden.“

Im Plenum hat Emilia Fester am 17. März 2022 erstmals gesprochen und sie hatte Lampenfieber auf eine positive Art und Weise. „Ich habe am Theater so oft auf der Bühne gestanden, dass ich nicht mehr ausgeflippt bin vor Nervosität. Trotzdem war die erste Rede im Plenum etwas Großes, an das ich mich sicher lange erinnern werde.“ (bsl/12.04.2022)

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