Ernährung

Delegation des Landwirt­schaftsausschusses besucht die Grüne Woche

Eine Gruppe von Menschen steht in einem Halbrund um Hermann Färber, der ein Mikrofon in der Hand und Cem Özdemir anspricht

Der Rundgang des Agrarausschusses führte die Mitglieder des Gremiums unter Leitung des Ausschussvorsitzenden Hermann Färber (links) in die Halle des Landwirtschaftsministeriums zu Bundesminister Cem Özdemir (rechts). (DBT/Thomas Koehler/photothek)

Umbau der Landwirtschaft, das heißt mehr Tierwohl, mehr Bio-Essen, mehr Flächen für ökologischen Anbau. Eine Delegation des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft hat sich am Montag, 23. Januar 2023, bei einem Rundgang auf der Internationalen Grünen Woche über den Stand der Entwicklung in der Branche informiert.

Die Messe behandelt in diesem Jahr die Themen Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Ernährungssicherheit als Schwerpunkte, deshalb geht die rund 50-köpfige Gruppe am Montagmorgen erst einmal zum Stand von Bioland. Dort empfangen Peter Röhrig, geschäftsführender Vorstand beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dem Spitzenverband landwirtschaftlicher Erzeuger, Verarbeiter und Händler ökologischer Lebensmittel in Deutschland, und Hubert Heigl, BÖLW-Vorstand, die Parlamentarier. Röhrig erklärt, wie sich Biolebensmittel in den letzten 20 Jahren von einem „Nischenprodukt“ zu einem Lebensmittel für breite Verbraucherschichten entwickelt hätten. Längst böten auch die großen Lebensmittel-Discounter diese Nahrungsmittel an. Hermann Färber (CDU/CSU), Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft, goss mit der Frage, wie sich die Absatzzahlen für Ökolebensmittel in den letzten Monaten denn entwickelt hätten, ein wenig Wasser in den Wein.

Gesamtumsatz von 15 Milliarden Euro

Gehörten die Öko-Lebensmittelproduzenten ganz klar zu den Gewinnern der Corona-Krise, weil mehr Menschen zuhause Mahlzeiten zubereiteten und mehr Geld für Lebensmittel ausgaben, sah das im Jahr 2022 schon wieder anders aus. Röhrig betonte, dass die Gesamtumsätze in der Branche für Bio-Produkte im Jahr 2022 bei rund 15 Milliarden Euro lagen, das sei zwar ein Rückgang im Vergleich zu 2021 gewesen, liege jedoch immer noch um 2,7 Milliarden Euro über dem Niveau von 2019, dem Jahr vor der Corona-Pandemie.

Ende des Jahres hatte eine Untersuchung des Deutschen Bauernverbandes ergeben, dass der Öko-Markt im Jahr 2022 um 4,1 Prozent gesunken sei, was der erste Rückgang in der Branche überhaupt gewesen sei. Röhrig sieht darin jedoch keinen allgemeinen Trend, sondern eher das Resultat des Krisen-Jahres 2022 mit dem Ukraine-Krieg und der allgemein gestiegenen Unsicherheit der Bürger.

1400 Stände

Abgeordnete stehen bei einem Gruppenfoto zusammen.

Die Mitglieder des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft gemeinsam mit Agrarminister Cem Özdemir bei ihrem Besuch auf der Grünen Woche. (DBT/Thomas Koehler/photothek)

An diesem Montagmorgen sind die Messehallen schon gut gefüllt, auffällig viele Schulklassen informieren sich an den insgesamt 1400 Ständen. Nach drei Jahren findet die weltweit größte Lebensmittelmesse erstmals wieder mit Ausstellern und Publikum statt, wenn auch unter stark veränderten Vorzeichen im Gegensatz zu 2020. Standen damals die monatelangen Bauernproteste und das Insektensterben im Vordergrund, sind es heute der Krieg in der Ukraine und die rasant steigenden Preise für Landwirte und Verbraucher. Dabei hat sich die Branche die Transformation der Landwirtschaft zum Ziel gesetzt, etliche Beispiele dafür sind in den Berliner Messehallen sichtbar.

Wie beispielsweise die Firma Klim. Das Agritech-Unternehmen fördert Methoden der Regenerativen Landwirtschaft. „Gemeinsam mit Bauern und Verbrauchern wollen wir die Landwirtschaft zu einem Element des Klimaschutzes machen“, sagt Robert Gerlach, CEO bei Klim. Die Landwirtschaft sei für ein Viertel des ausgestoßenen Kohlendioxids (CO2) verantwortlich. Klim zeigt den Landwirten, wie CO2 in den Boden zurückgeführt und dort gespeichert werden könne. Da vielen Landwirten die Erfahrung fehle, vernetze das 2020 gegründete Start-up die Landwirte auf einer digitalen Plattform und biete dort Wissen zum regenerativen Anbau von Getreide, Obst oder sogar Wein. Um auch Verbraucher darauf aufmerksam zu machen, wurde ein Produktsiegel entwickelt, das die Bauern finanziell unterstütze. 

Konzentration auf den Anbau von Zwischenfrüchten

Landwirt Tino Ryll aus dem Fläming in Brandenburg berichtete dem Ausschuss über seine Erfahrungen, die er mit Klim gemacht habe. Bereits seit 2017 habe er Regenerative Landwirtschaft ausprobiert. „Ich habe mich voll auf den Anbau von Zwischenfrüchten konzentriert, damit ist der Anteil der Pflanzenschutzmittel gesunken und der Wasseranteil im Boden gestiegen“, sagte Ryll. Den Gebrauch von Glyphosat habe er komplett eingestellt. Glyphosat gilt als das meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel der Welt und steht im Verdacht, Krebs auszulösen. Die Europäische Kommission hat die Zulassung von Glyphosat bis zum 15. Dezember 2023 verlängert. Ziel der Bundesregierung sei jedoch, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erheblich zu reduzieren. In den nächsten Monaten soll dazu ein Programm vorgelegt werden. 

