Kinderkommission

Experte: Eltern müssen sich Fragen der Internet­sicher­heit zuwenden

Jugendliche beim Computerspiel vor Bildschirmen

Die Kinderkommission befasste sich mit dem Thema „Gefahren von Chatfunktionen in Online-Spielen“. (© picture alliance / Rupert Oberhäuser | Rupert Oberhäuser)

So früh wie möglich im Kindesalter sollten vor allem Eltern sich der Frage der Internetsicherheit ihrer Heranwachsenden zuwenden, empfahl der Cybercrime-Spezialist Dirk Beerhenke, Kriminalhauptkommissar a.D., der Polizei Nordrhein-Westfalen im öffentlichen Fachgespräch der Kinderkommission des Deutschen Bundestages (Kiko) am Mittwoch, 1. März 2023, zum Thema „Gefahren von Chatfunktionen in Online-Spielen“. Kleinkinder sammelten heute als digital natives bereits im Alter von zwei erste Erfahrungen mit Endgeräten wie Tablets, beispielsweise mit Bilderbuchdateien, noch ohne mit dem Netz verbunden zu sein. Mit der schrittweisen Ausweitung ihres Aktionsradius gelte es entsprechend zur analogen Welt die Kinder auf ihrem Weg in die Digitalität zu begleiten und Regeln für alle möglichen Nutzungen und Situationen aufzustellen.

Steigende Kriminalitätszahlen im Internet

Mit der Entwicklung des Internets und immer neuer Anwendungen seien auch die Kriminalitätszahlen immer weiter gestiegen, sagte Beerhenke. Computerspiele erhielten Chatfunktionen, über die die Spieler sich heute per Text, Ton und Bild ganz selbstverständlich austauschen. Diese offenen Plattformen nutzten leider Pädophile als Einfallstor für den Erstkontakt mit ihren minderjährigen Opfern, bevor sie sich mit diesen dann auf anderen Kanälen verabredeten. Neben den auf den eigenen Geräten genutzten Inhalten müsse man unbedingt bedenken, dass die Kinder etwa bei Freunden oder Nachbarn auch über andere Geräte Zugang zu gefährlichen Funktionen oder Inhalten bekommen könnten.

Die Täter träten bewusst freundlich und emphatisch auf. Die Kinder seien eine besonders schwache und verletzliche Opfergruppe: „Die Kids stellen sich zunächst nicht Schlimmes vor, probieren sich aus, lassen Kommunikation zu, antworten auf Anfragen, geben etwas von sich preis.“ Bislang sei er in jeder Schulklasse, für die er ein Cyberpräventionstraining gemacht habe, auf Opfer gestoßen. Auf die Frage, wer schon mal Nacktbilder von sich versendet habe, seien neulich in einer siebten Klasse alle Finge hochgegangen. Leider ließen sich die Kinder auch schnell zu Treffen überreden.

Rolle der Prävention

Gegenüber ihrer schwachen Opfergruppe mache die Täter ihr ungesunder Trieb mächtig, in ihren Communities im Darknet bestärkten diese sich gegenseitig in ihrem Handeln. Hilfe, die auch diese Menschen bräuchten, müsse ansetzen, bevor sie Straftaten begingen, forderte Beerhenke. „Auch die Täter werden nicht genug versorgt.“ Wenn sich dadurch auch nur ein Fall eines Übergriffs vermeiden lasse, machten Therapieangebote bereits Sinn. Männern, die sich zum Sex mit Kindern hingezogen fühlten, müsse Gelegenheit gegeben werden, sich in Form einer medizinischen Therapie Hilfe zu holen, „ohne den Druck der Strafverfolgung. Sonst melden die sich nicht.“ Dazu brauche es speziell geschultes Personal außerhalb der Polizei, beispielsweise in einer Einrichtung des Bundes, schlug der Cyberexperte vor.

Einhundertprozentigen Schutz gebe es nicht, aber man müsse mehr tun. Die Kinder würden bei ihren Schritten in die digitale Welt nicht genügend positiv unterstützt und versorgt, stellte Beerhenke fest. Unwissen, Überforderung und Desinteresse hindere viele Eltern daran, die Geräte der Kinder sicher einzurichten. Und die Bildungseinrichtungen verfügten über zu wenig Personal. Die Eltern müssten gerade am Anfang massiv Zeit einplanen, um gemeinsam mit den Kindern den richtigen Umgang mit Internetangeboten zu erlernen und Vorkehrungen gegen die Gefahren der Cyberwelt zu treffen, beispielsweise „in das Handy gucken, nicht die ganzen Nachrichten lesen, sondern nach den Kontakten fragen: Wer ist der Franz? Aha der Nachbar.“

Schule fällt Schlüsselrolle zu

Auch die Schule spiele eine Schlüsselrolle, weil über diese Institution alle Kinder erreicht werden könnten. Hier sei der Ort, um Medienkompetenz zu vermitteln, medien- und Sozialpädagogen seien hinzuzuziehen. Ideal sei es, wenn sich in Schule und Nachbarschaftsheimen, am besten schon in der Kita, Allianzen zwischen Eltern und Erziehern bildeten, und sich zusätzlich ältere Schüler, als „Medienscouts“, um die jüngeren kümmerten. Auf gute persönliche Kontakte komme es an. Elternabende und Elternfortbildungen müssten angeboten werden. Und nicht zuletzt sollten die Erwachsenen mit gutem Beispiel vorangehen. Egal ob am Arbeitsplatz oder zu Hause: IT-Sicherheit müsse Chefsache sein. Und wenn die Dinge heikel würden, bräuchten die Jugendlichen leicht erreichbare Ansprechpartner, an die sich wenden könnten.

Die Mitglieder der Kinderkommission zeigten sich entschlossen, die Erkenntnisse der Sitzung umzusetzen, sie im politischen Prozess weiter zu verfolgen und den zuständigen Stellen zugänglich zu machen. Die sechsköpfige Kinderkommission ist ein Unterausschuss des Familienausschusses. Sie vertritt die Interessen von Kindern und Jugendlichen im Parlament. (ll/01.03.2023)

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