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Aus der Erzählung „Der Ausflug zum Schwanensee“

Reif lag auf den Bäumen zu beiden Seiten der Landstraße. Die Felder waren wie festgefroren. Ein Windstoß wirbelte Eisnadeln vom Wegrand auf, sie stichelten in der Luft. Alles war kalt. Eine Krähe, erhob sich mit schwerem Flügelschlag in das harte Graublau. Verschwommen und ohne Wärme hing die Sonne über einem Scheunendach. An der Regenrinne darunter bildete der Rauhreif kleine Schlingen.

War ich zu einem Begräbnis unterwegs?

(…)

Warum fuhr ich eigentlich dorthin? Alles war doch ganz anders und meine verspätete Angst auf jeden Fall sinnlos.

(…)

Schnurgerade führte die Straße durch einen gemischten Wald. Wenn das Auto herabhängende Zweige streifte, fielen Reifflöckchen leicht klirrend auf das Wagendach. Dann gab es wieder Flachland zu beiden Seiten, Buschwerk, Birken, vereinzelte Baumgruppen. So also sah es hier aus. Eine harmlose, freundliche Gegend.

„Jetzt müssen wir bald nach rechts abbiegen“, sagte der Mann am Steuer, und der neben ihm holte eine Karte hervor. „Noch etwa fünfhundert Meter“, meinte er nach einer Weile, „dann Richtung Lychen. Oranienburg-Sachsenhausen haben wir schon vorhin passiert.“

(…)

Wir bogen nach rechts ab.

Dort, wo sich das asphaltgraue Band der Landstraße gabelte, stand ein Denkmal. Ein paar dünne Gestalten, Röcke an den steckenähnlichen Beinen. Frauen. Aber unter ihren Kitteln gab es keine Rundung, in der festgehaltenen Bewegung keine Weichheit. Frauen mit kahlgeschorenen Köpfen, mit viel zu tief eingefallenen Augen und mit einer erbärmlichen Tragbahre in den mageren Händen, auf der etwas lag. Etwas Flaches, Unwahrscheinliches. Ein gewesener Mensch. Zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück stand auf einem grauen Täfelchen darunter, aus dessen Mitte rot das Dreieck der politischen Häftlinge leuchtete. Rubinrot, wie die Lippenstifte …

Ich hätte Blumen mitbringen sollen. Oder sonst irgend etwas.

Auf dem Hang zur linken Seite standen solide, gut erhaltene Ein- und Zweifamilienhäuser. Vorgärtchen, Garten, dunkles Fachwerk.

„Hier haben sie gewohnt“, sagte der Mann am Lenkrad, „die Schweine von der SS.“

(…)

Der Wagen blieb stehen, wir drei stiegen aus. Es war sehr ruhig ringsum und kalt. (…)

Ich blickte mich um. Kiesbestreute Wege, Blumenbeete. Wo war das Lager? Mich fröstelte. Ein wuchtiger Steinblock, in den ein paar tröstliche Sätze von Anna Seghers eingemeißelt sind. Mahn- und Gedenkstätte, ja doch, aber wo war das Lager? Ich sah nur zwei niedrige, graue Steingebäude, länglich hingestreckt. Auf das erste strebten wir zu. Aber das war gar nicht das erste, das war das allerletzte, das Lagerkrematorium.

 (…)wir gingen … auf das andere Gebäude zu.

„Sie befinden sich nun an der eigentlichen Mahn- und Gedenkstätte, die hier, im ehemaligen Strafbau, untergebracht ist.“

Ich fuhr herum. Den hageren Alten, der plötzlich hinter uns stand - Lodenmantel, Schaftstiefel, Knotenstock - , hatte keiner von uns kommen gehört.

„Wünschen Sie eine Führung?“ fragte er höflich. Nein, wir wünschen gar nichts an dieser Stelle zwischen dem ehemaligen Krematorium und dem ehemaligen Strafbau. Ich musste das Bild sehen, sonst nichts. Wohl hatte man alle Türen aus den Angeln gehoben und entfernt, wir bewegten uns frei von einer Zelle in die andere. Dennoch. Kann sich ein Mensch je frei von einer Zelle in die andere bewegen?

(…)

Da stand ich mit einemmal vor einem weißen Blatt Papier, das ein paar Ziffern enthielt. Was sollte ich mit ihnen anfangen? Sie waren zu vielstellig, zu nichtssagend in ihrer Unvorstellbarkeit.