Auch die Gemeinschaftsverpflegung, also die Versorgung mit Mahlzeiten in Kita, Schule, Mensa, Kantine, Krankenhaus oder Pflegeheim, ist Teil des Veränderungsprozesses. „Die Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellen Programme für eine gesundheitsfördernde und nachhaltige Ernährung in Kita, Schule, Klinik und Co. zusammen“, sagte Anja Löckener vom Projekt Gemeinschaftsverpflegung bei der DGE. Auch dort geht der Trend hin zu weniger Fleisch und mehr pflanzlichen Produkten.  

Verzehr von rund 38.000 Tonnen Wildfleisch im Jahr

Peggy Schierenbeck (SPD), betonte, wie wichtig eine gesundheitsfördernde und nachhaltigere Gemeinschaftsverpflegung sei. Für Kinder und Jugendliche bedeute eine ausgewogene Ernährung auch Chancengleichheit. Deshalb sei die Initiative der DGE zu begrüßen. Ziel müsse es sein, „Gesundheits- und Klimaschutz im Verpflegungsangebot zu verbinden“, sagte Schierenbeck. 
Eher traditionell war der Empfang der Delegation beim Deutschen Jagdverband (DJV). „Ihr spielt für uns den Jägermarsch Nummer drei“, erkannte Agrarausschuss-Vorsitzender Hermann Färber die Melodie, die zwei Jägerinnen und ein Jäger spielten. Bei Hirsch- und Wildschweinhäppchen tauschten sich die Fraktionen mit DJV-Präsident Dr. Volker Böhning aus.

Stephan Protschka (AfD) plädierte für die Steigerung des Fleischkonsums von Wild. Das Fleisch sei eiweißhaltig und könne regional erzeugt werden. Laut Angaben des DJV werden in Deutschland jährlich rund 38.000 Tonnen Wildfleisch verzehrt. „Da ist noch Luft nach oben“, hieß es aus der Delegation.

„Beim Deutschen Bauernverband brodelt es“

Beim Deutschen Bauernverband (DBV) „brodelt es“, hatte Bauernpräsident Joachim Rukwied bei Eröffnung der Grünen Woche am vergangenen Freitag gesagt. Vor allem die Ankündigungen des Bundeslandwirtschaftsministers Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), bis 2030 rund 30 Prozent der hiesigen Agrarflächen ökologisch zu bewirtschaften, stoßen beim DBV auf Kritik.

Zusammen mit Bernhard Krüsken, Generalsekretär des DBV, begrüßte Rukwied die Agrar-Politiker des Bundestages. Während Hermann Färber für die CDU/CSU-Fraktion klarstellte, dass zur Landwirtschaft auch in Zukunft Tiere gehören würden, gehen einigen in der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen die Pläne von Minister Özdemir nicht weit genug. Obmann Karl Bär unterstrich, dass das von der Bundesregierung vorgelegte Gesetz für eine Tierhaltungskennzeichnung als erster Schritt in einen weiterreichenden Umbau der Tierhaltung angesehen werden sollte. „Die Zahlen der Nutztiere müssen deutlich reduziert werden“, sagte Bär.

Gesetz für ein staatliches Tierhaltungslabel

SPD-Obfrau Susanne Mittag forderte die Verbände auf, sich an der Gesetzgebung für ein staatliches Tierhaltungslabel „reichlich zu beteiligen“. Es gehe um einen weitreichenden Transformationsprozess, an dem möglichst viele Akteure konstruktiv mitwirken sollten.
Dr. Gero Hocker (FDP), stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses, betonte: „Meine Partei ist nicht das Sandkorn im Getriebe, für das die FDP in dieser Debatte von einigen hingestellt wird.“ Er ist sich sicher, dass über finanzielle Unterstützung beim Stallumbau die bereits zugesagte eine Milliarde Euro für vier Jahre nicht „das letzte Angebot“ sei. 

In der Lounge der Halle 23

Joachim Rukwied erinnerte die Parlamentarier daran, dass bereits vor Jahren wissenschaftliche Berechnungen ergeben hätten, dass vier Milliarden Euro pro Jahr für den Umbau der Tierhaltung nötig seien. „Das Gesetz muss ein Erfolg für das Tierwohl werden“, sagte der Bauernpräsident zum Abschied.

Deutlich milder fielen die Worte von Bundesagrarminister Özdemir aus. Er begrüßte die Delegation in der Lounge der Halle 23, wo sich sein Ministerium als ökologisch, verbraucherorientiert, klimafreundlich und international vorstellte. Der Minister betonte, er sei offen für den Dialog mit allen Beteiligten, schließlich gelte auch für ihn „das Strucksche Gesetz“, wonach kein Entwurf den Bundestag so verlasse, wie ihn die Regierung eingereicht habe. Jedoch stellte Özdemir klar, dass er diejenigen, die zwar vordergründig so täten, als seien sie bereit zu verhandeln, aber doch alles so lassen wollten, wie es ist, „nicht berücksichtigen“ werde. Auch auf internationaler Ebene habe er seine Pläne bereits vorgestellt und werde sich auch in Europa für eine Tierhaltungskennzeichnung einsetzen. Zudem wolle er die Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern intensivieren. Auf der Messe habe er bereits mit seinen Amtskollegen aus Kenia und aus Marokko gesprochen. „Die Ernährungssicherheit wird uns in diesem Jahrzehnt noch sehr intensiv beschäftigen“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir. (nki/23.01.2023)

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