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Parlament

Artikel

6. März 2018

Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble: Laudatio für die Verleihung des Margot-Friedländer-Preises im Max-Liebermann-Haus

Sehr geehrte Frau Friedländer,
sehr geehrter Herr Schmitz-Schwarzkopf,
sehr geehrte Jurymitglieder,
liebe Preisträgerinnen und Preisträger,
meine Damen und Herren!


„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die 
Gegenwart.“ Richard von Weizsäcker prägte das Wort. Er hatte Recht damit –es gilt bis heute!

Das Judentum hat dieses Verständnis schon immer gehabt. 
Jüdische Identität beruht darauf, sich über die Vergangenheit seiner selbst zu vergewissern. Für gläubige Juden hat es den Rang eines Gebotes, sich immer wieder an den biblischen Auszug aus Ägypten zu erinnern – 
als Verpflichtung, das Wissen um die Vergangenheit des Volkes Israel von Generation auf Generation zu übertragen. Nur so ist die Existenz der 
Gemeinschaft gesichert.

Geschichte ist die Voraussetzung der Gegenwart – und der Umgang mit der Geschichte ist die Grundlage für die Zukunft jeder, auch der säkularen 
Gesellschaft. 
Daraus erwächst Verantwortung. Wie Gesellschaften mit ihrer Vergangen-heit umgehen, ist Ausdruck ihrer Kultur. In der Gegenwart.
Richard von Weizäcker hatte die deutsche Verantwortung im Blick, 
die schwierige Auseinandersetzung mit den Abgründen der nationalsozia-listischen Barbarei im 20. Jahrhundert. 

Es ist schmerzhaft, sich den von Deutschen verübten Untaten zuzuwenden. Gemordet hat nicht ein anonymer Unrechtsstaat. Es waren Menschen, die Verbrechen organisiert und verübt oder sie nicht verhindert haben – Täter und Mitläufer. Menschen, die nicht sehen wollten, um nichts zu riskieren, oder gar überzeugt waren, richtig zu handeln. 

Die Bereitschaft, dem ins Auge sehen zu können – sehen zu wollen! –, ist bei uns erst allmählich gewachsen. Im Laufe der Jahrzehnte. Wir haben das Sehen erst gelernt.

Das hatte viele Gründe. In der unmittelbaren Nachkriegszeit ging es ums Überleben – Deutschland lag in Trümmern. Danach um wirtschaftlichen Aufbau, um gesellschaftlichen Aufstieg. Für die Aufarbeitung eigener Traumata war kein Raum. Als ich wie die heute ausgezeichneten Jugendli-chen im Geschichtsunterricht saß, haben wir uns noch mit der Frage be-fasst, ob das Attentat vom 20. Juli rechtmäßig war. Heute ist das keine Fra-ge mehr. Erst später, vor allem als in den sechziger Jahren Tätern der Pro-zess gemacht wurde, bei den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt, beim Eichmann-Prozess in Jerusalem, da fragte die Jugend – sie fragte immer drängender nach der Vergangenheit, nach Schuld und Verantwortung der Eltern und Großeltern. Was ist damals passiert? Wie konnte das gesche-hen? Das Reden darüber fiel allen schwer: Opfer wie Täter konnten nicht reden, weil das Geschehene so entsetzlich war. Es brauchte zeitlichen Ab-stand, um sich der Geschichte zu stellen. Sie in Augenschein zu nehmen.

Der Margot-Friedländer-Preis leistet einen wichtigen Beitrag, auch die nachfolgenden Generationen sehend zu machen – für die Geschichte und ihre Folgen und damit auch für die Gegenwart mit ihren Herausforderun-gen. Deswegen erinnern wir uns doch! Um uns zu wappnen – gegen Aus-grenzung und Antisemitismus, gegen Populismus und jegliche Form von Rassismus.

Das Max-Liebermann-Haus ist der richtige Ort für diese Preisverleihung. Es ist geradezu prädestiniert dafür. 
Das wiederaufgebaute Haus verkörpert die wechselvolle Geschichte dieser Stadt im vergangenen Jahrhundert. Von hier aus verfolgte Max Liebermann, wie Deutschland allmählich den dünnen Firnis seiner Zivilität verlor. Es war auch sein Land, das Land, mit dem er sich identifizierte – 
ähnlich wie es auch in Ihrer Familie war, verehrte Frau Friedländer. Und in unzähligen anderen deutsch-jüdischen Familien.