Ein Mensch. Das ist ein jeder von uns, ein Mensch - das heißt leben. Zwei Menschen, das sind du und ich. Ich liebe dich, und du liebst mich, zwei Menschen sind schon unsagbar viel. Drei Menschen, das ist bereits ein Wunder: Vater und Mutter und ihr erstes Kind. Vier Menschen, das sind die Nachbarn von nebenan, die richtige Familie. Fünf Menschen, sechs Menschen, zehn. Zehn Frauen sitzen im Wartezimmer eines Entbindungsheims. Zehn Menschen, bald werden es zwanzig sein. Das alles ist wirklich, das alles gibt es.

Zweiundneunzigtausend Frauen sind in Ravensbrück ums Leben gekommen.

„Kannst du dir das vorstellen …“ Ich fasste den Mann am Arm.

Er (…) sagte leise: „Alle Einwohner einer mittelgroßen Stadt.“

Einer mittelgroßen Stadt. Aber keine Straßenbahn klingelt dort mehr, kein Auto fährt durch ihre Straßen. Aus den Schornsteinen der Fabriken quillt kein Rauch. In den Bäckereien werden die Brote hart, in den Parkanlagen welken die Blumen. Man erkennt nicht, wo die Schule ist, kein Laut dringt aus den großen Fenstern. Im Theater liegt der Taktstock unberührt auf dem Dirigentenpult, Ballettschuhe baumeln nutzlos in der Garderobe hinter den Kulissen. Niemand kauft das Brautkleid aus dem Schaufenster auf dem Hauptplatz, niemand flüstert auf der Uferböschung des Flusses zärtlichen Unsinn. (…)

Aus zehn Menschen können zwanzig werden. Drei Menschen sind ein Wunder, zwei Menschen sind schon unsagbar viel, ein Mensch, das heißt leben.

Zweiundneunzigtausend Frauen wurden in Ravensbrück umgebracht, stand auf dem weißen Blatt Papier vor mir.

(…)

Gefangene Frauen mussten in Ravensbrück Häftlingskluft für gefangene Männer weben. Sie mussten auch Pelzfäustlinge nähen, für die Ostfront. Zehntausend Stück. Staub und Haare in der Luft, Tuberkulose. Hunderttausend Stück. Manchmal starben hier hundert Frauen an einem Tag. Das Krematorium arbeitete ohne Unterbrechung. Die Asche wurde in den See gestreut. In den See, auf dem die Schwäne lautlos von einem Ufer zum anderen segeln und nur dann und wann ihren schlanken Hals beugen, um einen silbrig glänzenden Fisch zu schnappen. Er soll voll von fetten Fischen sein, der schöne Schwedtsee zwischen Fürstenberg  und Ravensbrück.

Man muss sich nicht alles vorstellen können.

Die Hunde der SS in diesem Lager durften nur knappe Futterrationen bekommen, um scharf zu bleiben. So scharf, dass sie keinerlei Anhänglichkeit empfinden konnten, selbst für ihren Herrn nicht. Weich sein heißt schwach sein. Wer schwach ist, kann nicht siegen.

Etwas Ähnliches galt auch für die Aufseherinnen, für die SS weiblichen Geschlechts. Ihre Fotos hingen vor mir. Auch sie wurden, wie die Hunde, an diesem unwahrscheinlichen Ort kurz gehalten und jeden Monat von neuem instruiert, dass jeglicher menschliche Kontakt verboten war. Nicht nur mit den Häftlingen, jeglicher menschliche Kontakt schlechthin.

(…)

Über eine schmale Eisentreppe gelangten wir hinunter, ins Erdgeschoss. Bei der letzten Stufe stand der Alte im Lodenmantel, mit dem Knotenstock in der Hand und den schwarzen Schaftstiefeln an den Füßen.

„Sie betreten jetzt die eigentliche Gedenkstätte“, sagte er mit eintöniger Stimme. „Jedes Land hat hier für seine Heldinnen und Märtyrerinnen …“

Er soll still sein. Soll er doch bitte still sein!

Namen. Holland und das schmale, wissende Kindergesicht der Anne Frank. Belgien. Manche Namen klingen bekannt, manche sind es. Dänemark, Frankreich, Norwegen. Zögernd, immer langsamer betrat ich eine Zelle nach der anderen. In jeder hing an der Stirnwand eine Flagge in den Farben des betreffenden Landes, in jeder gab es Namen. In Stein eingemeißelt, zu langen Verzeichnissen zusammengestellt. Sie sahen hier völlig anders aus als sonst im Leben. Tot, als ob auch sie gestorben wären. Als ob sie nie mit Mühe und rührender Sorgfalt auf das Schildchen des ersten Schulheftes gemalt worden wären. (…) An Wohnungstüren standen die Namen dieser Frauen und Mädchen, auf Briefumschlägen mit guten und bösen Nachrichten. Und auf dem Haftbefehl.

