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Expertin: Armut ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen

Ein Kind sitzt in einer Grünfläche vor einem Hochhaus.

Die Gründe für Kinderarmut waren Thema eines Expertengesprächs in der Kinderkommission des Bundestages.

© picture alliance / ZB | Thomas Eisenhuth

Kinderarmut ist in Deutschland ein gesamtgesellschaftliches, strukturelles Problem, und nicht selbstverschuldet, waren sich die Sachverständigen in einem öffentlichen Expertengespräch der Kommission zur Wahrnehmung der Belange der Kinder (Kinderkommission, Kiko) am Mittwoch, 12. Oktober 2022, zum Thema „Kinderarmut und strukturelle Faktoren“ einig. Armut habe beträchtliche Auswirkungen auf Gesundheit und Entwicklungschancen der Heranwachsenden. Nötig seien: eine verbesserte Wissensgrundlage über Kinderarmut, ein Ausbau der finanziellen Hilfe, hochwertige Bildungsangebote und ein Zusammenwirken aller Akteure aus einem Guss.

Kinderarmut als strukturelles Problem

„Kinderarmut ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland“, sagte Anette Stein von der Bertelsmann Stiftung. „2,8 Millionen Kinder in Deutschland wachsen in Armut auf – jedes fünfte Kind.“ So die Zahlen von 2020. Während der Pandemie habe sich die Lage vermutlich verschlechtert, „obwohl die Politik in den letzten Jahren viel getan hat“. Das führe vor Augen, dass man es mit einem strukturellen Problem zu habe.

Für zwei Drittel der Kinder sei Armut ein Dauerzustand. Besonders hoch sei die Kinderarmut in Städten, besonders betroffen von Armut seien Kinder in alleinerziehenden und Mehrkind-Familien. Armut schränke Kinder in ihrer Entwicklung ein: Von Armut betroffene Kinder hätten eine schlechtere materielle Ausstattung, bekämen eine schlechtere Ernährung, hätten eine schlechtere Gesundheit und auch schlechtere Chancen im Bildungssystem. Eine Kindheit in Armut habe gravierende Folgen für die individuelle Entwicklung und die ganze Gesellschaft.

Neues „Teilhabegeld“ vorgeschlagen

„Wir haben bislang in Deutschland keine Datengrundlage darüber, was Kinder zum Aufwachsen brauchen“, bemängelte Stein. Um ein „gutes Aufwachsen und faire Bildungs- und Teilhabechancen für alle Kinder“ zu erreichen, müsse die Datenbasis über die Bedarfe von jungen Menschen verbessert werden. „Daten sind Grundlage für eine kind- und jugendgerechte Politik.“

Außerdem brauche es eine neue finanzielle Leistung für Kinder und Jugendliche in Form eines „Teilhabegeldes“ anstelle der bisherigen Leistungen wie die SGB-II-Regelsätze für Kinder oder Kindergeld. Sie plädierte jedoch dafür, den Kinderfreibetrag beizubehalten, um die Grundlogik im Steuerrecht, jedem Menschen ein Existenzminimum zu gewähren, nicht zu beschädigen. Ein neues Teilhabegeld werde dazu beitragen, Armut bei Kindern zu vermeiden und das Armutsrisiko von Millionen Kindern verringern.

Und schließlich komme es auf eine gute Infrastruktur vor Ort an. In den Kommunen müssten „Präventionsketten und vertrauensvolle Anlaufstellen für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern“ geschaffen werden, die unbürokratische Beratung und Unterstützung aus einer Hand böten.

Kinderarmut im ländlichen Raum

Wie stark „ungünstige Gelegenheitsstrukturen“ und die speziellen Mobilitätserfordernisse im ländlichen Raum Kinderarmut begünstigten, unterstrich Dr. Andreas Klärner vom Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen des Thünen-Instituts. Der ländliche Raum, in dem über die Hälfte der Bevölkerung lebe, weise mit 17,5 Prozent eine hohe Armutsquote auf. Für Grundbedürfnisse wie den Weg zur Arbeit, zur Kita, in die Schule, zum Arzt oder zum Einkaufen benötige man dort viel längere Wege, die überwiegend mit dem Auto zurückgelegt würden. Das belaste als zusätzlicher Kostenfaktor das Familieneinkommen oder stehe vielen gar nicht zur Verfügung, die dann auf einen schlecht ausgebauten ÖPNV angewiesen seien.