Am 30. Januar 1933 marschierte die SA in Siegerlaune mit einem Fackelzug an diesem Gebäude vorbei. Liebermann spürte Abscheu vor dieser plump-aggressiven Machtdemonstration. 
„Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“, soll er in seinem Berliner Dialekt ausgerufen haben. 

Es war erst der Anfang des Grauens. 
Der Maler starb 1935. In seinem Haus. Schon 1936 wurde seine Frau Martha aus diesem Haus vertrieben. Sie nahm sich später das Leben, um der Deportation zu entgehen. Ein Stolperstein vor diesem Gebäude erinnert an Martha Liebermann, so wie inzwischen fast 8.000 solcher Steine in Ber-lin Menschen benennen, die vor den Augen der Öffentlichkeit aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben wurden – jeder Stein ein persönliches Schicksal. Gegenüber großen Gesten und der Symbolik von Denkmälern sind sie kleine Mahnmale, die im Alltag innehalten lassen. Für einen 
Moment wenigstens. Wer einmal die große Zahl von Stolpersteinen ganze Straßenzüge entlang gesehen hat, begreift, was man damals wissen konnte, hätte man hingeschaut.

Verehrte Frau Friedländer, 
Sie haben als einzige aus Ihrer Familie den Holocaust überlebt. 
Wir sind Ihnen dankbar, dass Sie heute hier sind. Vor allem danke ich Ihnen für Ihre unermüdliche Arbeit mit Jugendlichen in den Schulen. In ganz Deutschland. Seit vielen Jahren. 

„Versuche, dein Leben zu machen“ – das war das Vermächtnis Ihrer 
Mutter, das Sie von Nachbarn überliefert bekommen haben. Zusammen mit ihrer Handtasche – darin ihr Adressbuch und ihre Bernsteinkette. 

Sie sind entkommen und Sie haben Ihr Leben gemacht. Als eine der etwa 1.700 geretteten Berliner Juden, die sich der Deportation in den sicheren Tod entziehen konnten, weil sie von nichtjüdischen Bürgern dieser Stadt Hilfe erfahren haben. 
Diese Menschen haben bewiesen, dass es unter dem unmenschlichen Ter-rorsystem möglich war zu helfen, Humanität zu leben. Mensch zu bleiben. 

Es ist von unschätzbarem Wert, dass Sie Ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Erinnerungen aus der Zeit der Verfolgung und Entrechtung mit der heuti-gen jungen Generation teilen. Genauso Ihre klare Botschaft an die Jugend. Ich zitiere Sie: „Ihr müsst die Zeitzeugen werden, die es schon bald nicht mehr geben wird. Es geht nicht um Schuld. Es geht um Verantwortung.“ 

Dieser Preis, der Ihren Namen trägt, ermutigt dazu. Er ermutigt junge Men-schen, erinnernd Verantwortung zu übernehmen. 

Warum erinnern wir uns denn?
Auch weil wir es den Opfern millionenfacher Morde schuldig sind und ihnen die Ehre erweisen wollen. Um ihnen Stimme und Gesicht zurückzu-geben, ihre menschliche Würde. 
„Zahlen und Ziffern können nicht genügen“, hat der im vergangenen Som-mer verstorbene Historiker und Mitstreiter für die Errichtung des Holo-caust-Mahnmals in Berlin, Eberhard Jäckel, zurecht betont. 
Es braucht im Umgang mit der NS-Vergangenheit neben Wissen auch Em-pathie. 

Und wir erinnern uns – nicht zuletzt! – zur eigenen Selbstvergewisserung. Um unserer Gegenwart willen. Die Geschichte gibt keine Handlungsanlei-tung für eine konkrete Situation. Wer sich mit ihr ernsthaft befasst, ge-winnt aber Sensibilität für gesellschaftspolitische Entwicklungen in der Gegenwart und kann sie besser deuten. Diese Sensibilität braucht es – im-mer wieder, auch heute. Gerade heute!

Wir erinnern uns, damit wir nicht vergessen, dass es nicht ein für allemal gegeben ist, in Freiheit, in Rechtsstaatlichkeit und in Demokratie zu leben. 