Nun waren sie alle tot. Die Namen, zu Verzeichnissen erstarrt, mit Blumen geehrt und von strengen Fahnen bewacht. Hörst du mich noch? Ne m’oublie pas! Nicht weinen, Marie.

Nicht weinen.

(…)

Österreich stand über der nächsten Zellentür. Das ernste, verschlossene Gesicht einer Ordensschwester blickte mich an. Maria Benedicta Restituta. Zum Tode verurteilt, umgebracht. Neben, über und unter ihr fröhliche Mädchen im Dirndl, Studentinnen, Hausfrauen. Dazwischen eine Zeichnung. Von dieser Frau mit den starken Brillengläsern war wohl nicht einmal ein Foto übriggeblieben. Ich schaute nach dem Namen. Anna Peczenik. Und musste mich schnell an der Wand festhalten.

Die Anni ist eine phantastische Frau. So wie die Anni müsstest du einmal sein.

Sie war als Emigrantin nach Prag gekommen, da Hitler als „Befreier“ nach Wien kam, und wo sie auftauchte, verdrehte sie jungen Männern den Kopf. Schon damals trug sie eine dicke Brille, aber merkwürdigerweise störte das gar nicht. Ihr gleichmäßiges Gesicht verlor dadurch nichts von seinem herben Reiz. Sie war ein wenig älter als ich und von Beruf Krankenschwester.

Die Samstagabende pflegten wir in jener Zeit im Hause eines befreundeten Ehepaares zu verbringen.

(…)

Als wir einmal an der Scheide zwischen Nacht und Tag endlich aufbrachen und uns im klirrenden Frost vor dem Haus schnell gegenseitig verabschieden wollten, bemerkte die Anni: „Nächste Woche müsst ihr mir alle den Daumen halten. Da werde ich schon unterwegs nach Frankreich sein. Ihr wisst doch, dass ich Krankenschwester bin. Bei den Interbrigaden in Spanien gibt es fast keine gelernten Schwestern.“

Dann habe ich lange nichts von ihr gehört. Nur dass sie den Krieg in Spanien überlebt hatte, wusste ich.

(…)

Nun stand ich vor der Zeichnung einer älteren, strengen, völlig freudlosen Frau. Eine Mitgefangene hatte sie wohl aus dem Gedächtnis nachgebildet.

„Denk dir, diese Frau habe ich gut gekannt“, sagte ich zu dem Mann, der an seiner Pfeife nagend hinter mir stand. „War ein bildhübsches Mädchen und hat in Prag viele Männer verrückt gemacht. Kann man sich schwer vorstellen, wenn man diese Zeichnung sieht, nicht?“

Er nickte zerstreut. Dann sagte er still: „Nebenan ist die tschechoslowakische Abteilung“, legte mir für einen Augenblick die Hand auf die Schulter und ließ mich allein hinübergehen.

(…)

Wo war das Bild?

Vor meinen Augen.

Ein schlanker Hals, ein Mädchengesicht im Profil. Eine stumpfe Nase, kräftig geschwungene Augenbrauen. Schwermütige Augen, aber auf dem Bild lächeln sie. Über dem glatten dunklen Haar ein lässig im Nacken geknotetes Tüchlein. Meine kleine Schwester.

„… hat im Lager an allen politischen Aktionen teilgenommen. 1942 nach Auschwitz deportiert, von wo sie nicht zurückgekommen ist.“

1942, als sie nach Auschwitz deportiert wurde, von wo sie nicht zurückgekommen ist, war sie noch keine einundzwanzig Jahre alt. Da hatte sie aber schon fast zwei Jahre hinter sich, in denen sie bei jedem Schellen an der Wohnungstür zusammenfahren musste und nicht mehr ruhig schlafen konnte. Was rings um sie geschah, war so ungeheuerlich, so menschenfeindlich, dass sie, um überhaupt atmen und unter diesen schlimmsten Umständen in sich frei bleiben zu können, einfach etwas tun musste. Ein halbes Jahr lang wurde sie, als das Unglück über sie hereinbrach, im Gestapogefängnis auf dem Prager Karlsplatz geprügelt. (…) Ein Jahr verbrachte sie dann hier, im Frauenlager Ravensbrück. Wann ist sie jung gewesen? Hat ihr das Leben dazu überhaupt ein bisschen Zeit vergönnt? Warum war es so geizig zu meiner kleinen Schwester?

Wie war der Tag, an dem sie dich hierhergebracht haben? Schien die Sonne am Himmel, hat es geregnet oder geschneit? Konntest du den See sehen, mit den alten Bäumen ringsum und den Schwänen, die still von Ufer zu Ufer ziehen? Hast du an unsere Mutter gedacht oder an deinen Liebsten, den sie noch vor dir geholt und gehängt haben? Oder war schon alles tot und ausgebrannt in dir?