„Weite Wege belasten besonders Alleinerziehende bei der zeitlichen Alltagsorganisation“, zögen Stress und ein vermehrtes Ruhebedürfnis bei den Erziehungsberechtigten nach sich, was sich sowohl auf die Kinder auswirke als auch auf die beruflichen Chancen der Erwachsenen. Leider müsse man auch eine hohe Rate „sozialer Reproduktion von Armut“ feststellen. So hätten Kinder aus Familien, deren Eltern im Niedriglohnsektor beschäftigt und für die Heranwachsenden ohne Vorbildfunktion seien, ein hohes Risiko, selbst in Armutslagen zu geraten. „Armut ist vor allem ein Mangel an Perspektiven, das eigene Leben gestalten zu können“, so das Ergebnis im Rahmen eigener Forschung geführter Interviews mit Betroffenen, berichtete Klärner.

Forderung nach mehr Forschung

Das Problem der Kinderarmut in ländlichen Räumen sei leider ein bislang in der Forschung vernachlässigtes Thema und verdiene auch in Politik und Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit. Man habe noch ein unvollständiges Wissen darüber, wie Armut die Betroffenen in ihrem Alltag beeinträchtige. Positiv könne man vermerken, dass eine „wohlfahrtsstaatliche Auseinandersetzung mit dem Thema“ stattfinde. Der Ansatz der Bundesregierung, Eltern in Erwerbstätigkeit zu bringen, gehe in die richtige Richtung.

Darüber hinaus seien alle Maßnahmen wichtig, die darauf zielten, das Familieneinkommen zu erhöhen, vor allem Alleinerziehende in Arbeit zu bringen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erhöhen sowie ein verlässliches Ganztagsschulangebot.

Expertin: Hilfe so früh wie möglich ansetzen

„Armut und soziale Ungleichheit sind ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und nicht selbst verschuldet“, gab Steffi Schünemann von der Arbeiterwohlfahrt Sachsen-Anhalt zu bedenken. Sie resultierten aus strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen. Je länger und je kumulierter die Probleme aufträten, desto gravierender seien die Folgen. Gesellschaft sowie Bund, Länder und Kommunen seien gemeinsam in der Pflicht, um durch Armut verursachte Chancenungleichheit zu verhindern und für alle gleichwertige Lebensverhältnisse und Teilhabechancen zu gewährleisten. Sie präsentierte die Ergebnisse einer Langzeitstudie zur Kinder- und Jugendarmut, in der Entwicklungspunkte im Lebenslauf von Kindern seit 1997 untersucht wurden.

Neben der Kindergrundsicherung müssten Bund, Länder und Kommunen ein qualitativ hochwertiges Bildungssystem sicherstellen, forderte sie. Wenn es an „sensiblen Übergangsphasen“ zwischen Kita, Schule und Ausbildung eine starke soziale Infrastruktur und funktionierende soziale Netz gebe, stiegen die Chancen der Kinder und Jugendlichen, der Armut zu entkommen. Eltern und Kinder müssten von der Schwangerschaft bis zum Berufseintritt, insbesondere bei Übergängen begleitet werden. Dabei müssten die Hilfen so früh wie möglich ansetzen, eine Schlüsselrolle spielten Kindertageseinrichtungen sowie ein qualitativ hochwertiges Bildungs- und Erziehungssystem. Schünemann warb insbesondere für den Erhalt einer Bundesfinanzierung der Sprachfachkräfte in den Kitas. Jugend brauche zudem die „außerschulischen Erfahrungsräume“ einer „offenen Jugendarbeit“.

Mehr Prävention gefordert

Insgesamt müssten Gesellschaft und Politik „weg von der Reaktion auf Symptome und Defizite, hin zur Prävention mittels aktiver, vernetzter Steuerung und Gestaltung“. Gebraucht werde eine „integrierte Gesamtstrategie, die Unterstützungsangebote verbindet und entlang der Lebensphasen aufeinander abstimmt“.

Dabei sei die „Kommune der Ort, an dem Armut direkt begegnet wird“. Dort gelte es den „Aufbau von  Präventionsketten“ zu fördern. Ort der „strategischen Koordination und Förderung des Aufbaus einer armutspräventiven Infrastruktur in den Kommunen“ sei die Landesebene. Auf Bundesebene müssten „planbare, dauerhafte und verlässliche Rahmenbedingungen“ gestaltet sowie bundeseinheitliche Standards im Sinne der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse geschaffen werden. Kinder- und familienpolitische Leistungen müssten als einkommensabhängige Kindergrundsicherung reformiert und entbürokratisiert werden. (ll/12.10.2022)

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