Diese Werte werden nicht nur von Extremisten bedroht. Auch die mensch-liche Natur spielt eine Rolle. Wir neigen dazu, Gegebenheiten, die wir als dauerhaft ansehen, für selbstverständlich zu halten. Sie kaum zu beachten. 
Eine zivile demokratische Ordnung, in der auch schwere Konflikte durch etablierte politische Prozesse in einem rechtsstaatlichen Rahmen geregelt werden, ist alles andere als selbstverständlich. Sie ist nicht hoch genug zu schätzen. 

Ein Blick auf die vielen gewaltsam ausgetragenen Konflikte in der Welt reicht, um das zu begreifen. 

Die demokratische Ordnung ist nicht selbstverständlich. Historisch ist sie auch in Deutschland der Ausnahmefall. Sie wurde lange erkämpft und erst nach den schrecklichsten Verirrungen erreicht. 

Wir tun gut daran, uns dessen bewusst zu bleiben. Insbesondere dann, wenn bei aller auch berechtigter Kritik pauschale Unzufriedenheit mit der Politik immer lauter wird – 
ohne die Mühe der Differenzierung, 
ohne Verständnis für die Komplexität der modernen Gesellschaft mit ihrer Verwobenheit in der globalisierten Welt, 
ohne selbst politische Verantwortung übernehmen zu wollen. 

Schlimmer noch: Es ist beschämend, dass im vergangenen Jahr pro Tag durchschnittlich vier antisemitische Straftaten in Deutschland begangen wurden – vier pro Tag! 
Auch Moscheen sind Ziele von Übergriffen und Schändungen. 
Die Verrohung im Internet und in der Öffentlichkeit nimmt zu: Gewalt, Mobbing und Rassismus gibt es auf Schulhöfen, in Fußballstadien, im All-tag. Die Regeln des Anstands scheinen immer häufiger außer Kraft. 
Das ist nicht hinnehmbar. Ein hasserfülltes gesellschaftliches Klima, pau-schale Vorurteile, negative Stereotype – das alles gefährdet die Demokra-tie. 

Deswegen sind Jugendprojekte wie Ihre wichtig. Wir brauchen ein reflek-tiertes Geschichtsbewusstsein. 
Eines, das den Leidensgeschichten gerecht wird. 
Eines, das den Wert der Demokratie stärkt. 

So wächst verantwortungsvolles Handeln – 
aus dem Wissen, dass noch so demokratisch gefestigte Gesellschaften kip-pen können; 
aus dem Wissen um die Schwäche und Verführbarkeit der menschlichen Natur, die für die vermeintlich einfachen Antworten von Populisten emp-fänglich ist.

Der Margot-Friedländer-Preis wird heute zum vierten Mal verliehen. 
Trotzdem ist es eine Premiere: Zum ersten Mal wurden Jugendliche bun-desweit aufgerufen, Ideen für Projekte einzureichen. Die Resonanz war groß. 
90 Bewerbungen sind eingegangen, aus allen Bundesländern. Alle Schular-ten sind vertreten. 

Das macht Hoffnung. 
Hier zeigt sich, wie sehr sich auch junge Menschen für die Geschichte in-teressieren. Jede Generation muss ihre eigenen Fragen stellen. Und alle, die sich mit ihren Projekten beworben haben, tun das mit großem Ernst. Sie stellen Fragen, suchen nach Antworten – und ganz wichtig: 
Sie reflektieren und handeln danach. 

Ich bin beeindruckt von den Ideen, der Kreativität, dem Engagement der Schülerinnen und Schüler, die heute ausgezeichnet werden. Von ihren dif-ferenzierten, reifen Überlegungen – über die Geschichte und ihre Lehren. 

Die Projekte sind sehr unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen die Auseinan-dersetzung mit der Vergangenheit im unmittelbaren Umfeld, in den Wohn-orten. 
Die Preisträger beziehen in ihr Engagement Mitschüler ein, politisch Ver-antwortliche vor Ort, um etwas Konkretes zu bewirken, sichtbare Zeichen zu setzen.
Sie recherchieren, suchen Zeitzeugen, sprechen mit ihnen, erarbeiten auf diese Weise Wissen – und das nicht nur für sich. Sie gehen über die Klas-senräume hinaus, schaffen für ihre Projekte Öffentlichkeit in unterschied-lichster Form. 

Das finde ich wunderbar. Denn sie tragen dazu bei, dass auch andere se-hend werden.