(…)

Jetzt stand ich hier vor diesem Bild. Ist Mutter vor dir gestorben oder du vor ihr? Ich weiß es nicht, denn als man euch aus Prag fortbrachte, saß ich in Paris in einem Gefängnis (…).

(…)

Bald zwanzig Jahre sind inzwischen nach dem Krieg vergangen. Eine lange Zeit. Lang genug, habe ich gedacht. Aber nun stand ich hier, und vor mir war das Bild, und ich konnte nicht fortschauen, und ich konnte nicht fortgehen und nichts zu Ende denken. So oft schon musste ich tapfer sein und war es. Was blieb mir auch anderes übrig? Sooft man mir gesagt hat, ich müsse dies oder jenes begreifen. Immer, vielleicht zu oft, habe ich es versucht. Aber nun, da ich hier war und das Bild gefunden hatte, das Bild meiner kleinen Schwester, von dem ich so lange gewusst und das ich so lange nicht gekannt hatte, nun stand ich fassungslos und konnte gar nichts begreifen. Für manches im Leben sind zwanzig Jahre überhaupt keine Zeit. Zweiundneunzigtausend Frauen sind aus Ravensbrück nicht mehr zurückgekommen. Wie soll man sich so etwas vorstellen können?

Aber eine von den zweiundneunzigtausend Frauen, eine einzige von ihnen, hat ihre Kinderhand vertrauensvoll in meine geschoben, einer einzigen habe ich heimlich, damit Mutter nicht schimpfte, alle abgerissenen Knöpfe so gut es ging wieder angenäht. Nur eine hat mir eines Abends leise gesagt: „Du, ich glaube, ich habe mich verliebt.“ Eine war meine kleine Schwester.

(…)

Hinter dieser grauen Mauer hing das Bild. Nun wusste ich es, nun hatte ich es selbst gesehen. Ein Lächeln. Lächelnde Augen. Ein lächelnder Mädchenmund. Das Bild meiner kleinen Schwester, die nie mehr älter wird.

(…)

Unter dem Wagen floss die Straße dahin, ein glattes, graues Band. Links glänzte das Wasser, rechts standen in kleinen Gärten mit vorsorglich verhüllten Obstbäumen und Blumenbeeten die Ein- und Zweifamilienhäuser. Über den Schwanensee, der auf der Landkarte als Schwedtsee zu finden ist, und den die Havel mit Berlin verbindet, pflegten Dampfer mit Material nach Ravensbrück zu fahren. Am Landungssteg warteten die Frauen. Keine Lastautos und keine Zugpferde, die gefangenen Frauen. Sie schleppten Ziegel, Koks und Briketts an Land. Trugen Säcke mit Sand und weißem Betonpulver auf dem Rücken, bauten Stunde um Stunde, Tag um Tag die hübschen Häuser der SS. Rissen sich die Hände an Kanalisationsrohren wund, fügten die einzelnen Teile dieser Rohre mit ihren bloßen Händen zusammen, schichteten Ziegel auf Ziegel. Wohnzimmer, Speiseraum, Küche, Schlaf- und Kinderzimmer.

Sie haben auch die Straße gebaut, auf der unser Wagen so mühelos dahinglitt. Als sie gewalzt wurde, die neue Straße, zogen die hungernden Frauen die Walze. Weil sie billig waren, billiger als Tiere.

(…)

In den Frühlingsmonaten des Jahres 1945 mischte sich ein neuer, aufrüttelnder Laut unter die in Ravensbrück gewohnten Geräusche. Jeden Tag klapperten Holzpantinen über die Landstraße, scharrten Tausende bloßer Füße, schrien zornige Aufseherinnen und misshandelte Frauen. Rasselten die Maschinen in den Werkstätten und tuteten die Frachter am Landungssteg des Schwanensees. Knarrte der Leichenwagen und jaulte der Wind im Schornstein des Krematoriums.

Jetzt aber dröhnte der Horizont.

(…) Das ganze Lager wurde wie von Fieber erfasst.

Sie kommen!

Wir müssen ihnen zuvorkommen!

Aushalten, hierbleiben!

Evakuieren!

Jeden Tag wurden Transporte zusammengestellt, Verzeichnisse angelegt. Aber manche Aufseherinnen und Blockältesten waren schon nicht mehr ganz bei der Sache. (…)

Sowjetsoldaten wurden die Befreier der Gefangenen von Ravensbrück(…).

Als sie ins Lager kamen, fanden sie auf dem Ärmel einer der kahlgeschorenen Gefangenen Nr. 103 027 als höchste Häftlingsnummer. Aber nur zwölftausend Frauen waren noch da.

 

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