Parlament

Lesung mit Autorin Marlen Hobrack zu Klassenfragen und Aufstiegs-Erfahrungen

Marlen Hobrack, links und Bundestagspräsidentin Bärbel Bas während der Autorenlesung des Buches Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (rechts) stellte Marlen Hobracks Buch „Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet“ vor. (DBT / Heinl / photothek)

Drei Jahre lang ist Marlen Hobrack während ihrer Jugend nicht zur Schule gegangen. Im sächsischen Bautzen geboren ist sie in einem „bildungsfernen Haushalt“ aufgewachsen. In der Schule wurde sie gemobbt. Eines Tages entschied sie sich, nicht mehr hinzugehen. Von ihrer Familienbiografie handelt Hobracks Buch „Klassenbeste. Wie Herkunft unsere Gesellschaft spaltet“. Am Dienstag, 9. Mai 2023, stellte die Autorin und Journalistin ihr Werk bei einer Lesung im Deutschen Bundestag vor, las einige Passagen vor und diskutierte mit den Anwesenden über ihre eigene Biografie, aber auch darüber, was es heißt, zur Arbeiterklasse zu gehören, warum Rechtspopulismus in Ostdeutschland auf offene Ohren stößt und was Bildungspolitik leisten sollte.

Bas: Herkunft legt das Fundament für unser Leben

„Herkunft legt das Fundament für unser Leben, kann Gemeinschaft schaffen oder Menschen ausschließen“, sagte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas in ihren einleitenden Worten. Vor sich hat sie eine Ausgabe des Buches liegen, viele Stellen sind durch bunte Zettel markiert. Die SPD-Politikerin ist ebenfalls in einer Arbeiterfamilie groß geworden und hat ähnliches wie Hobrack erlebt: „Auch ich wollte immer dazu gehören.“ Noch immer hänge der Bildungserfolg von Kindern viel zu sehr von glücklichen Zufällen oder individuellen Förderern ab, kritisierte Bas.

Auch Hobrack hatte eine solche „stille Heldin“, wie sie schreibt. Letztendlich habe zwar der Wunsch zu studieren sie zurück in die Schule gebracht, doch ohne die Unterstützung ihrer Mutter wäre ihr Bildungsweg wohl erneut unterbrochen worden oder zu Ende gewesen. Denn kurz nachdem sie wieder den Unterricht besucht, wird sie mit 19 Jahren schwanger. Sie möchte durch ihr Buch verdeutlichen, wie sehr das persönliche Umfeld, aber auch die Gesellschaft die eigene Biografie prägen.

Aus der Arbeiterklasse in die Mittelschicht

Hobracks Familiengeschichte ist eine vom „bescheidenen Aufstieg“. Es ist nicht die ganz große Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär. Es ist die Geschichte von einer Frau, die es aus der Arbeiterklasse in die Mittelschicht geschafft hat. Oder besser gesagt von zwei Frauen, denn Hobracks Mutter spielt die zentrale Rolle in ihrem Buch, erzählt die Autorin. Auch an diesem Abend ist die Biografie ihrer 67-Jährigen Mutter im Fokus. Viele Ausführungen zur Arbeiterklasse würden Männer in den Fokus nehmen und Arbeiterfrauen in der Gesellschaft dadurch „doppelt unsichtbar“ machen, sagte Hobrack. Es fehle an Erzählungen darüber, „wie sich eine Arbeiterin als Subjekt fühlt“.

Hobracks Mutter wächst wie ihre Tochter in Ostdeutschland auf. Nach der neunten Klasse muss sie die Schule verlassen, weil „ein Lehrlingsgehalt höher ist als Kindergeld“, erzählte Hobrack. Ihre Mutter arbeitet unter anderem als Fleischfachverkäuferin. Dass sie während der Wiedervereinigung in einem Gefängnis als Sachbearbeiterin beschäftigt ist, stellt sich laut Hobrack für die Familie als glücklicher Zufalls heraus: Ihre Mutter wird dadurch automatisch verbeamtet. Trotzdem lebt die Familie Hobrack zeitweise in Armut. Nach der Trennung vom Vater, muss ihre Mutter die Kinder alleine durchbringen.

Hobrack: Mehr Wertschätzung und Entlohnung

Ebenso wie ihre zwei Geschwister hat Hobrack studiert. Dennoch sei es ihr wichtig zu betonen, dass das Ziel nicht darin liege könne, dass künftig jeder studieren müsse. Vielmehr müsse Arbeit wieder höhere Wertschätzung und Entlohnung erhalten. Zur gesellschaftlichen Gerechtigkeit gehöre allerdings noch mehr: Gerade bei der Diskussion um ein höheres Rentenalter muss laut Hobrack  beachtet werden, dass dies für Arbeiter etwas anderes bedeutet als für Menschen mit klassischem Bürojob. Insgesamt 55 Jahre habe Hobracks Mutter beispielsweise gearbeitet. „Eine Mutter, die bis zur Erschöpfung für den Bildungsaufstieg ihrer Kinder kämpft“ resümierte Bas und bedankte sich bei Hobrack dafür, dass diese so offen über ihre Biografie schreibt und spricht.

Was ihre Mutter von dem Buch halte, möchte ein Zuhörer am Ende der Lesung wissen. Anfangs sei sie gekränkt gewesen, dass Hobrack von einem bildungsfernen Elternhaus schreibt, doch mittlerweile sei sie stolz. Ihre Mutter wäre selbst nie auf die Idee gekommen, dass ihr Lebensweg irgendjemanden interessieren könnte. (des/10.05.2023)

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