Für das erstplatzierte Projekt der Joseph-Carlebach-Stadtteilschule aus Hamburg trifft das wörtlich zu. 
Die Schülerinnen und Schüler der einzigen jüdischen Schule in der Hanse-stadt wollen die Bornplatzsynagoge, die von den Nazis barbarisch zerstört wurde, virtuell wiederaufbauen. Sie wollen mit Hilfe modernster Technik dieses ehemals größte jüdische Gotteshaus in Nordeuropa sogar dreidimen-sional begehbar machen. 
Hier arbeiten jüdische und nichtjüdische Jugendliche mit verschiedenen Familiengeschichten und daraus resultierend unterschiedlichen histori-schen Perspektiven zusammen, um einen Eindruck der einstigen Schönheit, Größe und Pracht der Synagoge zu vermitteln. 
Und das ist nur der Ausgangspunkt für Gespräche und Begegnungen mit Jugendlichen anderer Religionsgemeinschaften und darüber hinaus. 

Schon die Installation von großflächigen Fotos und Informationen über die Synagoge am vergangenen 9. November war ein großer Erfolg und hat bei vielen Menschen Interesse geweckt. Die geplante dreidimensionale Dar-stellung wird im Juni noch eindrucksvoller zeigen – oder zumindest an-schaulischer machen –, welchen Verlust die Zerstörung jüdischer Kultur und jüdischen Lebens für Hamburg bedeutet. 

Die Talmud Tora Schule, aus der die heutige Stadtteilschule hervorgegan-gen ist, war selbst Zeugin dieser Zerstörung im früheren jüdischen Grin-delviertel! Heute ist sie ein sichtbares Zeichen neuen jüdischen Lebens in Hamburg – beschämenderweise unter Polizeischutz, wie alle jüdischen In-stitutionen in Deutschland.

Auch die Schülerinnen und Schüler der zweitplatzierten Nibelungen-Realschule Braunschweig machen die Vergangenheit in ihrer Stadt sichtbar – 
mit einer Ausstellung, mit Dokumentationen und selbstgestalteten Gedenk-tafeln zur örtlichen Geschichte der Sinti. 
Und mit Begegnungen: Vor drei Tagen fand auf Initiative der Schüler eine öffentliche Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Deportation der Sinti aus Braunschweig nach Auschwitz statt. 
Das Ergebnis ihrer umfangreichen Recherchen übergeben die Jugendlichen dem Archiv der Gedenkstätte Schillstraße, die an ein KZ-Außenlager erin-nert. 
Abgeschlossen ist das Projekt damit noch lange nicht. Die Jugendlichen wollen es fortsetzen und suchen schon nach Ideen dafür. 

Im sächsischen Rochlitz, wohin der dritte Preis geht, haben sich Schüle-rinnen und Schüler der Oberschule „An der Mulde“ auf die Spurensuche nach jüdischem Leben in ihrer Heimat begeben. 
Sie werden die Ergebnisse in Form einer Zeitschrift von Jugendlichen für Jugendliche präsentieren und darin berichten, wie vielfältig das jüdische Leben in Sachsen vor der Nazi-Zeit war; sie wollen Schicksale von Verfolg-ten aufschreiben und Interesse wecken für jüdische Kultur in ihrer Umge-bung heute. 
Und sie wollen mit einer Schülerumfrage und Gesprächen etwas gegen An-tisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung tun. 

Alle drei Projekte sind preiswürdig – und ich bin sicher, dass schon diese Auswahl unter den vielen anderen eingereichten Ideen nicht leicht gewe-sen ist. 

Ich gratuliere den Schülerinnen und Schülern, die heute ausgezeichnet werden, sehr herzlich und wünsche ihnen viel Erfolg bei der Verwirkli-chung ihrer Projekte! Ich bin überzeugt, dass damit viele neue Erkenntnisse und anregende Begegnungen verbunden sein werden! 
Ihr Erfolg ist ein Gewinn für uns alle! Die Demokratie lebt vom Engage-ment. Und sie ist stark, wenn sich die Jugend dafür einsetzt.

Deshalb möchte ich noch ein Wort des Dankes an die Schwarzkopf-Stiftung richten. Für ihr gesellschaftspolitisches Engagement insgesamt und für die „Erfindung“ des Margot-Friedländer-Preises in besonderer Weise. Damit leistet die Stiftung einen wichtigen Beitrag dazu, dass junge Menschen, Verantwortung übernehmen und Zukunft gestalten. 
Als Wissende, als Sehende. Als mündige Bürger. 

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