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Nach dem Bundespräsidenten ist er der höchste Repräsentant der deutschen Demokratie: Der Bundestagspräsident – protokollarisch der „zweite Mann im Staate“. Mag seine politische Macht auch begrenzt sein, so genießt sein Amt doch höchstes Ansehen. Sein Wort hat in der Öffentlichkeit Gewicht. In unserer Serie stellen wir die zehn Männer und zwei Frauen an der Spitze des deutschen Parlaments vor. Hier: Prof. Dr. Karl Carstens, sechster Bundestagspräsident vom 14. Dezember 1976 bis zum 31. Mai 1979.

Vom Parlamentsneuling zum Bundespräsidenten

Er ist der einzige deutsche Politiker, der vom „zweiten zum ersten Mann im Staate“ aufsteigt: Karl Carstens (CDU). Als er das Amt des Bundestagspräsidenten an seinem 62. Geburtstag antritt, hat der Staatsrechtsprofessor bereits eine rasante politische Karriere hinter sich: 1972 wurde Carstens erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt, schon ein Jahr später führte der Parlamentsnovize die Unionsfraktion.

Als Präsident des Deutschen Bundestages bemüht sich Carstens vor allem um eine Reform der parlamentarischen Geschäftsordnung. Zweieinhalb Jahre später ertönt jedoch schon ein neuer Ruf: Am 1. Juli 1979 wird Carstens Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.

Klassenprimus und Artillerie-Ausbilder

Carl Carstens wird am 14. Dezember 1914 in Bremen geboren. Sein Vater, ein Studienrat, fällt noch vor der Geburt seines Sohnes im Ersten Weltkrieg. Trotz bescheidener Verhältnisse ermöglicht die Mutter Carstens eine gute Bildung. Der Junge ist stets Klassenbester. Nach dem Abitur beginnt er Jura und politische Wissenschaft in Frankfurt zu studieren, wechselt aber mehrfach die Universitäten, nach eigenen Angaben unter anderem auch, um Pressionen durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Carstens studiert in Dijon, München und Königsberg. Seine Examina absolviert er schließlich in Hamburg, wo er auch 1937 promoviert.

Aus Furcht vor einer Nicht-Zulassung zum Assessorexamen, tritt Carstens 1937 in die NSDAP ein. Im Zweiten Weltkrieg dient er ab 1940 in einem Flak-Abteilungsstab überwiegend in Bremen. Von 1943 bis Kriegsende ist Carstens, inzwischen Leutnant, Ausbilder bei einer Flak-Artilleriegruppe in Berlin-Heiligensee. Dort heiratet er Ende 1944 Veronica Prior, damals Rotkreuzschwester im Lazarettdienst.

Anwalt, Staatsrechtsprofessor und Europaexperte

Nach Kriegsende, im Mai 1945, lässt sich Carstens als Rechtsanwalt in Bremen nieder, wechselt jedoch bald zu einer renommierten Anwaltssozietät. Zwischen 1945 und 1947 arbeitet er außerdem als juristische Hilfskraft beim Bremischen Senator für Justiz und Verfassung. Er gilt als ehrgeizig und fleißig und erhält 1948 ein Jahresstipendium für die US-amerikanische Elite-Universität Yale.

1949 wird er als Bevollmächtigter Bremens beim Bund nach Bonn geschickt. 1954 wird Carstens ständiger Vertreter der Bundesrepublik beim Europarat in Straßburg. Neben dieser Tätigkeit hat er 1952 begonnen, an der Kölner Universität als Privatdozent Staatsrecht und Völkerrecht zu lehren. Dort habilitiert sich Carstens 1954 mit einer Arbeit über „Grundgedanken der amerikanischen Verfassung und ihre Verwirklichung“.

Die Beschäftigung mit europäischen Themen führt dazu, dass Carstens 1955 als Experte für Europafragen ins Auswärtige Amt berufen wird. Dort unterstützt er als zuverlässiger Mitstreiter Adenauers die (west-)europäische Integration, die Wiederbewaffnung und die Nato-Mitgliedschaft. 1960 wird er Leiter des Instituts für Recht der Europäischen Gemeinschaften.

Vertreter des Außenministers und Kanzleramtsminister

Auf seinen Eintritt in die CDU 1955 folgt eine steile Karriere. Es sind vor allem Sachkenntnis, Leistungswille und Disziplin, die den Aufstieg beschleunigen: Als Seiteneinsteiger wird er 1960 zum zweiten Staatssekretär im Auswärtigen Amt unter Heinrich von Brentano ernannt, 1961 dann schon zum ständigen Stellvertreter von Bundesaußenminister Gerhard Schröder. 

