Kultur

Scharfe Kritik an der Leitung der Documenta in Kassel

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) und alle Bundestagsfraktionen haben im Zusammenhang mit dem Antisemitismus-Skandal bei der „documenta 15“ in Kassel schwere Vorwürfe gegen die Planung und Durchführung der Kunstausstellung erhoben. Die kuratorische Arbeit sei nicht geleistet worden, sagte Roth am Mittwoch, 6. Juli 2022, in einer öffentlichen Sitzung des Kulturausschusses mit Blick auf das Werk „People’s Justice“ des indonesischen Kunstkollektivs Taring Padi. Sie werde immer die Freiheit der Kunst verteidigen, aber die Grenzen der Kunstfreiheit seien überschritten worden, sagte Roth.

Die Kulturstaatsministerin warf der Leitung der documenta „Wortbruch“ vor. Diese habe zugesagt, dass Antisemitismus keinen Platz auf der Kunstausstellung habe und dass es dazu auch nicht kommen werde. Auch alle Fraktionen, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden Daniel Botmann sowie die hessische Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen) kritisierten die Ausstellung des Werkes und antisemitische Tendenzen auf der Documenta. Ade Darmawan, Mitglied des kuratierenden Kollektivs Ruangrupa, entschuldigte sich für den durch die Ausstellung „verursachten Schmerz“. Es sei nicht die Absicht gewesen, Antisemitismus zu verbreiten. Zugleich warb er für Verständnis für andere historische Erfahrungen und ein anderes kuratorisches Verständnis seines Kollektivs.

Warnungen im Vorfeld ignoriert

Scharfe Kritik wurde in der Ausschusssitzung an Kassels Oberbürgermeister und Documenta-Aufsichtsratsvorsitzenden Christian Geselle (SPD) geübt, der der Einladung in den Ausschuss nicht gefolgt war. Dies sei „skandalös“, befand Gitta Connemann (CDU/CSU). Erhard Grundl (Bündnis 90/Die Grünen) bezeichnete es als eine „grobe Missachtung“ des entstandenen Schadens, dass Geselle nicht erschienen sei. Dieser hatte wegen Haushaltsberatungen in Kassel abgesagt. Krankheitsbedingt nahm auch die Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann nicht an der Ausschusssitzung teil.

Daniel Botmann machte Geselle und Schormann namentlich verantwortlich für den Antisemitismus-Skandal. Alle Warnungen im Vorfeld der Documenta seien ignoriert worden. Auf der Kunstausstellung sei „Judenhass in reinster Form“ präsentiert worden. Aber niemand übernehme dafür die Verantwortung, monierte Botmann. Es sei „eine Zumutung“, dass Schormann noch immer im Amt sei. Botmann betonte, dass es aber nicht nur um ein antisemitisches Bild ginge. Auf der Documenta würden auch andere antisemitische Werke wie die Bilderserie „Guarnica Gaza“ gezeigt. Zudem sei die Documenta wie auch andere Kultureinrichtungen in Deutschland stark von der antisemitischen BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) beeinflusst, die Israel international isolieren wolle. Darunter litten auch jüdische und israelische Künstler. Die BDS-Bewegung agiere sehr erfolgreich.

Ade Darmawan warb im Ausschuss um Verständnis. Das Werk „People’s Justice“ sei vor 20 Jahren in Indonesien entstanden. Dort habe man nicht die Erfahrung des Antisemitismus wie in Deutschland gemacht. Die im Bild gelesene antisemitische Bildsprache sei bereits im 18. Jahrhundert von den niederländischen Kolonialherren nach Indonesien gebracht worden und dort vor allem auf die chinesische Bevölkerungsminderheit übertragen worden. Die indonesische Bildsprache sei von völlig anderen historischen Erfahrungen geprägt als in Deutschland. Darmawan verwies zudem auf ein anderes kuratorisches Verständnis seines Kollektivs. Dies sei „nicht autoritär“, sondern verstehe sich „kollektivistisch“. Entscheidungen würden gemeinsam getroffen. Er habe sich nicht vorstellen können, dass dies zu solchen Problemen führen werde. Zugleich wies er den Vorwurf eines Boykott israelischer Künstler zurück. Die Documenta zeige sowohl israelische als auch jüdische Künstler, die auf eigenen Wunsch aber nicht genannt werden wollten.

Forderung nach einer Reform der Strukturen

Marc Jongen (AfD) sprach von einem „Skandal mit Ansage“. Verantwortlich sei nicht zuletzt der von Kulturstaatsministerin Roth geförderte postkolonialistische Ansatz. Diese „Ideologie“ sei bereits in ihrem Kern antisemitisch. Diesen Vorwurf wiesen Helge Lindh (SPD) und Jan Korte (Die Linke) zurück. Der Fall der Documenta müsse genau untersucht werden, dies könne aber nicht das Ende der Aufarbeitung des Kolonialismus bedeuten, sagte Lindh. Korte wiederum führte aus, es sei eine Lebenslüge der Bundesrepublik, dass man den Antisemitismus nach 1945 überwunden habe und verwies auf die nationalsozialistische Verstrickungen von Verantwortlichen der Documenta wie Werner Haftmann in den frühen Jahren nach ihrer Gründung 1955.

Anikó Merten (FDP) argumentierte, der Antisemitismus-Skandal sei das Produkt mangelhafter Strukturen der Documenta, die keine Transparenz zuließen. Die hessische Kunstministerin Dorn unterstützte die Forderung nach einer Reform der Strukturen. Dies werde auch Thema einer Sondersitzung des Documenta-Aufsichtsrates werden. (aw/06.07.2022)

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