Nach der Bildung der Großen Koalition 1966 wechselt Carstens als Staatssekretär ins Bundesverteidigungsministerium, 1968 wird er unter Kurt Georg Kiesinger Chef des Bundeskanzleramts.

Vom Parlamentsneuling zum Oppositionschef

In Yale hatte Carstens nicht nur den Master of Laws und exzellente Englischkenntnisse erworben, er hatte auch das amerikanische Modell der mehrgleisigen Karriere im wissenschaftlichen wie im politischen Bereich kennengelernt. Als im Herbst 1969 die Große Koalition zerbricht, gelingt ihm der fliegende Wechsel von der Politik zurück in die Wissenschaft: 1970 wird Carstens Leiter des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Doch schon 1972 zieht es ihn wieder in die Politik: Er erringt über die CDU-Landesliste Schleswig-Holstein und 1976 als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Ostholstein einen Sitz im Deutschen Bundestag – sein erstes Mandat. Schnell erwirbt sich Carstens als Mitglied im Auswärtigen Ausschuss Ansehen.

Seine große politische Chance kommt, als Rainer Barzel als Unionsfraktionschef im Mai 1973 nicht wieder antritt. Carstens stellt sich zur Wahl und gewinnt – gegen Gerhard Schröder und Richard von Weizsäcker. Als neuer Fraktionsvorsitzender erregt er Aufsehen nicht nur durch seine entschieden konservative Haltung - sondern auch durch polemische Attacken auf den politischen Gegner.

Zweiter und erster Mann im Staat

Als die Union nach der Bundestagswahl 1976 stärkste Fraktion wird, kann sie den Bundestagspräsidenten stellen: Karl Carstens wird an die Spitze des Deutschen Bundestags gewählt und übernimmt am 14. Dezember 1976 die Amtsgeschäfte von seiner Vorgängerin Annemarie Renger (SPD).

Doch lange währt seine Amtszeit nicht: Als im Januar 1979 die Wahl des neuen Bundespräsidenten bevorsteht, schlägt die Union – gegen den Widerstand von SPD und FDP – Carstens für das höchste Staatsamt vor. Doch auch außerhalb des Parlaments wird Kritik laut: Es ist vor allem Carstens‘ frühere NSDAP-Mitgliedschaft, die ihm in einer Pressekampagne vorgehalten wird. Trotz dieses Gegenwindes wird er am 23. Mai 1979 im Alter von 64 Jahren zum Bundespräsidenten gewählt.

„Der Wanderpräsident“

Mit der Wahl von Carstens zum Bundespräsidenten soll für CDU und CSU ein Signal für eine politische Wende in Bonn ausgehen. In seinen Reden als Staatsoberhaupt betont er Werte wie Pflichtbewusstsein, Leistungswillen und Disziplin, spricht oft von Heimat und Nation. Doch der von machen befürchtete Rechtsruck bleibt aus. Mit Carstens verbindet man auch die verfassungsrechtlichen Bedenken des Bundespräsidenten gegen eine Auslösung des Deutschen Bundestages nach der „unechten“ Vertrauensfrage von Helmut Kohl im Dezember 1982.

Carstens beweist Würde, Stil und politisches Fingerspitzengefühl. Auch sucht er bewusst den direkten Kontakt zur Bevölkerung: Auf seinen Wanderungen durch die Bundesrepublik legt er insgesamt rund 1.500 Kilometer zurück und lässt sich dabei gern von Bürgern begleiten.

„Prägende Persönlichkeit“

Nach fünf Jahren im Amt strebt Carstens wegen seines Alters keine zweite Amtszeit an. Nach der Wahl von Weizsäckers im Mai 1984 zum neuen Bundespräsidenten zieht er sich 69-jährig betont aus dem politischen Rampenlicht zurück. Der Träger des Karlspreises der Stadt Aachen, Ehrensenator der Universität Bonn und mehrfache Ehrendoktor widmet sich aber Buchprojekten sowie der Fördergemeinschaft „Natur und Medizin“, die er zusammen mit seiner Frau 1983 gegründet hat.

Am 30. Mai 1992 stirbt Carstens im Alter von 77 Jahren. Sein politischer Weggefährte und Altbundeskanzler Helmut Kohl nannte ihn „eine der prägendsten Persönlichkeiten der Bundesrepublik“. (sas/28.08.2017)

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